Lasst uns über Geld sprechen

“Och, nicht schon wieder! Kann die Alte nicht mal über was anderes schreiben?” Kann sie, tut sie regelmäßig und trotzdem muss es jetzt mal wieder sein: Wir müssen über Geld sprechen! Nicht über viel Geld. Nicht über die Fantastrillionen von Dagobert Duck (oder Donald Trump), sondern über ganz kleines Geld. Winzigstbeträge. Geld, für das man – mit Glück – zwei trockene Semmeln bekommt. Und Bücher. Bücher bekommt man für diesen Witzbetrag viele. SEHR viele. Das ist ein Problem.

“Das ist doch prima!”, jubeln da die passionierten Leseratten vielleicht.

“Das ist der Untergang!” – sage ich. Ich sage das bewusst reißerisch, aber leider auch aus tiefster Überzeugung. Und in der Gewissheit, mit folgenden Worten wieder einige Leser und Kollegen vor den Kopf zu stoßen. Aber vielleicht lest ihr ja trotzdem weiter.

99 Cent-Preise töten den Buchmarkt

Ja, ich weiß, liebe Leser: Ihr bekommt für euer – sicher ebenfalls sauer verdientes – Geld sehr viel tollen Lesespaß! Und ich weiß auch, dass es nicht zu EUREM Problem gemacht werden darf/sollte, wenn viele Autoren ihre wunderbaren Bücher für 99 Cent anbieten.

Ja, ich weiß, liebe Kollegen: Ihr seid der Meinung, dass ihr aktuell nur mit 99 Cent-(Einführungs-)Preisen auf Amazon die Chance habt, so viele Verkäufe zu generieren, dass ihr ein tolles Ranking bekommt, das wiederum die Sichtbarkeit eures Buchs erhöht. Und ich weiß auch, dass ihr es bombig findet, wenn der All-Star-Bonus, den ihr dann (vielleicht) bekommt, doch ein bisschen mehr Geld aufs Konto spült.

Aber: Es ist nicht nachhaltig!

Warum? Es gibt viele Gründe, ich möchte hier exemplarisch mal die zwei offensichtlichsten nennen:

  1. Die Tiefpreisspirale ist langsam nicht mehr zu unterbieten. Bald wird man auch mit 99 Cent nicht mehr die nötige Aufmerksamkeit bekommen – weil einfach JEDER Autor der Meinung ist, er MÜSSE sein Buch zu diesem Ramschpreis verschleudern. Tatsächlich gab es im Februar bei Amazon das #indielesefestival, bei dem viele Titel NOCH billiger waren – und viele Leser im großen Stil ihre Reader mit Lesestoff vollgepackt haben. Wie geht es weiter? Über andere Plattformen, ist es bereits jetzt schon möglich, Bücher für 49 Cent anzubieten … Doch Hauptsache, die Verkaufszahlen stimmen und der rettende Bonus kommt aufs Konto, nicht wahr? Der jedoch wird auch schrumpfen, denn woher soll das Geld dafür auch kommen?
  2. Die Leser, für die 99-Cent-Preise schon jetzt normal sind, werden immer weniger bereit sein, auch mal mehr zu bezahlen. Warum auch? Sie können sich ja sicher sein, dass das nächste Mega-Schnäppchen nur einen Mausklick entfernt wartet. Das Buch wird in der Wahrnehmung der Konsumenten immer mehr zum Wegwerfprodukt. Schnell und billig gekauft, auf den Reader gezogen – vielleicht irgendwann gelesen. Vielleicht aber auch nicht. Ist ja auch egal, hat ja (fast) nix gekostet.

Wollen wir die Entwertung unserer Arbeit (Bücher schreiben) einerseits und die Banalisierung unserer Leidenschaft (Bücher lesen) andererseits wirklich einfach so hinnehmen? Resigniert schulterzuckend, weil man ja angeblich ohnehin nichts dagegen machen kann? Und uns wie die Lemminge sehenden Auges in den tödlichen Abgrund stürzen? Das ist doch ein Irrsinn!

Kämpfen lohnt sich – auch für Geld!

Wenn man irgendwas aus der US-Wahl, dem Brexit und anderen erschreckenden (politischen) Entwicklungen lernen kann, dann vielleicht dies: Es reicht nicht, eine Meinung zu haben und das Beste zu hoffen, man muss für seine Überzeugung auch einstehen und kämpfen!

Ich tue das seit einem Weilchen (und diversen Blogposts hier meiner Seite – beispielsweise Irrweg Preisaktion oder Quantität hat ihren Preis) und habe seit rund anderthalb Jahren selbst keine 99-Cent-Aktion mehr gemacht. Damit habe ich womöglich auf Geld verzichtet, auf ein tolles Ranking, auf einen Bonus, vielleicht sogar auf den einen oder anderen Neuleser, den ich mit einem Schnapper hätte erreichen können.

Doch darin liegt schon der erste Denkfehler: Wie viele neue Fans generiert man mit den Dumpingpreisen denn wirklich? Ist die Gefahr nicht vielmehr ziemlich groß, dass viele Schnäppchen-Käufe auf diversen Readern auf ewig ungelesen ihr Dasein fristen? Siehe den Schlussverkauf-Monat bei Amazon. Ich weiß von Lesern, die sich beim Indie-Lesefestival mehrere hundert Titel gesichert haben. Selbst für passionierte Viel- und Schnellleser ist diese Masse an Text nicht superschnell zu verarbeiten. Da bleibt zwangsläufig eine Menge auf der Strecke – zumal der Buchmarkt sich ja weiterdreht und ständig neue Titel veröffentlicht werden.

Die echten Fans dagegen sind gerne bereit, einen realistischen Preis zu bezahlen – weil sie sich auf die neueste Geschichte ihres Lieblingsautors freuen und es kaum abwarten können, sie zu lesen.

Ich ziehe mal einen kühnen Vergleich heran: Viele Apple-Fans warten bebend auf das neueste Modell des iPhones, haben im Zweifel wahnsinnig dafür gespart, um dieses völlig überteuerte Stück Technik direkt zum Verkaufsstart an ihr wild pochendes Herz zu drücken. Glaubt jemand ernsthaft, das Apple-Management ließe sich von Aussagen wie “Ich hätte so gerne das neue iPhone, aber ich kann es mir nicht leisten, macht es doch bitte billiger!” zu einer Preissenkung inspirieren? Nein, natürlich nicht.
Warum verschleudern dann viele tolle Indie-Autoren ihre Neuerscheinungen zu einem Spottpreis?

Um neue Leser/Fans zu generieren! So die These. Doch das ist Quatsch. Die aufgeregte Facebook-Fancrowd bibbert vielleicht euphorisch mit und kreischt begeistert: “Oh, das neue Buch von x ist da – ich schieße es mir fix für 99 Cent!” Ein bislang unbedarfter Leser wird daraufhin womöglich sagen: “Aha, na gut, dann hol ich mir das auch mal. Kann ich ja irgendwann mal lesen oder so.” Doch auf dem Reader schlummern Dutzende, vielleicht sogar Hunderte andere Schnäppchen-Titel. Und mal unter uns? Wer weiß schon noch, welche Juwelen auf Seite 17 in unserer Reader-Bibliothek schlummern?

Will heißen: Es wäre schon ein sehr großer Zufall, wenn sich durch 99 Cent-Einführungspreise eine richtig große, nachhaltige Fanbase aufbauen sollte. Ich gehe sogar noch weiter: Ich halte es für ausgeschlossen. Klar mögen die Verkaufszahlen (vielleicht) super sein, aber ob die Bücher auch gelesen werden?

Viel schlauer wäre es dagegen, mal zwischendurch den Preis eines älteren Titels zu reduzieren (NICHT auf 99 Cent!). Ein Buch, das vielleicht schon eine Menge guter Rezensionen aufweist, aber aktuell keine großen Verkäufe mehr erzielt. Mit solchen Aktionen kann man Neugier wecken – und neue, interessierte Leser finden.

Dumpingpreise schaden Autoren und Lesern!

Es ist vielleicht naiv von mir, zu glauben, ein Umdenken könnte tatsächlich funktionieren, aber sehen wir doch mal den Tatsachen ins Auge: Die meisten Autoren fühlen sich regelrecht genötigt, in immer höherer Frequenz zu veröffentlichen, um noch auf einen vernünftigen Schnitt zu kommen – doch irgendwann in diesem Prozess wird zwangsläufig die Qualität der Texte leiden. Die Geschichten werden simpler, banaler, liebloser. Irgendwann merken das auch die Leser, die frustriert feststellen, dass Autorin Y früher auch mal besser war. Und auch Autor Q. Selbst Z schreibt nur noch Mist. Wollen wir es so weit kommen lassen?

Ich denke, dass die meisten Leser bereit wären, für einen Indie-Roman (denn Verlagsbücher sind noch mal eine ganz andere Sache …), einen realistischen Preis zwischen 2,99 € und 5,99 € zu bezahlen – für Bücher von Autoren, die sie schätzen oder die sie aufgrund einer Leseprobe überzeugt haben. Um neue Autoren kennenzulernen, greifen sie bei Schnäppchenpreisen älterer Titel zu – und entdecken entweder ein neues Juwel oder haben wenigstens keine große Investition tätigen müssen.
Wäre das nicht eine Win-Win-Situation für ALLE?

Fazit

Mir ist klar, dass ich mit diesem Text nichts an der grundlegenden Situation ändern werde – und ich ahne, mit welchen Argumenten ich nach Lektüre dieses Textes bombardiert werde (die meisten dürfte ich schon mehrfach gehört haben), aber wenn ich nur eine Handvoll Kollegen und Leser zum Nachdenken anregen konnte, dann war es den Zeitaufwand allemal wert!

Meine persönliche Konsequenz habe ich – nach einem Hinweis einer Leserin – vor einem Weilchen ebenfalls gezogen: Ich promote keine 99-Cent-Aktionen meiner Kollegen mehr! Auch nicht die von Menschen, mit denen ich befreundet bin und deren Bücher ich liebe. Denn wie die Leserin scharfsinnig feststellte: Ich kann nicht faire Preise predigen und gleichzeitig Schnäppchen bewerben. Autoren, die ihre Neuerscheinungen für einen regulären Preis anbieten, dürfen mich aber gerne jederzeit um Unterstützung bitten!

PS: Dieser Nachtrag ist für euch, liebe Kollegen: So wichtig Amazon für uns ist, so sexy eine All-Star-Auszeichnung in unserem Profil auch ist – es gibt auch ein Leben außerhalb des großen “A”. Es gibt viele Leser, die sich in einer anderen Welt tummeln. Auch außerhalb von Facebook. Die von der ganzen Hysterie noch nichts oder nur wenig mitbekommen haben. Diese Menschen sollten wir ebenfalls ansprechen. Da geht noch was – gemeinsam könnten wir etwas erreichen!

Nachtrag

Weil ich gerade über folgenden Kommentar auf Facebook gestolpert bin: “Wenn ein eBook mehr kostet [die Rede war von Preisen zwischen 99 Cent und 2,99 €], dann kaufe ich es nicht mehr, sondern ziehe es mir aus anderen Kanälen. Die Autoren sollen doch froh sein, wenn ich zahle und nicht klaue!”

Danke für diesen Hinweis, liebe Leserin M.! Stimmt, wir Autoren sind schon ein verdammt gieriges Pack. Ich besonders, weil meine Bücher ja häufig noch mehr kosten. Ich werde es bezerzigen und – demnächst einen Beitrag zum Thema Piraterie verfassen! Sobald ich fertig mit Kotzen bin!