Vergessen ist eine Form von Freiheit

VergessenDieses wunderbare Zitat von Khalil Gibran ist im Grunde die perfekte Zusammenfassung für meinen neuen Roman Tage zwischen Ebbe und Flut.

Leid, Elend, Vereinsamung, Entfremdung, Demenz, Krankheit, Horror – das sind nur einige der Begriffe, die jedermann sofort mit dem Wort Alzheimer assoziiert. Und ja, diese Krankheit ist ohne jeden Zweifel tückisch, grausam und auch entwürdigend. Aber nicht nur! Vergessen ist fast immer schrecklich – doch manchmal kann es ein Segen sein. Und wenn irgendwann sämtliche intellektuellen Fähigkeiten eines Patienten verschwunden sind, bleibt immer noch eins: Gefühl!

Das ist mein wichtigstes Anliegen: Alzheimer-Patienten nicht zu ojektifizieren – sie bleiben Menschen. Bis zum Schluss!

Warum Vergessen als Roman-Thema?

Mein Vater wurde vor sechs Jahren mit Alzheimer diagnostiziert, da war er noch keine Siebzig. Geahnt hatte er es aber wohl schon viel länger. Es hat sich viel verändert in diesen Jahren – die Familie, er selbst. Aber er ist und bleibt mein Vater.

»Ich glaub, ich hab Alzheimer!« Wie oft hat jeder von uns diesen Satz schon ausgesprochen? Wenn wir uns an einen Termin nicht mehr erinnern konnten, uns der Name eines Bekannten nicht mehr einfiel oder wir eine andere Kleinigkeit vergessen haben.
Dieser Satz ist einfach dahingesprochen. Und ziemlich sicher leiden die meisten, die ihn sagen, nicht an Morbus Alzheimer, sondern waren schlicht einen Moment unkonzentriert.
Wer jedoch einen Menschen in seinem Umfeld hat, der tatsächlich an dieser tückischen Demenzerkrankung leidet, wird diesen Satz nicht mehr so einfach über die Lippen bringen, denn Alzheimer ist viel mehr als eine kurze Unachtsamkeit. Der Mensch verliert sich selbst, Stück für Stück und unwiederbringlich. Das ist für die Betroffenen ein extrem schmerzhafter psychischer Prozess – aber auch für Angehörige und Freunde eine Herausforderung, die manchmal weit über das Erträgliche hinausgeht. Dazu kommt die Tatsache, dass Demenz nach wie vor gesellschaftlich stigmatisiert wird, was insofern erstaunlich ist, dass doch praktisch jeder von uns im engeren oder weiteren Umfeld mindestens einen Alzheimer-Fall hat. Es ist eine Volkserkrankung, die viele betrifft, die aber am liebsten ängstlich totgeschwiegen wird. Als würde Ignoranz vor Demenz schützen. Schön wär’s, oder?

Menschen mit Alzheimer verändern sich. Viele verändern sich sogar dramatisch, und es ist tatsächlich nicht besonders angenehm, damit konfrontiert zu sein. Ihr Verhalten überfordert unseren »normalen« Geist und triggert unseren Fluchtreflex. Dabei vergessen wir (man beachte das Wortspiel!), dass ein Alzheimer-Patient nach wie vor vor allem eines ist: ein Mensch!
Ein Mensch mit Bedürfnissen. Und auch wenn der intellektuelle Austausch immer schwieriger wird, emotional funktioniert es lange noch sehr gut. In manchen Fällen sogar besser als zu gesunden Zeiten. Also sollten wir unseren Mitmenschen neben Respekt vor allem mit Gefühl begegnen. Eine Umarmung, ein Händedruck, ein einvernehmlich schweigsamer gemeinsamer Spaziergang – diese kleinen Dinge sind so viel wert und verhindern (oder mildern) die Isolation, in die viele Patienten rutschen.

Ich würde mir wünschen, dass man offen über Alzheimer spricht. Dass sich auch die engsten Angehörigen trauen, schon früh Hilfe zu suchen. Warum scheuen sich so viele auszusprechen, dass ein Elternteil oder der Partner erkrankt ist? Ein offener Umgang hat – zumindest meiner Erfahrung nach – nur Vorteile: Die anderen werden zu Komplizen. Denn erstaunlicherweise können die meisten Menschen eben doch recht gut damit umgehen, wenn sie hören: »Wundern Sie sich bitte nicht, wenn mein Mann manchmal seltsam reagiert. Er meint das nicht böse, er hat Alzheimer.« So eine Aussage nimmt allen Beteiligten den Druck.

Ich wünsche meinen Leserinnen und Lesern, dass sie nie persönlich mit Alzheimer konfrontiert werden, doch ziemlich sicher wird es etliche erwischen. Wäre es dann nicht schön, ein verständnis- und liebevolles Umfeld zu haben?

Warum Meer & Kreuzfahrt?

Das Meer ist in meinem Roman eine machtvolle Metapher und die Tatsache, dass die Geschichte auf einer Segelkreuzfahrt spielt, gibt dem Ganzen einen kammerspielartigen Charakter.  Außerdem habe ich seit Jahren eine Leidenschaft für die Seefahrt und liebe es, auf Schiffen zu reisen. Und ich glaube – genau wie einige meiner Protagonisten – an die Macht des Meeres!

Es gibt ganz sicher ziemlich intelligente und logische Erklärungen dafür, warum viele Menschen vom Wasser magisch angezogen werden. Doch das ist mir nicht wichtig. Mir reicht die Wirkung. Sobald ich am oder auf dem Meer bin, kann ich freier atmen und klarer denken. Mehr muss ich darüber nicht wissen. Insofern ist die gesamte Meeressymbolik in meinem Roman nicht etwa wissenschaftlich fundiert, sondern rein emotional und subjektiv motiviert. Und ich kann jedem Leser den Selbstversuch empfehlen.

»Tage zwischen Ebbe und Flut« ist kein autobiographischer Erfahrungsbericht, sondern eine zwar persönliche, aber durch und durch fiktionale Geschichte. Übrigens ist auch die Flying Cloud in meinem Roman komplett erfunden – entspricht aber ziemlich exakt meinem persönlichen Traumschiff. Ein historisches Vorbild hat sie jedoch gleichwohl: Die von Donald Mckay 1851 erbaute Flying Cloud segelte 1853 in unglaublichen neunundachtzig Tagen und acht Stunden von New York nach San Francisco – und das nicht etwa durch den Panama-Kanal, sondern über Kap Hoorn! Ein Rekord, der erst 1989 geschlagen wurde.

Klappentext: Tage zwischen Ebbe und Flut

Felix ist 70 Jahre alt. Er spricht aus, was niemand zu sagen wagt, und tut, was sonst niemand tun würde. Seine Erinnerungen sind wie Wellen in seinem Kopf, wogend, nicht festzuhalten. Denn Felix hat Alzheimer.
Um ihm einen Herzenswunsch zu erfüllen, machen seine Ehefrau Ellen, seine Tochter Judith und seine Enkelin Fabienne mit ihm eine Kreuzfahrt. Doch während Felix die Reise als wunderbares Abenteuer erlebt, wird für die drei Frauen die Seereise zu einer Seelenreise durch schwere Gewässer, aber mit Kurs auf sonnige Gefilde.

Nahtod und Alzheimer

Toni-BuchDas ist ja mal eine Überschrift, oder? Und ich könnte es noch weiter zuspitzen: Der Hund ist schuld, wenn ich demnächst Alzheimer bekomme! Ehe ich das alles gleich ausführlicher darlege schon mal so viel: Nein, ich mache keine blöden Gags über schwere Krankheiten und ja, ich habe leider viel mehr Ahnung von Alzheimer, als ich jemals haben wollte!

So, aber nun zu meiner Geschichte: Die Leser dieses Blogs wissen, dass Toni nicht nur mein vierbeiniger Augenstern, meine Inspirationsquelle für meinen neuen Roman Hundstage, mein Themenpool für endlose Blogbeiträge und treuer Jogging-Begleiter ist, sondern auch begeisterter Lieferant von Problemen, die ich ohne ihn nicht hätte.

Jeden Morgen, an dem wir nicht Joggen, gehen wir durch unser Viertel. Meist um kurz  nach sieben bis kurz vor acht. Also voll in der Schul-Rush-Hour. Auf unserer Runde kommen wir an vier Schulen vorbei, was grundsätzlich kein Problem wäre, denn das Verhältnis zwischen Hund, Frauchen und Schülern ist weitgehend unbelastet (wenn man von den Kamikaze-Kids absieht, die in irrisinniger Geschwindigkeit auf ihren Fahrrädern über die Gehwege brettern und mich zu bizarren Ausweichmanövern zwingen). Das Problem sind die Eltern, die ihren liebreizenden Nachwuchs mit dem Auto (bevorzugt im SUV) zum Unterricht kutschieren und dabei offensichtich die Straßenverkehrsordnung verdrängen. Das führt zu etwa zwei bis drei Nahtod-Erlebnissen pro Woche an einem der beiden Zebrastreifen, die auf dem Weg liegen. Und zu verbalen (!!) Gewalt-Exzessen meinerseits, die ich selbst kaum fassen kann – normalerweise kann ich vor neun nicht einmal “Guten Morgen” murmeln. Nicht schön.

Nicht schön, aber der Hund ist in diesem Fall fast unschuldig. Wenn man von der Tatsache absieht, dass ich ohne ihn um diese Zeit nicht draußen unterwegs wäre. Toni benimmt sich meistens sehr gut, es sei denn, ihm kommt ein Kaninchen vor die Flinte. So wie heute früh, als er im Gebüsch der einen Grünanlage einen Löffelträger aufgestöbert hat und ihn über die Straße (er hat wohl nicht den Zebrastreifen benutzt) in den nächsten Park gehetzt hat. Um es kurz zu machen: es ist nichts passiert! Kein Auto, kein Fahrradfahrer, kein Mensch, kein Tier kamen zu Schaden. Nur meine Nerven  haben sich verabschiedet… Liebe Hunde-Domina Susanne, wenn du diese Zeilen liest, sei bitte bei unserer nächsten Begegnun gnädig mit mir! Das ist neben der Ballnummer vielleicht eine weitere Problemzone, an der wir arbeiten können. Ach ja, für alle, die es interessiert: seine Büro-Neurose ist übrigens verschwunden.

Ich fasse mal kurz zusammen: Hund = Bewegung = Nahtoderlebnisse = zerrüttete Nerven.

Zurück zur Alzheimer-Problematik: Über diese Demenzform habe ich in den letzten Jahren alles gelesen, was ich in die Finger bekommen habe. Unter anderem auch so aufmunternde Studienergebnisse, demnach regelmäßige Bewegung (Check!), Yoga und/oder Meditation (Check) und Schreiben (Check) sich positiv auf eine etwaige Demenz-Neigung auswirken können. Will heißen: Hund = Bewegung = gut fürs Hirn.

Nun habe ich aber heute in der Süddeutschen Zeitung folgende erschütternde Meldung gelesen:Launen fördern Demenzrisiko – Unausgeglichene Frauen haben ein erhöhtes Risiko für Alzheimer. Dies berichten Forscher der Universität Göteborg … Das Team beobachtete 38 Jahre lang 800 Frauen und ermittelte mit Hilfe von Fragen ihr Ausmaß an Neurotizismus. Dieser schließt Charakterzüge wie Neid [Check – all die Autoren, die viel erfolgreicher sind], Launenhaftigkeit [ähem …], Reizbarkeit [siehe meine Reaktion am Zebrastreifen], Neigung zur Nervosität [Check] und Anfälligkeit für Stress [omg!] ein. … Die Wissenschaftler fanden heraus, dass die Frauen, die sich in den Tests als sehr neurotisch zeigten, doppelt so oft eine Demez bekamen. …”

OH MEIN GOTT!!! Was soll ich jetzt glauben? Was tun? Den Hund abgeben? Niemals! Daher werde ich mich meinem Schicksal ergeben und die Zeit, die mir noch bei voller geistiger Leistungsfähigkeit bleibt, sinnvoll nutzen und möglichst viele weitere Romane schreiben. Und wer weiß, vielleicht schießt schon die nächste SUV-Mutti noch ein Stückchen weiter übers Ziel hinaus …