Gammelfleisch mit Immatrikulationshintergrund

Läuft bei dir_Zu Beginn dieser außerordentlich fragwürdigen Woche, wurde das Jugendwort des Jahres enthüllt. Wobei, genau genommen sind es 2014 sogar drei: “Läuft bei dir!” Dieser Ausdruck hat nichts (oder nur am Rande des Bedeutungshorizontes) mit Inkontinenz zu tun, sondern gilt als wohlwollend, anerkennender Kommentar zu einer gelungenen Aktion innerhalb der Peergroup. Oder so ähnlich.

In meiner kuscheligen Bürogemeinschaft haben wir ausführlich darüber diskutiert, doch leider hatte keiner von uns bislang diese Redewendung im aktiven Gebrauch belauschen dürfen. Was womöglich daran liegt, dass wir allesamt schon der Gammelfleisch-Sektion zuzuordnen sind. “Gammelfleischparty” war nämlich das Jugendwort 2010 und bezeichnete Ü30-Partys. Wir Gammelfleischler kommen da eben nicht mehr mit, was die Jugend so von sich gibt.

Vielleicht liegt es aber auch an der Tatsache, dass wir allesamt eine Art Immatrikulationshintergrund aufweisen können, will heißen: wir haben Hochschulen auch von Innen gesehen. Angeblich wird dieser Ausdruck von bildungsfernen, aber wahnsinnig kreativen Jugendlichen als despektierliche Bezeichnung für Studenten gewählt.  Aha. Wäre hübsch, allein mir fehlt der Glaube. Kenne ich doch einige bildungsbürgerliche Erwachsene, die nicht (oder nur schwer) in der Lage wären, diesen wunderbaren Begriff fehlerfrei zu schreiben.  Und dann soll er in den neunten Klassen von Hauptschulen kursieren?

An dieser Stelle böte sich nun einer neuerlicher Exkurs zu einem meiner Lieblingsthemen an: Rechtschreib- und Grammatikkompetenz. Doch da ich mich erst kürzlich dazu aufgerieben habe und man seinen Lesern ja ständig Neues bieten soll, ein anderes Herzens-Anliegen von mir: Der Kampf gegen den SUV-Wahn! Heute morgen am Zebrastreifen nämlich …

Kinder, Kirche, Katastrophen

Dunkle WolkenTiefe Ratlosigkeit hat von mir Besitz ergriffen und eine gewisse Traurigkeit darüber, dass die Fiktion mal wieder von der Realität eingeholt wurde. Aber fangen wir mit einem Aufreger an, dem ich am Donnerstag eigentlich einen eigenen Blogbeitrag widmen wollte – wäre ich nicht in Recherchen für ein neues Buch verstrickt gewesen.

Das Bundesverfassungsgericht hat entschieden, dass die katholische Kirche wiederverheiratete Mitarbeiter feuern darf. Anlass dieser Entscheidung war die Klage eines Chefarztes, der seine Anstellung in einem katholischen Krankenhaus in Düsseldorf verloren hatte, weil er nach seiner Scheidung erneut geheiratet hat. Die katholische Kirche erachtet die Ehe als unauflösbar, doch erstaunlicherweise ist nicht die Scheidung die schwerere Süde (die erkennt die Kirche ja gar nicht an), sondern die erneute Heirat. Sünden müssen selbstredend bestraft werden, und weil das Jüngste Gericht gerade nicht zur Verfügung stand, übernahm der kirchliche Träger des Krankenhauses das selbst und setzte den Arzt auf die Straße. Total okay, wie das Bundesverfassungsgericht jetzt verfügte. Klasse! Ganz, ganz groß!

Da kann der fantastische PR-Papst Franziskus machen was er will, gegen die engstirnige Bigotterie hat auch er keine Chance. Es ist wohl keine kühne Prophezeiung, dass diese arbeitsrechtlichen Entscheidungen der Ortskirchen den ohnehin schwindenden Fanclub der katholischen Kirche sicher nicht vergrößern wird.  Ich finde es überhaupt zutiefst widerwärtig, was an Kriegen und unmenschlichem Leid alles im Namen Gottes passiert. Die Themen Barmherzigkeit und Toleranz scheinen jedenfalls in praktisch jeder Konfession ziemlich out zu sein. Wo bitte bleibt die säkulare Gesellschaft?

Doch womöglich wäre sie auch keine Lösung, denn Zwietracht scheint dem Homo Sapiens derart in den Genen zu liegen, dass er vor allem nach elaborierten Begründungen (= Religion) für seine Grausamkeiten sucht. Das fängt ja schon in der Familie an – und damit schlage ich den Bogen zu meinem Eingangssatz: Für Recherchen zu einem neuen Romanprojekt habe ich Freunde, Bekannte und Fremde in der letzten Zeit zu ihren Familienfehden befragt.

  • Erschütternde Erkenntnis Nummer eins: Ausnahmslos JEDER hatte reichlich zu berichten – teilweise derart atemberaubende Grausamkeiten, die in einem fiktionalem Text als unrealistisch abgetan würden.
  • Erkenntnis Nummer zwei: JEDER leidet darunter! Vor allem unter der Sprachlosigkeit, die in den meisten Familien herrscht. Es wird zwar viel gelabert, aber selten nur über die wirklich wichtigen Punkte gesprochen. Stattdessen kämpfen Ehefrauen gegen ihre Männer, Mütter gegen ihre Töchter, Söhne gegen ihre Väter, Geschwister untereinander – von entfernteren Verwandtschaftsbeziehungen mal ganz zu schweigen. Gerne alles auch noch in wechselnden Allianzen, damit nur nicht zu klar ist, wer gerade auf welcher Seite steht.
  • Erkenntnis Nummer drei: JEDER hat Erfahrung, JEDER leidet, aber KEINER ist fähig, etwas daran zu ändern!
  • Erkenntnis Nummer vier: Ich bin jetzt wirklich deprimiert.

Womöglich sollte ich über einen Genrewechsel nachdenken: Science Fiction oder Fantasy – da stricke ich mir die Welt nach meinen Vorstellungen. Eskapismus als Lebensmodell? Aber wem hilft das weiter? Eben.

 

Schlimmer geht’s immer

The_wurst_is_yet_to_comeEigentlich sollte ich jetzt DRINGEND das Exposé zu einem neuen Romanprojekt ausarbeiten, aber ich kann mich gerade nicht entscheiden, wie der Arbeitstitel lauten soll: “Löwinnen” oder doch besser “Seensucht”?

Seensucht ist übrigens KEIN Tippfehler, sondern Absicht! Die Erklärung dazu würde allerdings zu viel vom noch fragilen Plot verraten, und da ich mit besorgten Leserinnen gerade vorgestern eine Diskussion zum Thema Schutz des geistigen Eigentums hatte (sehr süß, nachzulesen im Thread meiner Hundstage-Leserunde) halte ich ausnahmsweise diesbezüglich die Klappe.

Und kümmere mich stattdessen um das Thema “Rechtschreibung, Grammatik und Tippfehler”. Bei diesem Komplex schlagen mindestens zwei Herzen in meiner Brust. Während ich immer geneigt bin, Tippfehler zu verzeihen (in Blogs wie diesen, der davon nur so strotzt, in eMails oder auch in schnellen Facebook-Posts), kann ich mich ohne Ende über schlampige Grammatik, irritierende Kommasetzung (“Wir essen jetzt, Opa!” oder “Wir essen jetzt Opa!”) oder fehlende Großschreibung aufregen. Da gibt es, verdammtnochmal, UNTERSCHIEDE! Relevante Unterschiede!

Groß-und KleinschreibungSo, jetzt habe ich mich in Rage geschrieben – und bin auch noch nicht fertig. Ich lese nämlich gerade ein wirklich außerordentlich witziges Buch einer sehr netten Kollegin. Das Genre ist für mich bislang Neuland, aber die Story ist extrem gut aufgebaut (bin bei knapp der Hälfte), Tempo und Timing sind brillant und die Sprache wohltuend anspruchsvoll. Wenn, ja wenn da nicht die Sache mit der großen Duzerei wäre.

Menschen meiner Generation haben in der Schule gelernt, dass man in Briefen seinen Adressaten höflich Siezt oder Duzt (bewusste Großschreibung, liebe Weblektoren – weitere Akquisemails sind unnötig und falls doch: bitte etwas origineller und persönlicher!). Beispielsweise so: “Liebe Frau A.,  vielen Dank für Ihre aufmerksamen Mails, in denen Sie mich freundlicherweise auf die augenscheinlich erschütternden Tippfehler meiner beiden Websites hinweisen….” Wäre ich mit Frau A. persönlich bekannt hätte ich früher folgendes geschrieben: “Liebe Kirsten, vielen Dank für Deine aufmerksamen Mails, in denen Du mich freundlicherweise …”

Höfliches Großschreiben also. Macht man beim Siezen immer noch – nicht nur in Korrespondenzen, sondern auch in Prosatext-Dialogen. Nicht so beim Duzen! Das ist inzwischen schon in Briefen und Mails antiquiert und galt noch NIE in Dialogen! Und jetzt komme ich wieder zurück zum Roman der Kollegin. Da wird leider durchgängig groß geDuzt und geDicht und geDeint, dass es mich von Seite zu Seite mehr nervt. Und jetzt mein Dilemma: Soll ich’s ihr sagen? Oder hoffen, dass sie diesen Beitrag zufällig selbst liest – und bis hier durchgehalten hat?

Hmmmm. Habe ich’s diesmal geschafft, einen kleinen Shitstorm à la “Wer ohne Fehler ist …”? zu provozieren? Ich bin mir ganz sicher, dass auch in diesem Text etliche Tippfehler sind. Ganz sicher sogar falsch gesetzte Kommas (oder Kommata, Frau A?), womöglich auch ein dicker Grammatikschnitzer. Aber sorry, für ein professionelles Web-Lektorat fehlen mir Zeit und Geld, Frau A. Das investiere ich lieber ins Lektorat meiner Romane. So, und jetzt erwarte ich voller Vorfreude die Giftpfeile!

Nicht Schiff, nicht Hund

nichtSchiffnichtHundEs ist einer dieser Montage, die sich nicht entscheiden können, ob sie Fisch oder Fleisch sein möchten. Vielversprechender Wochenstart oder Rohrkrepierer, hoffnungsfroher Beginn oder Ist-eh-schon-alles-zu-spät. Kurz, ein wirklich schwieriger Tag.

Vielleicht liegt’s aber auch am Novembergrau, das sich bräsig auf die Synapsen legt oder an der frühmorgendlichen Bettlektüre (auch das noch: wach um 05:41!) über Alzheimer. Jedenfalls will kein charmantes Bonmont über meine Lippen, geschweige denn durch meine Finge in die Tastatur fließen.

Dabei habe ich gerade in einem Interview behauptet, dass ich NIE unter Schreibblockaden leide. Ein Blick auf meinen verwaisten Blog hier, lässt jedoch andere Theorien zu. Daher auch dieser Post über meine Entscheidungsschwäche: Ist der Tag nun Schiff (wie Gefühlte Wahrheit) oder Hund (wie Hundstage)? Gehe ich nach Hause oder produziere ich doch noch etwas Sinnvolles?

Ich fürchte fast, dass im Ranking der dämlichsten Beiträge meiner Bloggerlaufbahn, dieser hier eine hohe Top-Five-Platzierung einnehmen wird, denn auch wenn es interessante Themen en masse gäbe (25 Jahre Mauerfall, Silbernes Lorbeerblatt fürs DFB-Team, die überraschende Rowohlt-Shortlist-Nominierung von Gefühlte Wahrheit, die großartige Hundstage-Leserunde auf Lovelybooks), mag ich mich um gar nichts kümmern.

Rohwohlt-ShortlistSo, ich schreibe jetzt in mein Notizbuch fünfhundertmal den Satz: “Ich darf meine Leser nicht langweilen! Ich darf meine Leser nicht langweilen! Ich darf meine Leser nicht langweilen! Ich darf meine Leser nicht langweilen! Ich darf …” Okay, ich halte jetzt die Fresse! Morgen ist ein besserer Tag. Hoffentlich …

Sonnenaufgang auf der Sea Cloud

Sonne geht aufZum Sonnenuntergang an diesem Sonntag ein paar Zeilen zu meinem persönlichen Sonnenaufgang: Ich hatte das große Glück, letzte Woche ein paar Tage an meinem Sehnsuchtsort verbringen zu dürfen. Wobei es eigentlich gar kein Ort im geografischen Sinn ist, sondern ein Schiff. Mein Traumschiff – die Sea Cloud nämlich. Und dieser strahlend schöne Großsegler hat mich innerhalb weniger Stunden in einen Zustand versetzt, den wenig romantisch veranlagte Zeitgenossen auch als “brainwashed” bezeichnen würden.

Nun gehöre ich normalerweise auch zu jenen Menschen, die eher rational denn emotional agieren und als erwiesene Freundin der pointierten Prosa sind mir pseudo-poetische Lebensweisheiten à la “Man sieht nur mit dem Herzen gut” ein Graus. Zumal Saint-Exupéry diesen Umgang mit seinem Werk auch nicht verdient hat, doch das nur am Rande. Trotzdem komme ich aktuell nicht umhin, in diesen Duktus einzuschwenken: Ich habe einen wunderbaren Sonnenaufgang erlebt – tatsächlich (siehe Foto) und im übertragenem Sinn.

Aus diese Grund gibt es jetzt gleich zwei Varianten der gleichen Geschichte. Zunächst für die Gemütsmenschen unter uns, die solche Töne von mir vielleicht nicht erwarten. Der Rest findet die wesentlichen Facts weiter unten – keine Sorge, deutlich markiert!

Die letzten Wochen und Monate waren extrem turbulent und ereignisreich mit vielen großen, kleinen, wichtigen, nicht ganz so wichtigen, vagen, konkreten, unwahrscheinlichen und hoffnungsfrohen Projekten. So viel jedenfalls, dass die überforderte Maschine in meinem Kopf selten zur Ruhe kam. Doch in dem Moment, als der stolze Windjammer das offene Meer erreichte, war das alles weit weg und unwichtig. Es war weder meine erste Schiffsreise, noch ein reiner Vergnügungstrip (ja, ich habe tatsächlich gearbeitet!), aber der Zauber der “alten Lady” ist bei mir auf sehr fruchtbaren Boden gefallen und hat seine Wirkung voll entfaltet. Die Sea Cloud hat in den 83 Jahren ihrer Existenz wohl schon alles gesehen, was die Menschheit und die Menschen umtreibt. Und auch wenn sie faktisch ein unbelebter Gegenstand aus Stahl, Holz, Tauen und Segeln ist, bin ich überzeugt davon, dass sie eine Seele besitzt. Diese grandiose Mischung aus Wind, Sonne, salziger Seeluft, rollender Wellen, Abenteuerlust und Freiheit, gepaart mit der Geborgenheit des Schiffs hat vor allem eines bei mir bewirkt: Zufriedenheit. Und eine innere Ruhe, die ich nicht oft erlebe.

Dass nebenbei mein persönlicher Wertekompass neu geeicht wurde und ich eine Handvoll sehr spezieller Menschen kennenlernen durfte, ist ein zusätzliches großes Geschenk. Die Herausforderungen sind durch diese Reise nicht weniger geworden, aber ich hoffe, dass ich zukünftg in stressigen Momenten von meinem persönlichen Sonnenaufgang profitieren kann.

Soul CloudSo, und jetzt die Variante für uns Zyniker:

Die kurze Auszeit hat meine Gehirnwindungen freigepustet und es ist nicht augeschlossen, dass mich die vier Tage an Bord zu weiterem Elaborat im Stile von Gefühlte Wahrheit inspiriert haben. Genauso wenig kann ich mit Sicherheit ausschließen, dass Zufriedenheit und innere Ruhe durchaus auch dem regelmäßigen Konsum feinster Nahrungsmittel und Alkoholika zuzuschreiben sind… Ich werde das wohl bei Gelegenheit nochmals überprüfen müssen.