Paten statt Plunder

Weihnachten ist gerade vorbei und schon rüstet sich die Buch-Community für die nächsten Conventions und Messen mit der Frage aller Fragen: Welche Goodies gibt’s diesmal? Wie wäre es stattdessen mal mit einer guten Tat statt noch mehr Plunder?

Gute Taten statt Goodies!?

Versteht mich nicht falsch, Goodies sind toll! Lippenpflegestifte mit dem Namen der Lieblingsautorin drauf.  Kosmetikspiegel mit dem zuckersüßen Buchcover. Superpraktische Einkaufswagen-Chips. Personalisierte Glückskekse. Schlüsselanhänger, Kühlschrankmagneten, Kugelschreiber, Taschentücher, Bleistifte, Tassen, Trinkflaschen, Duschgels, Aufkleber, Textmarker, Nagellacke, Schneekugeln, … und was weiß ich nicht alles sonst. Nach einem Messebesuch hat man manchmal so viel Beute in den Taschen (ich habe die Taschen vergessen! Tüten, Baumwollbeutel, Umhängetaschen …), dass man fast einen eigenen Laden eröffnen könnte. Was als Einzelstück niedlich war, wirkt in der Masse plötzlich nur noch belanglos, irgendwie beliebig und – machen wir uns nichts vor – häufig auch ziemlich billig und schrottig.

Nun will ich hier nicht die Moralkeule schwingen und auch noch Spielverderber-Stichworte wie “Mikroplastik”, “Nachhaltigkeit” und “Wegwerfgesellschaft” bringen (oops!), es muss schließlich jeder selbst für sich entscheiden. Meine Entscheidung lautet: Ich reduziere mein Goodie-Budget dramatisch und investiere das gesparte Geld lieber sinnvoll.

Patenschaft statt Plunder

Als ich kürzlich mal hochgerechnet habe, wie viel Geld ich in den letzten drei Jahren für Werbematerial und Portokosten ausgegeben habe, ist mir ganz schwummerig geworden. Noch einmal: Ich schenke gerne, aber ich glaube nicht, dass ich auch nur ein einziges Buch mehr verkauft habe, nur weil’s bei mir dolle Dinge abzustauben gibt. Daher habe ich mich dazu entschlossen, mit diesem Geld zukünftig ein Kind zu unterstützen.

Darf ich vorstellen? Das ist Asnakech – mein brandneues Patenkind aus Äthiopien. Sie ist neun Jahre alt und lebt mit ihren Eltern und vier Geschwistern in einem Haus, das aus einfachen Rohrstöcken errichtet ist und ein Wellblechdach hat. Frisches Wasser holt sich die Familie aus einer Quelle, die 30 Minuten entfernt ist. Zur Schule muss sie jeden Tag 45 Minuten laufen – einfache Strecke.

Ich hoffe von Herzen, dass ich ihr mit meiner monatlichen Spende eine echte Chance geben kann. Ich wünsche mir, dass sie einen Schulabschluss schafft und später einen Beruf erlernt, mit dem sie sich selbst versorgen und vielleicht auch mal ihren eigenen Kindern einen guten Lebensstart ermöglichen kann.

Nichts mehr zu holen bei Müller/Taylor?

Natürlich muss sich keiner mit einem feuchten Händedruck zufrieden geben, der mir auf einer Messe über den Weg läuft, aber ich werde in Zukunft deutlich mehr darauf achten, was ich an Werbemittel produzieren lasse. Es ist doch ganz bestimmt ausreichend, wenn es pro Buch nur eine Sache gibt, oder? Also beispielsweise eine Postkarte, ein Lesezeichen oder einen Magnet und nicht alles zusammen. Und von zeitlosen und langlebigen Goodies wie Kugelschreibern haben wir alle etwas, nicht wahr?

Klar, möchte ich treuen Fans und potenziellen neuen Leserinnen das Gefühl geben, dass ich sie wertschätze, aber geht das wirklich nur über (Werbe)Geschenke? Sachen, die niemand wirklich braucht, die vielleicht sogar bald auf dem Müll landen? Wäre es dagegen nicht viel sinnvoller, wenn ich meine Energie in  neue Geschichten stecke und Geld für Projekte ausgebe, die tatsächlich einen Unterschied machen? Wenn jemand eine Cover-Tasse von mir bekommt, wird sich sein/ihr Leben dadurch weder positiv noch negativ verändern. Wenn ich aber dafür sorgen kann, dass Asnakech zur Schule gehen darf, zu essen hat und Kleidung bekommt, dann könnte das für dieses Mädchen eine echte Chance sein.

Wie? Was? Wo? Warum?

Nach ausführlicher Recherche habe ich mich für eine Patenschaft bei Plan International entschieden, aber es gibt natürlich eine ganze Menge weiterer seriöser Organisationen. Auch in meinem Roman Robin – High in the Sky (den ich unter meinem Pseudonym Charlotte Taylor verfasst habe) geht es um Hilfsorganisationen. Ich habe mich bei der Arbeit daran schon ausführlich mit dem Thema befasst – durchaus auch mit den Schattenseiten. Deshalb war es mir wichtig, eine Organisation zu wählen, die es schon lange gibt, die groß ist, international und vor allem professionell. Natürlich wird ein gewisser Betrag meiner Spende für administrative Kosten verwendet, was ich aber in Ordnung finde. Meiner Meinung nach kann eine Organisation, die sich rein auf den Idealismus ihrer ehrenamtlichen Mitarbeiter stützt, nicht nachhaltig funktionieren.

Ich interessiere mich zudem schon sehr lange für Äthiopien,daher war es für mich klar, dass mein erstes Patenkind in diesem Land leben soll. Dass es ein Mädchen sein muss, stand ohnehin außer Frage, einfach weil Mädchen noch viel stärker benachteiligt sind als Jungs.  Wer weiß, vielleicht kann ich Asnakech sogar irgendwann einmal besuchen?

Neujahrswunsch

Falls ich mit diesen Worten die, den ein oder andere KollegIn dazu bewegen konnte, es mir gleich zu tun, dann würde es mich unbändig freuen! Ich bin mir ganz sicher, die meisten unserer LeserInnen fänden das ziemlich gut.

Ach ja, umgekeht gilt das natürlich auch: Ich habe so wundervolle Fans, die mich gerade zu Weihnachten wieder reich beschenkt haben. Das hat mich unglaublich berührt, aber vielleicht wollt ihr in Zukunft das Geld auch einfach spenden? Es muss ja nicht gleich eine Patenschaft sein. Zwei Euro für einen Obdachlosen, eine Futterspende fürs Tierheim – auch so etwas finde ich ganz großartig. Und glaubt mir, am meisten freue ich mich, wenn ihr meine Bücher lest und weiterempfehlt, mehr brauche ich nicht. Danke!

Die Sentimentalitätsfalle

Weine nicht, ... Keine Sorge, das hier wird kein Exkurs in die Tiefen des deutschen Schlagers, es geht vielmehr um anderes Wasser. Jenes nämlich, das mir aus den Augen tropft, wenn ich mal wieder in die Sentimentalitätsfalle getreten bin.

Gerührt bis auf die Knochen

Ich weiß nicht mehr genau, wann es angefangen hat, dass ich ständig vor Rührung weinen muss. Früher war ich deutlich abgebrühter. Als Kind habe ich bei Winnetous Film-Tod nur betroffen mit den Schultern gezuckt, aber meine Augen blieben trocken, während meine Freundin Tanja praktisch das gesamte elterliche Wohnzimmer geflutet hat. Wenig später bei der Lektüre des Buchs, sah die Sache schon anders aus. Das geschriebene Wort hatte schon immer deutlich mehr Macht über mich und meine Gefühle als bewegte Bilder. Mit einigen Ausnahmen – doch dazu später.

Warum haben ein paar dürre Buchstaben so einen Einfluss auf meinen Gefühlshaushalt? Ich habe keine Ahnung, aber es funktioniert in fast allen Lebenslagen. Sehe ich einen Bettler auf der Straße, nimmt mich das in der Regel mit, hat er oder sie ein Schild dabei mit der Aufschrift “Ich habe Hunger” oder “Ich friere”, bricht mir das Herz. Ganz wenige Wörter reichen, um massives Kopfkino auszulösen – und um meine Spendenbereitschaft deutlich zu erhöhen.

Anderes Beispiel: Ich bin seit Jahren in einer großen internationalen Airedale-Terrier-Gruppe auf Facebook. Darin tummeln sich knapp 13.000 irre Hundebesitzer aus der ganzen Welt, die Wohl und Weh ihrer Vierbeiner teilen. Bei so vielen Mitgliedern kommt es zwangsläufig recht oft vor, dass ein treues Tier aus dem Leben scheidet. Es gibt Tage, die beginne ich nach einem ersten Blick auf Facebook hilflos schluchzend, weil ich mit mir vollkommen fremden Menschen um deren verstorbenen besten Freund weine. Mein Mann findet das einigermaßen befremdlich …

Ähnlich geht es mir übrigens auch beim Schreiben. Wird es besonders romantisch oder traurig, brechen bei mir alle Dämme und sich sitze schniefend vor meinem Computer und lasse zu, dass Tränen in meine Tastatur tropfen. In letzter Zeit tappe ich immer häufiger in die Sentimentlitätsfalle. Und die muss nicht einmal mehr was mit Buchstaben zu tun haben. Kopfkino reicht völlig.

Here we go again

Oder auch nur Kino. Kam es früher so gut wie nie vor, dass ich mich im abgedunkelten Kinosaal oder vor der Mattscheibe zu größeren Emotionen habe hinreißen lassen, gehört das Päckchen Taschentücher inzwischen zu meiner Grundausstattung bei jedem Film-Event. Zur größten Belustigung von Nichte und Neffe, bin ich im Sommer 2017 sogar bei der wirklich haarsträubend-trashigen Pferde-Schmonzette Ostwind 3 – Aufbruch nach Ora am Ende in Tränen ausgebrochen. Die beiden lachen sich heute noch darüber schlapp …

Den größten Heul-Erfolg feierte in letzter Zeit aber eindeutig Mamma Mia – Here We Go Again! Seit ich denken und bewusst Musik wahrnehmen kann, bin ich Abba-Fan (also SEHR lange), daher war dieser Film ein Muss. Die teils harsche Kritik (ja, der Auftritt von Cher ist etwas … nun ja … eigenwillig …) konnte mich nicht abhalten, ich freute mich schlicht auf einen mitreißenden Musikfilm. Womit ich nicht gerechnet habe, war der Dammbruch, den ich erlebt habe. Es ging mit ein paar Tränen der Rührung los, als die ersten Takte erklangen und endete mit einer Flutwelle, die den Mann an meiner Seite nachhaltig verstört hat. Schuld hatten einige Trigger-Momente, die ich ohne zu spoilern nicht beschreiben kann – und Kirsten H. hat mich ausdrücklich darum gebeten, NICHTS zu verraten.

Zwei Wochen später habe ich mir den Film ein weiteres Mal angesehen. Diesmal mit einer Freundin, die beim ersten Durchgang ebenfalls ganze Passagen nur verschwommen wahrgenommen hatte. Wir waren also vorgewarnt und innerlich gestählt, doch … *schluchz* Auf dem Heimflug von Südafrika vor drei Wochen, dann der dritte Versuch: Mamma Mia im Double Feature. Teil eins habe ich mit einem seligen Lächeln auf den Lippen und einem warmen Gefühl im Herzen angesehen. Teil zwei ließ sich auch gut (und trocken!) an, doch im letzten Viertel, ging’s wieder los – just in dem Moment, als die Crew am Ende des Nachtflugs wieder für Beleuchtung in der Kabine gesorgt hatte …

Katharsis oder Katarrh?

Vermutlich könnte man es wunderbar psychologisch beleuchten, warum mich simple Worte und schlichte Filme (ganz zu schweigen von der Hochzeit von Harry und Meghan …) derart berühren können. Womöglich ist es eine Art Seelenreinigung (Katharsis), auch wenn ich mich danach häufig fühle, als hätte ich einen massiven Schnupfen (Katarrh) und entsprechend an Atemnot als Spätfolge meiner Sentimentalität leide.

Tatsächlich glaube ich, dass es eine Art Schutzreaktion ist. Die Realität (Terror, Kriege, Populisten, Klimawandel, Diesel-Skandal, FIFA-Korruption …) ist derart bestürzend, dass man ich eigentlich den ganzen Tag über heulen könnte. Doch weil das schwerlich möglich ist – zumindest, wenn man einigermaßen funktionstüchtig bleiben will/muss/soll -, sucht sich der zartbesaitete Teil in mir einen anderen Weg zur Psychohygiene. Vielleicht weine ich also gar nicht ursächlich um tote Hunde (und Indianer), sondern weil ich eigentlich an der Welt (ver)zweifle.

PS: Dies ist übrigens Beitrag 2 von 10 meiner persönlichen Dezember-Challenge. Inspiriert hat mich – unter anderem – Kirsten Höhn, weil sie in einem Kommentar Abba ins Spiel gebracht hat. Vielen Dank dafür!

Woher nimmst du deine Inspiration?

Wow! Erstaunlicherweise haben meinen letzten Blogpost nicht nur etliche Menschen gelesen, sondern viele sind sogar meinem Aufruf gefolgt und haben mir geschrieben, was sie gerne von mir lesen wollen. Vielen Dank dafür!

Woher nimmst du deine Inspiration?

“Woher nimmst du deine Inspiration?” war dabei eine Frage von Melanie Güllich (vielen Dank, du bist nun offiziell Patin dieses Beitrags – herzlichen Glückwunsch!), allerdings war es nicht das erste Mal, dass ich damit konfrontiert wurde. Erkundigungen nach dem vermeintlichen Musenkuss sind so häufig wie Sandkörner am Strand, und doch bin ich jedes Mal aufs Neue frappiert, denn die Frage stellt sich für mich einfach nicht.

Oder sagen wir, sie stellt sich für meine Geschichten nicht – sei es Romane oder Kurzgeschichten. Ganz offensichtlich ist die Frage nach Inspiration für Postings auf diesem Blog oder auch in den sozialen Medien mehr als berechtigt, siehe mein Hilferuf von neulich. In diesen Fällen ringe ich nämlich oft mit dem Problem, dass ich nicht den Hauch einer Ahnung habe, worüber ich schreiben soll. Für den Blog habe ich für die nächste Zeit diese Frage beantwortet: Die Inspiration habe ich delegiert! Zu diesem Beitrag hast du, liebe Melanie, mich inspiriert.

Frage beantwortet? Nein? Ich hab’s befürchtet …

Einfälle lauern in jeder Ecke

Also, woher kommen denn nun die Ideen, die meine Romane bevölkern? Ehrlich gesagt, weiß ich es nicht. Ich habe das Gefühl, dass sie einfach da sind. Manchmal versteckt, manchmal scheu, manchmal laut und vorwitzig. Oft habe ich den verstörenden Eindruck, dass in meinen Gehirnwindungen ein regelrechter Kampf ausgetragen wird, und ja, ich gebe es zu, es gewinnt meist die Idee, die am lautesten und penetrantesten HIER schreit. Zumindest fange ich dann an, mir ein paar weitere Gedanken zu machen. Fühlt sich das gut an, mache ich weiter, wenn nicht, ist die nächste dran. So entsteht meist ein erstes, grobes Gerüst einer Geschichte. Das kann ein Ort sein, eine Figur oder ein emotionaler Grundzustand, der eigentliche Plot kommt dann erst später. In meinem Fall häufig erst beim eigentlichen Schreiben. Dann setzen sich die vielen kleinen und großen Einfälle wie ein Puzzelspiel zusammen. Im Idealfall sind alle Teile vollständig, manchmal fehlen ein paar. Das ist dann … schwierig, aber auch ein ganz anderes Thema als das heutige.

Es gibt Kollegen – und glaubt mir, ich beneide sie glühend!! -, denen angeblich eine komplette Geschichte einfach so einfällt. Sie werden tatsächlich von der Muse (oder einer anderen höheren Macht) geküsst, wachen eines morgens auf und haben ihren kompletten Roman fertig im Kopf, so dass sie ihn “nur noch” aufschreiben müssen. Ich weiß nicht, ob es wirklich so funktioniert, es eignet sich aber prächtig zur Legendenbildung.

Wahrnehmen, filtern, sortieren

So gesehen bin ich wohl eindeutig eher eine Arbeitsbiene als eine Künstlerin. Mir ist nämlich wirklich noch nie einfach so eine geniale Geschichte eingefallen, die sich dann fast von alleine schreibt. Leider!

Dafür springen mich praktisch pausenlos Ideenfetzen an, die ich aufsauge wie ein Bartenwal seine Krill-Mahlzeit. Der Wal ist auch ziemlich wahllos (ist das nicht ein hübsches Wortspiel?) – er reißt sein rießiges Maul auf und fängt, was das Meer so anspült. Er will natürlich nur den leckeren Krill (=geniale Ideen), aber vor allem ist bei einer Maulvoll auch sehr viel Wasser (=heiße Luft) dabei, angereichert vielleicht ab und an von einem Fischlein (=eine besonders geniale Idee). Doch manchmal gibt’s auch fiese Plastikstücke (=lähmende, zersetzende Selbstzweifel). Der Wal filtert seinen Wasser-Nahrungs-Mix mit seinen Barten, schluckt Krill, Fischlein und bedauerlicherweise häufig auch die Plastikstücke und spuckt das Wasser wieder aus.

Genauso funktioniert das bei mir auch: Ich höre ein tolles Lied, eine Nachricht elektrisiert mich, ein Foto berührt mich, eine zufällige Begegnung löst Kopfkino aus. Mich kann wirklich alles und jeder inspirieren – und ganz vieles speichere ich in meinem Kopf-Archiv ab, weil ich es vielleicht mal brauchen kann. Vielleicht aber auch nicht.

Wenig überraschend, läuft es im Urlaub besonders gut. Da bin ich nicht so abgelenkt vom schnöden Alltag, sondern stelle alle Sinne auf Empfang und sammle Ideen. Die Wal-Analogie von eben ist übrigens auch kein Zufall. Ich war kürzlich in Südafrika und habe endlich (und zum ersten Mal in meinem Leben) Wale beobachten können. Richtig viele und richtig nah. Das war soooo cool und beeindruckend und noch viel besser, als alle bisherigen Delfin-Erlebnisse. Dazu werde ich ganz sicher sehr bald einen eigenen Beitrag schreiben, und vielleicht auch irgendwann mal einen Roman …

Die Inspiration nimmt mich!

Liebe Melanie (und alle anderen), ich hoffe, ich habe deine Frage beantwortet. Es ist also tatsächlich nicht so, dass ich die Inspiration nehmen muss, sondern dass sie mich nimmt. Wäre ich jetzt Charlotte, würde sich aus dieser Aussage ein wüstes Horizontal-Getümmel erspinnen (“Nimm mich!” “Nein, nimm du  mich!”), doch die ist glücklicherweise gerade anderweitig beschäftigt …

Leidenschaft oder Irrsinn

Gerade bin ich überglücklich, als eine von nur 20 Nominierten auf der Longlist zum Deutschen Selfpublishing Preis zu stehen! Doch es gibt Momente, da frage ich mich, ob es nicht vielleicht doch reiner Irrsinn ist, der mich antreibt …

Warum tu ich mir das eigentlich an?

Schreibe ich aus Leidenschaft oder ist es nackter Irrsinn, der mich immer wieder an den Schreibtisch treibt? Mich dazu drängt, ein Manuskript zu beginnen, zu bearbeiten, zu beenden und schließlich zu veröffentlichen? Die offizielle Antwort auf die beliebte Interviewfrage “Warum schreibst du?”  lautet natürlich Leidenschaft! Klare Sache, denn alle anderen Aussagen kämen irgendwie schräg rüber, oder?

Es ist ja auch die Wahrheit – irgendwie jedenfalls. Ich schreibe, weil sich ständig neue Ideen in meinem Kopf einnisten, die zu Geschichten werden, die erzählt werden wollen. Ich schreibe auch, weil ich nichts anderes kann. Diesen markigen Spruch platziere ich ebenfalls gerne in Interviews und auch darin liegt viel Wahres. Seit fast 20 Jahren schlage ich  mich als Freiberuflerin durchs Leben – vorwiegend schreibend. Nicht nur Romane (leider), sondern auch journalistische Artikel, PR-Texte, Social Media Content und der ein oder andere Ghostwriting-Job ist auch dabei. Schreiben ist also schlicht mein Beruf – und vielleicht auch meine Berufung.

Unter uns, es gibt Tage, an denen ich mich frage, warum ich nicht doch Floristin, Ärztin oder Steuerberaterin geworden bin. Vielleicht auch Sekretärin, Bankangestellte oder Flugbegeleiterin. Womöglich wäre auch Schornsteinfegerin eine gute Wahl gewesen …

Zweifel gehören dazu

Das passiert meistens an jenen Tagen, an denen ich meine Verkaufsstatistiken checke, sich “Leser” darüber beklagen, dass 2,99€ für ein 400-seitiges eBook deutlich zu viel sind oder an denen die Diskussionen über Piratenplattformen und/oder betrügerische “Kollegen” hochkochen. Da stelle ich mir schon mal ganz grundsätzlich die Sinnfrage, ob das wirklich so eine schlaue Karriereentscheidung war. An diesen Tagen nagen dann auch die Zweifel ganz tief im Inneren: Bin ich überhaupt gut genug? Interessieren meine Geschichten die Leute? Habe ich das nötige Rüstzeug an Know-how und Ellbogen, um mich im Haifischbecken Buchmarkt irgendwann durchzusetzen?  Wäre es nicht besser, meine Engerie und Kreativität in einen sicheren Job zu investieren?

Was mir über diese Phasen hinweg hilft, sind vor allem die Gespräche mit meinen Kollegen. Ich hatte das Glück in den letzten Jahren viele wunderbare Menschen kennenzulernen, die von demselben sonderbaren Virus heimgesucht werden. Auf Veranstaltungen, Messen und vor allem durch meine Mitgliedschaften bei der Autorengemeinschaft Das Autorensofa und im Selfpublisher Verband, habe ich schreibende Frauen und Männer getroffen, die nicht nur verständnisvolle Kollegen sind, sondern zum Teil auch Freunde wurden. Gegenseitiges Trösten und Motivieren hilft so viel mehr, als der liebevollste Zuspruch von Partnern, Familie und Freunden, die einfach nicht wissen können, wie tief der Frust in der sensiblen Autorenseele manchmal sitzt.

Leserfeedback ist das Größte

Besser als mitfühlende Leidensgenossen sind jedoch die Leser! Jedenfalls diejenigen, die sich die Mühe machen, ein Feedback zum gelesenen Roman abzugeben. Sei es als Rezension auf einer der einschlägigen Plattformen, als Empfehlung in den Sozialen Medien oder als persönliche Nachricht. Zu lesen oder zu hören, wie sehr das Buch gefallen hat, wie mit den Protagonisten mitgefiebert und -gelitten wurde, wie sehr diese oder jene Szene berührt hat, ist das ALLERGRÖSSTE überhaupt!

Liebe Leser, ahnt ihr überhaupt, wie viel Macht eure Worte auf uns Autoren haben? Wie eine kurze Rezension uns den Tag versüßen oder die Woche endgültig vermiesen kann? Ehrlich, es ist gleichermaßen beglückend wie erschreckend, aber letztlich schreiben wir ja nicht nur für Ruhm, Ehre und Geld, sondern vor allem für die Anerkennung. Dass also die Leser draußen in der freien Wildbahn bemerken, was wir uns in manchmal verzweifelten Stunden im stillen Kämmerlein ausgedacht haben.

Ich weiß, dass meine Geschichten nicht mainstreamig genug sind, um den Geschmack der ganz breiten Masse zu befriedigen, aber es macht mich überglücklich, wenn sie trotzdem ihr Publikum finden. Auch wenn der Weg dorthin manchmal recht mühsam ist …

Kadernominierung zur Königsklasse

Nun ist etwas passiert, was mich fühlen lässt, wie ein Fußballspieler vor der Kadernominierung zu einem großen Turnier. Auch wenn Vergleiche der Nationalmannschaft aktuell etwas unangebracht scheinen (einfach eine mentale Zeitreise zurück nach 2014 unternehmen, dann geht’s!), so treffend sind sie doch. Gestern wurde die Longlist (=Kader) zum Deutschen Selfpublishing Preis 2018  (=WM) bekannt gegeben. Mein Roman Robin – High in the Sky ist mit dabei. Er wurde zusammen mit 19 weiteren Titeln aus rund 1.100 Einreichungen ausgewählt, in den nächsten vier Wochen vor der Fachjury alles zu geben. Die sieben Jurymitglieder (=Turnier) prüfen nun, welche 10 Romane es auf die Shortlist (=Halbfinale) schaffen, die am 29.9. bekannt gegeben wird. Unter diesen 10 Titeln werden schließlich der Jury-Sieger und der Publikumspreis gekürt, die beide am 10.10. auf der Frankfurter Buchmesse (=Finale) bekannt gegeben werden.

Allein, dass ich beim Turnier dabei sein darf, ist so fantastisch, dass ich auf die Frage vom Anfang – “Warum schreibst du?” – im Augenblick eine ganz klare Antwort habe: Aus Leidenschaft und für meine Leser!

Drückt mir die Daumen und reicht mir während der nächsten Wochen Nervennahrung … DANKE!

Wie beim ersten Mal

Das erste Mal …

… ist meist ein ziemlich aufregender Moment. Egal, um WELCHES erste Mal es sich handelt. Der erste Schultag, der erste Arbeitstag, der erste Kuss, der erste Sex, die erste Präsentation, das erste Haustier, die erste Buchveröffentlichung, was auch immer. Es ist spannend, und nervenaufreibend, manchmal unglaublich beglückend, häufig recht indifferent und ab und an die blanke Katastrophe.

Im Moment bin ich jedenfalls ein nervliches Wrack und während ich diese Worte schreibe, zittern meine Hände vor Aufregung, dass ich Vertipper nicht ausschließen kann.  Doch ihr wollt jetzt endlich wissen, WARUM ich so uncharakteristisch neben der Spur bin, oder?

Der Grund ist meine nächste Buchveröffentlichung! Es ist die 30.! In Worten: die DREISSIGSTE! Man könnte also annehmen, dass ich mich diesbezüglich emotional inzwischen etwas besser im Griff habe, doch diesmal ist alles anders. Tatsache ist, dass mich die Veröffentlichungen 2-29 nicht ansatzweise so  mitgenommen haben, wie die Nummer 30. Warum das so ist, versuche ich nun zu ergründen.

Wie ich fast die Lust am Schreiben verloren habe

Ihr erinnert euch vielleicht noch an meinen letzten Blogpost – auch wenn er fast drei Monate her ist. Dieser Post Wie ich (fast) die Lust am Schreiben verloren habe, hat eine unglaubliche Resonanzwelle erzeugt, die mich erstaunt und fast so glücklich gemacht hat, wie die Umstände, die ich in diesem Beitrag beschrieben habe. Dass ich nämlich einen radikalen Schnitt machen musste, um wieder Freude an meiner Arbeit zu finden. Das Schreiben wieder zu lieben.

Und ja, ich habe meine Blogpause hauptsächlich mit der Arbeit an diesem Manuskript verbracht, habe es radikal verändert und es sich in Ruhe entwickeln lassen. Herausgekommen ist nicht nur mein bislang längster Roman (das Taschenbuch ist üppige 380 Seiten dick), sondern mit Sicherheit auch der emotionalste.

Scheu vor großen Themen?

Schon klar, das sagen die meisten KollegInnen von ihren Büchern und auch  in meinen bisherigen Geschichten kann man die ganze Bandbreite an Gefühlen finden – allerdings immer ein wenig weichgezeichnet und häufig von einer ironisch distanzierten Warte aus betrachtet. Das war mir gar nicht so bewusst und es hat sich in all den Jahren bei den Büchern 1-29 auch nie jemand darüber beklagt – weder Leser noch Lektoren. Vielmehr haben mir die meisten Rezipienten bescheinigt, wie lockerflockigluftigleicht sich meine Romane weglesen lassen.

Dieses Kompliment hat mich jedoch träge und selbstzufrieden gemacht und irgendwann auch immer mehr irritiert. Warum? Weil die Themen, die ich gerade in den letzten Romanen behandelt habe vieles waren, nur nicht leicht. Und da spreche ich jetzt nicht einmal nur von meiner Alzheimer-Geschichte Tage zwischen Ebbe und Flut. Die war bewusst so angelegt, dass dieses schwierige Thema verträglich konsumiert werden konnte. Nein, das gilt vor allem auch für die letzten Charlotte Taylor-Geschichten. Da habe ich mir schon die Frage gestellt, warum es niemand groß erwähnenswert fand, dass es dabei auch um Themen wie Apartheid, Rassenkonflikte, Cyber-Mobbing (Hot Chocolate – Ein Herz für Ryan), Depressionen, Suizid und düstere Familiengeheimnisse (San Francisco Millionaires Club – Derek) geht.

Die einfache Antwort auf diese Frage lautet natürlich: “Weil die Leser doof sind und diese Bücher nur wegen der expliziten Szenen gekauft haben!” Doch das wäre nicht nur anmaßend und unverschämt meinen Lesern gegenüber, sondern schlicht auch falsch!

Die ehrliche Antwort ist weitaus niederschmetternder: Weil ich diese Themen lediglich als weichgezeichnete Kulisse angelegt hatte, die man  wahrnehmen kann, aber nicht muss! Das ist ein Konzept, hinter dem ich im Grunde immer noch stehe, denn nichts finde ich schlimmer, wenn jemand in einem Unterhaltungsroman die Moralkeule schwingt oder belehren will. Aber trotzdem – irgendwas fehlte. Vielleicht nicht den Lesern, aber ganz sicher mir selbst.

Der schmale Grat zwischen Kitsch und echtem Gefühl

Dieses “was fehlt” wurde mir so richtig bewusst, als ich an Robin – High in the Sky geschrieben habe. Es fehlte in meinen früheren Geschichten das echte, das wahre Gefühl!

Nicht falsch verstehen, ich konnte die Leser schon immer zum Lachen und zum Weinen bringen, konnte dafür sorgen, dass sie einen fiesen Antagonisten hassen und atemlos mit dem Protagonisten mitfiebern. Das ist nicht weiter schwer, das ist reines Handwerk. Das ist aber, wenn man es schlecht macht, auch aufgesetzte Effekthascherei und Kitsch!

Ich habe mir dann die Frage gestellt, wie ich auf Romane reagiere. Warum mich manche Geschichten, die als emotionale Achterbahnfahrt angepriesen werden, mich mit einem schalen, fast gelangweilten Gefühl zurücklassen – obwohl sie ein ganzes Arsenal an dramatischen Szenarien bereithalten. Und andere, völlig unaufgeregt erzählte Episoden mich tief berühren.

Bei diesen Gedankenspielen bin ich immer wieder bei den tiefen Emotionen gelandet – und habe festgestellt, dass niemand wirklich gerne dorthin geht, wo es wehtut. Weder Autoren, noch Leser. Es ist eine Sache von und über große Liebe, tiefe Verzweiflung, glühende Leidenschaft, lähmende Angst, Fröhlichkeit, Trauer, Freude, Depression zu schreiben. Eine ganz andere ist es, diese Gefühle beim Schreiben auch wirklich wahrzunehmen und die eigenen Empfindungen auch in den Text hineinfließen zu lassen!

Ein echtes erstes Mal!

So gesehen ist Robin – High in the Sky nicht nur meine 30. Veröffentlichung, sondern tatsächlich ein richtiges Debüt. Der erste Roman, in dem ich die schützende Distanz zur Geschichte, meinen Protagonisten und ja, zu den Gefühlen, aufgegeben habe. Ganz ohne Visier sozusagen.

Ich weiß nicht, ob es mein bester Roman ist, es ist sicher nicht der persönlichste, aber zweifellos mein ehrlichster bislang! Und genau das ist es, was mich jetzt am Tag vor der Veröffentlichung so unfassbar nervös macht.

Werden die Leser die Geschichte mögen? Werden sie das Buch kaufen, obwohl ich auch diesmal nicht am marktüblichen Preiskampf beteilige? Werden sie es auch in ausreichender Menge kaufen, damit sich meine Ausgaben auch rechnen? Werden sie bereit sein, sich berühren zu lassen? Werden meine Marketing-Maßnahmen ausreichend sein? Wird man mich mit anderen Augen wahrnehmen? Und falls ja, ist das besser oder schlechter?

Von all den anderen Zweifeln, die mein fantasiebegabtes Autorenhirn gerade martern, mag ich hier sicherheitshalber nichts schreiben, doch es bleibt bei der Grundaussage: Frau Müller hat Angst vorm ersten Mal! Frau Taylor übrigens auch – und es ist ihr Name, der auf dem Cover steht.

Anhang

Da ich nach dem üppigen Text niemanden mehr mit einer Buchbeschreibung langweilen möchte, zeige ich hier einfach nur den Buchtrailer. Viel Spaß und danke für die Aufmerksamkeit! Mehr Infos gibt’s auch auf meiner Charlotte-Seite.