Quantität hat ihren Preis?

mehrwertZehn Tomaten kosten mehr als eine. Klare Ansage – das wird keiner in Abrede stellen. Mehr Masse kostet also mehr Geld. Logisch. Oder?

Daher muss eine 600-Seiten-Schwarte zwangsläufig teurer sein als ein schmaler 250-Roman, von einer 60-seitigen Kurzgeschichte mal ganz zu schweigen. Glasklar. Oder?

Doch was, wenn mich eine sehr teure Ochsenherz-Tomate satter, glücklicher und zufriedener macht als ein Kilo spanische Treibhausware? Was ist mir wichtiger: Mehr wert oder Mehrwert?

Was ist wichtiger Qualität oder Quantität?

Diese Frage beschäftigt mich seit langem – und seit einiger Zeit mit selten gekannter Leidenschaft. In diversen Buchgruppen auf Facebook kursieren nämlich immer wieder heiße Preis-Diskussionen. Was ich von den allgemeinen Dumping-Preisen halte habe ich ausführlich in meinem Artikel Irrweg Preisaktion beschrieben. An dieser Einstellung hat sich nichts geändert, auch wenn ich inzwischen noch einige weitere Argumente hinzufügen könnte. Akut will ich mich aber der neuesten Form des Wahnsinns widmen: dem Quantitäts-Argument!

Demnach dürfen/müssen/sollen Bücher, die eine bestimmte Mindestseitenanzahl (da ist man sich uneins: 400/500/…1000 Seiten?) haben, gerne “ein wenig mehr” kosten – was auch immer das nun heißt, denn generell wird ja für SP-Ware (für die Uneingeweihten: das sind unverlegte Bücher, die von den Autoren selbst publiziert werden) überhaupt nur der lächerliche Standardpreis von 99 Cent als angemessen gesehen.

So wird laut aufgejault, weil ein Autor es wagt, für seine 90-Seiten-Novelle den skandalösen Preis von 2,99 € anzusetzen. Denn dann müsste ja ein durchnittlicher Fantasy-Schmöker mindestens 25 € kosten und wo kämen wir da bitteschön hin?

Ja genau, in welche Richtung bewegen wir uns eigentlich? Soll der Preis eines Buchs zukünftig allein an seiner Seitenzahl bemessen werden? Ernsthaft?

Qualität muss sich lohnen!

Das halte ich für eine höchst gefährliche Entwicklung! Zurück zu den Tomaten. Wer kann denn ehrlicherweise von sich behaupten, dass er die wässrigen, geschmacksneutralen Dinger, die es zum Kilopreis von 1,99 € im Discounter gibt, mit größtem Genuss verzehrt und lange und nachhaltig davon schwärmt? Dass dieses traurige Gemüse die gleiche Verzückung hervorrufen kann, wie eine Handvoll zuckersüßer Cherry-Tomaten aus Sizilien oder eine Scheibe eines aromatischen Ochsenherzens?

Was ich damit sagen will: Ein Roman, der über 1000 Seiten hat, kann das Äquivalent einer Kiste sizilianischer Freilandtomaten sein, aber genauso gut kann er nur drei Kilo trauriger Gewächshausware entsprechen, die als einziges Highlight Sodbrennen hervorruft.

Umgekehrt ist es natürlich genauso: Eine kurze Novelle kann wie eine faulige Frucht Ekel und Erbrechen hervorrufen – oder ein wahrer Paradiesapfel sein!

Insofern sollte man doch in erster Linie auf die Qualität des Werks achten und nicht wie viele Seiten es hat! Denn machen wir uns nichts vor: Jeder halbwegs routinierte Autor kann “Seiten schinden”. Masse zu produzieren ist lange nicht so kompliziert und anspruchsvoll, wie wahre Klasse.

Auch wenn ich der Meinung bin, dass für viele wunderbare dicke Indie-Schmöker ein Preis von 25 € angemessen wäre (gemessen am Arbeitsaufwand, an den Kosten für ein gutes Lektorat, das bei mehr Seiten natürlich teurer ist, am wunderbaren Cover…), ich bin nicht naiv. Das ist komplett unrealistisch. Selbst die wohlwollendsten Leser haben eine Schmerzgrenze, die deutlich darunter liegt. Daraus aber zu schließen, dass ein Roman, der eine womöglich sprachlich delikate und auch sonst atemberaubende Geschichte enthält, entsprechend viel weniger kosten DARF, nur weil er lediglich 200 Seiten umfasst, ist aber ebenfalls komplett absurd.

In der akzeptierten eBook-Preisspanne für Selfpublisher-Titel, die zwischen 99 Cent und (kühn gerechneten) 6,99 €, liegt, müssen alle Geschichten ihren Platz finden. Und es nicht okay zu sagen, dass nur ein dickes Buch “teuer” sein darf und ein dünnes am besten kostenlos verschleudert werden sollte! Solche Argumente sind kurzsichtig und vor allem ausgesprochen respektlos den Autoren gegenüber.

Mut zu mehr Qualität

Nun gibt es sicherlich Menschen, denen es tatsächlich egal ist, ob die Tomaten nach nix schmecken, die Hauptsache sie sind rot und sehen irgendwie tomatig aus. Auch wenn sich gewisse Qualitätsmerkmale einer “guten” Tomate objektiv messen lassen – wie beispielsweise der Zuckergehalt -, es bleibt letztlich Geschmacksache. Und man gewöhnt sich ja auch an miese Standards – wenn ich keine leckeren Freilandtomaten bekomme (oder nur mit Mühe), dann gebe ich mich halt mit der Massenware zufrieden. Sie ist ja auch schön günstig und wenn mir ein paar von den Dinger wegfaulen, weil ich sie nicht alle auf einmal essen konnte oder wollte, dann ist auch egal, denn ich kann mir ja gleich im Supermarkt das nächste Kilo Billig-Tomaten holen. So ist das Leben.

Ja, so sieht die Realität leider aus. Doch ist so ein Leben, so eine Einstellung wirklich erstrebenswert? Wäre es nicht viel schöner, nach der leckeren, süßen, aromatischen Tomate zu suchen uns sie zu genießen?

Ich kann vollkommen akzeptieren, dass es Leser gibt, die sagen: “Ich lese NUR Bücher, die mindestens 600 Seiten lang sind!” Ich verstehe diese Einstellung nicht, aber ich akzeptiere sie. Denn ich habe (und werde es auch nicht tun) noch nie einen Leser gezwungen, meine deutlich kürzeren Geschichten zu kaufen und zu lesen. Was ich jedoch nicht akzeptiere ist, wenn Leser den Wert eines Buchs ausschließlich an der Seitenzahl festmachen. Entscheidend sollte doch sein, ob eine Geschichte – wie lang sie auch sein mag – einen bleibenden Eindruck hinterlassen hat. Ob sie es geschafft hat, den Leser in eine andere Welt zu ziehen, ihn zu faszinieren, ihm was mitzugeben, ihn zum Nachdenken anzuregen, ihn mit überraschenden Wendungen zu erfreuen  – oder ihn vielleicht schlicht durch eine besonders schöne Sprache zu bezaubern.

Der schale Geschmack der traurigen Treibhaus-Früchte ist nach dem letzten Bissen bereits vergessen – das besondere Aroma einer reifen Ochsenherz-Tomate bleibt dagegen lange am Gaumen haften.

5 Gedanken zu „Quantität hat ihren Preis?“

  1. Ich teile Deine Ansicht, dass nicht die Seitenzahl das ausschlaggebende Argument für den Preis sein muss. Ihn an Qualität festzumachen, erscheint mir allerdings genauso fragwürdig. Die kann man kaum festlegen, zeig mir einen Autor, der sagt: “Ich habe hier Mist geschrieben, deshalb gibt es dieses Buch für 99 Cent”. Haha. Im Ernst, ich achte weder auf Selfpublishing/Verlag noch zunächst auf den Preis. Ich entscheide nach dem Klappentext, falls vorhanden noch lieber nach der Leseprobe, ob ich das Buch lesen möchte. Dann schaue ich auf den Preis und wäge ab, ob ich das Buch so gerne möchte, dass es mir den Preis wert ist. Natürlich werde ich kritischer (d.h. ich frage bei mir nach, ob ich es wirklich lesen will), je teurer das Buch ist. Und ich habe Schmerzgrenzen: E-Books über 10 Euro haben kaum eine Chance, allerdings hat der Autor ja mit dem Print noch eine weitere Möglichkeit, mich zu seiner Leserin zu machen. Da liegt meine Schmerzgrenze bei 20 Euro für ein Taschenbuch und 25 Euro für ein Hardcover. Aber wie gesagt wäge ich dann ab und da spielt für mich die Seitenzahl schon auch eine Rolle. Wenn ein “Roman” unter 100 Seiten hat – jetzt könnten wir auch noch über die Ermittlung der Seitenzahlen diskutieren – kaufe ich ihn nicht. Denn da kann ich ziemlich sicher sein, dass er nicht so in die Tiefe geht, dass die Figuren mir ans Herz wachsen können. Das sind persönliche Erfahrungswerte, die für Andere nicht gelten müssen. Und ich lasse auch Ausnahmen zu, weiche also auch von meinen Kriterien ab, wenn es mir richtig erscheint. Wenn ich ein Buch in der Hand halte und es kostet 16 Euro, ist aber 200 Seiten oder 800 Seiten stark, dann denke ich automatisch, der Autor des dickeren Buches hat mehr Zeit in das Buch investiert, kann daher vergleichbar weniger veröffentlichen und deshalb ist im Vergleich zu dünneren Büchern ein höherer Preis “berechtigt”. Dennoch könnte es sein, dass ich das dünnere kaufe, weil ich diese Geschichte lieber lesen will. Ich sehe ein, die Preisgestaltung ist für Euch diffizil, aber allein Qualität ist als Maßstab auch ungeeignet, damit würde der beliebte Umkehr-Trugschluss aus anderen Bereichen bedient: was viel kostet ist, ist auch was – was nichts kostet ist auch nichts.

    1. Liebe Vero,
      vielen Dank für dein ausführliches Statement! Auch wenn ich ihm in einigen Aspekten nicht folgen kann (und will), weiß ich doch, dass du eine Leserin bist, die sich sehr viele Gedanken darüber macht, welches Buch sie aus welchen Gründen kauft. Und das finde ich richtig gut! Danke.
      Alles Liebe, Carin

  2. Liebe Carin,

    danke für den Bericht und somit den Einblick in deine Autoren-Seele. Ich finde, dass du klare und auch richtige Worte zu diesem Thema getroffen hast.
    Ich möchte jedoch mal aus meiner “Leser” Sicht auf das Thema eingehen.

    Die Geiz ist geil Mentalität finde ich ganz furchtbar…egal ob bei Büchern, Lebensmittel oder auch bei Lohn-uns GehaltsDiskussion. Jeder der sein Job vernünftig und meist in Vollzeit macht sollte von dem Verdienst leben können.

    Natürlich freue ich mich als Verbraucher,wenn ich ein Schnäppchen mache….Bei den Tomaten genau wie bei den Büchern aber im Regelfall kaufe ich, was ich brauche bzw. haben möchte unabhängig vom Preis.

    Wenn mir etwas zu teuer ist, ich mir das gerade nicht leisten kann oder will dann ist das eben so.

    Ich finde es auch unglücklich, den Preis an einer Seitenzahl festzumachen oder die Qualität eines Buches aufgrund des Preises zu bestimmen.

    Ein mir bekannter Autor,dessen bisherige Bücher mir gefallen habe und der Klappentext vom neuen Werk mir zusagt, kaufe ich für 0,99€ genau wie für 9,99€ egal ob 150 oder 600 Seiten… Ich entscheide wann ich was zu welchem Preis in welchem Format kaufen möchte.
    Ich persönlich habe zum Beispiel von vielen preiswerten Ebooks mir nach dem Lesen noch das Print zusätzlich gekauft,wenn mich das Buch begeistert hat…Und bei kostenlosen Rezi Exemplaren, die ich vorab als ebook lesen durfte kaufe ich sehr oft zum Erscheinungstermin das ebook oder das Print…Das ist meine Art dem Autor danke zu sagen und seine Arbeit zuwürdigen.
    Bei einem mir unbekannten Autor bin ich vielleicht eher zu verführen,wenn es “günstig” ist aber wenn der Klappentext mich anspricht und ich immer noch unsicher bin,dann lade ich mir eben die kostenlose Leseprobe um zu entscheiden oder höre mich mal um,was andere zu diesem Buch sagen.

    Die einzige Schmerzgrenze die ich persönlich habe, ist die des Preisunterschiedes zwischen ebook und Print. Ich kaufe kein ebook das gerade mal 1€ günstiger bzw. genauso teuer ist wie das Buch….vereinzelt habe ich es sogar schon gesehen,dass es ebook gibt,die sogar teurer sind als das Print. Mir ist einfach nicht schlüssig warum es da keinen Preisunterschied gibt….konnte mir bisher auch keiner erklären.

    Letztendlich muss der Autor seinen Preis festsetzen,er muss einkalkulieren was er an Fremdkosten vorfinanzierzt hat, wieviel Zeit ihn das Buch gekostet hat, was ihn die Goodies kosten (den die wollen ja auch alle gerne haben) und überschlagen wieviel Bücher er zu welchem Preis verkaufen wird und ob er mit dem zuerwartenen Erlös seine Arbeit als vernünftig vergütet empfindet und davon Leben kann. Und Leser,die nur “bilig” kaufen sollten vielleicht mal darüber nachdenken,wieviel Arbeit in einem Buch steckt und sich überlegen ob sie künftig auf gute Bücher verzichten möchten,wenn Autoren vor lauter Geiz ist Geil Mentalität “nur noch Geschichten auf niedrigem Niveau lesen möchten,weil die guten Autoren einer anderen Tätigkeit nachgehen müssen um ihre Rechnungen zu bezahlen.

    Liebe Grüße

    Kirsten

    1. Liebe Kirsten,
      vielen Dank für dein ausführliches Feedback – und deine tolle Einstellung, die ich sowohl aus Autoren- wie auch als Lesersicht (ja, ich kaufe und lese auch sehr viele Bücher!) vollständig teile. Nur ein Hinweis zu den eBook-Preisen. Dass Verlage (und nur bei Verlagstiteln sind sie so teuer, kein SPler käme auf die Idee das eBook so teuer wie das Print zu machen) diese seltsame Preispolitik fahren, ist auch mir komplett unverständlich. Ich kann es mir nur damit erklären, dass die traditionellen Printverlage kein Interesse daran haben, den digitalen Markt weiter zu stärken. Durch die Blume hat mir das ein Verlagsmitarbeiter auch schon bestätigt, mir allerdings die Schizophrenie nicht erklären können, dass ja all diese Verlage inzwischen mehr oder weniger erfolgreiche eBook-Imprints haben … Sehr, sehr rätselhaft.
      Alles Liebe, Carin

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