Schöner Bohren oder Sex auf der Baustelle

Sex auf der BaustelleZeig mir deinen Arbeitsplatz

In praktisch jedem (Blogger-)Interview werde ich gefragt: „Wie schreibst du am liebsten?“ oder „Hast du bestimmte Rituale beim Schreiben?“ oder auch gerne: „Zeig uns deinen Arbeitsplatz!

Da fange ich schon unter normalen Umständen zum Rumeiern an. Denn ehrlich gesagt, ist es mir ziemlich Schnuppe, wo und wie ich schreibe. Wenn der Druck groß genug ist, schreibe ich einfach überall und in jeder Situation. Und da ich in der Regel überhaupt erst mit Schreiben beginne, wenn ich Druck habe … Das ist alles sehr unglamourös, ich weiß, und ich war schon mehrfach versucht, die Mär vom strahlend weißen, total cleanen Schreibstudio am Meer in die Welt zu setzen, doch das glaubt mir ja doch keiner.

Rituale

Ein hilfreiches Ritual habe ich jedoch schon: Ich stehe total auf „Schreib-Battles“. Das ist eine ebenso glorreiche wie sinnlose Einrichtung, die mich aber regelmäßig und zuverlässig zu zügigem Output inspiriert. Ich bin Mitglied in einer Schreibgruppe auf Facebook, in der sich einzelne Mitglieder zu kleinen Schreibeinheiten verabreden. Gestern habe ich beispielsweise recht erfolgreich mit Mila und Laura „gebattelt“. Nach den vereinbarten 30, 45 oder 60 Minuten trifft man sich wieder auf Facebook, teilt seine Wort-Anzahl mit, jammert rum (wenn es schlecht gelaufen ist) oder freut sich (wenn die schwierige Szene plötzlich flutscht). Es geht um nichts – völlig egal, wer die meisten Wörter hat – aber es funktioniert. Zumindest für mich.

Da ich im Moment wieder einen recht sportlichen Abgabetermin vor der Brust habe, ziehe ich seit ein paar Tagen regelmäßig in den Kampf und habe so innerhalb einer Woche ein Fünftel des Manuskripts fertig.

Grenzerfahrung

So weit, so gut. Allerdings habe ich – unglücklicher Planungsfehler – im Moment auch eine Baustelle zuhause. Drei Räume werden renoviert. Nicht von mir, sondern von Menschen, die sich auskennen. Doch ich bin natürlich vor Ort, um die Handwerker mit klugen Ratschlägen zu nerven.

Wenn ich das nicht tue, versuche ich zu schreiben. Mit dem Laptop. Auf dem Sofa. Und im Hintergrund die Geräusche, der fleißigen Handwerksmänner. Das ging die letzten Tage prima – nicht einmal die Lackdämpfe haben mich nachhaltig aus dem Tritt gebracht. Doch heute morgen sollte es die erste pikantere Szene im Roman werden – zu einer Tageszeit (9 Uhr), zu der ich normalerweise noch nicht einmal sprechen kann (geschweige denn andere Dinge …). Doch ich war ja schon lange wach, der Maler an sich bevorzugt schließlich die Frühschicht.

Ich lege also los: „Mit hungrigem Blick taxierte er ihren nackten, verschwitzten Leib …“ Aus dem Flur: „Frau Müller, habe Frage!“ Ich rapple  mich hoch und gehe in den Flur, wo sich gleich darauf folgender Dialog entspinnt:
Handwerker: „Wo ist Dichtung?“
Ich: „Welche Dichtung?“
Handwerker: „Na, Dichtung von neuer Duschabtrennung.“
Ich: „Keine Ahnung. In der Packung?“

Um es abzukürzen: die Dichtung war nicht dabei! Die nächsten Tage werden wir also entweder stinken oder beim Duschen das Bad unter Wasser setzen. An Schreiben war erstmal nicht zu denken, stattdessen standen Telefonate mit diversen Kundencentern auf dem Programm. Nachdem das Dichtungsproblem gelöst war und die Handwerker mit belegten Brötchen versorgt waren, sollte es bei meinen Protagonisten weitergehen.

Safer Sex

War der Schweiß der Heldin schon getrocknet, war der Held noch hungrig? Die beiden waren jedenfalls sehr ungeduldig, endlich weitermachen zu können. Sie küssten sich, sie berührten sich, sie säuselten sich Schweinereien ins Ohr und wollten gerade zur Sache kommen – er nestelte schon am Kondom rum – als die Bohrmaschine aufkreischt.

Nun könnte man sagen, dass „Bohren“ ja durchaus das passende Leitmotiv wäre, doch … nein, es ging einfach nicht mehr. Zumal Augenblicke später erneut ein anklagendes „Frau Müller, habe Frage!“ erschallte. Die Schublade der Wandkommode passte nicht. Ich war mir keinerlei Schuld bewusst, schließlich bin ich seit Jahren stolze Trägerin des „Großen Ikea Basteldiploms am Bande“, und außerdem habe ich mich präzise an die Aufbauanleitung gehalten. Nach einigem Hin und Her, haben wir schließlich auch diese (und noch ein paar weitere) Klippe umschifft. Puh. Dann könnte ich ja eigentlich …

Doch der vorsichtige Blick auf mein Manuskript offenbar Erschütterndes:  Der Heldenpenis ist erschlafft und die Protagonistin duscht. Mist. Das wird heute wohl nix mehr.

Was lernen wir daraus?

Sex auf der Baustelle ist ein No Go!

In diesem Sinne – ich werde jetzt putzen. Schönes Wochenende.

Taumeln auf der Todeslinie

AbgrundKlingt das nicht unglaublich martialisch: Todeslinie? Deadline – der Zeitpunkt, an dem zwar nur in den seltensten Fällen das Leben zu Ende ist, sondern meist nur eine vereinbarte Arbeit fertig sein sollte. Fast alle Freiberufler, vor allem wenn sie der schreibenden Zunft angehören, würden ohne diese magische Linie überhaupt nichts geregelt bekommen. Ich bin da keine Ausnahme, ich habe nur inzwischen (nach Jahren konstant schlechter Laune und vielen, vielen grauen Haaren) gelernt, daran nicht mehr zu verzweifeln.  Ich weiß, dass ich nur so funktioniere und weiß auch, dass ich es in fünfzehn Jahren Freiberufler-Dasein bislang IMMER geschafft habe. Was also aufregen?

Das richtige Timing ist in Fällen wie diesen der entscheidene Faktor. Und wenn ich weiß, dass ich für einen Artikel mit ungefähr 5.000 Zeichen zum Thema XY zwei Stunden plus Recherche brauche, dann gibt’s doch keinen Grund, dass ich mich schon zwei Wochen vorher verrückt mache, oder? Bei übersichtlichen Arbeiten, die man in vergleichbarer Form schon dutzende Male gemacht hat, ist das inzwischen kein Problem mehr. Auch wenn immer ein Rest-Thrill bleibt: Krankheiten, familiäre Notfälle oder brandeilige Last-Minute-Jobs sollten besser nicht dazwischen kommen, weil sonst aus dem fein austarierten Balanceakt schnell ein verzweifeltes Taumeln auf der Todeslinie werden kann. Da sage noch einer, Schreiber leben nicht gefährlich …

Ein wenig anders sieht es jedoch beim Roman-Schreiben aus, wobei ich da auch unterscheiden muss, zwischen einem Auftragswerk (da gibt’s einen Abgabetermin, funktioniert also einwandfrei) und Herzensprojekten. Mein neuer Roman Gefühlte Wahrheit ist ein Produkt aus der zweiten Kategorie. Die Grundidee und einer der drei Protagonisten sind schon gute fünf Jahre alt. Zwei Verlage waren im Laufe der Zeit milde interessiert, aber nur wenn genau dieser Protagonist rausfliegt. Darauf hin lag die Story wieder auf Eis, denn selbst wenn „Kompromissbereitschaft“ mein zweiter Vorname sein könnte, Kito war nicht verhandelbar. Irgendwann im Sommer 2013 habe ich mir den rohen Plot (mehr als ein Exposé gab’s nicht) wieder vorgenommen und beschlossen: Dann mach ich’s halt alleine!

Aber natürlich total professionell mit Lektorat, gestaltetem Cover und ausgefuchster Marketingstrategie. Die ich an der Fußball-WM aufhängen wollte (und ja, auch immer noch will!), denn schließlich trägt Kito ein Schweinsteiger-Trikot und auch sonst gibt’s den ein oder anderen Fußballbezug in der Geschichte. Soweit so gut. Was es im Sommer 2013 jedoch noch nicht gab, war Text. Kein Problem, die WM ist ja noch weit weg. Im September beschloss ich, dass ich ja erst einmal mit der Suche nach einem geeigneten Lektorat anfangen könnte (dazu demnächst mehr). Und weil sich Lektoren gerne einen Eindruck vom Werk verschaffen wollen, ehe sie ein Angebot abgeben, habe ich fix die ersten vier Kapitel geschrieben. No big deal.

Irgendwo hatte ich mal gelesen, dass Blogbeiträge kurz und knackig sein sollen, sonst liest sie keiner … Also, all jenen, die noch bei mir sind: Vielen Dank für die Aufmerksamkeit! Und jetzt weiter im Text:

Einen Zeitplan hatte ich im Herbst schon im Kopf – und ihn auch an alle Beteiligten kommuniziert, damit sich alle darauf einstellen können. Der erste Entwurf des Manuskripts sollte bis spätestens Mitte Februar fertig sein, dann würden die Testleser zwei bis drei Wochen Zeit haben, sich intensiv mit dem Text zu beschäftigen. Nach der Überarbeitung bekäme die auserwählte Lektorin Mitte März das Manuskript – zu einem Zeitpunkt, da das Cover schon längst fertig ist (geplant: Ende Januar). Die ersten beiden April-Wochen sollten den letzten Korrekturen gehören und der Produktionsvorbereitung. Soweit der Plan. Die Realität gestaltete sich dann doch geringfügig anders: Im Oktober war Urlaub angesagt, im November eine erfreuliche einwöchige Dienstreise (inspirierend für den Roman obendrein), viel, viel Arbeit, Weihnachten und kein weiteres Wort geschrieben. Egal. Ist ja noch Zeit bis zur WM … Ende Februar dann immer herrischere Nachfragen von Testlesern und Lektorin: Wolltest du nicht längst? Ja, wollte ich.

Panik. Frust. Hatte ich versagt? Mein großes Herzensprojekt aufs Spiel gesetzt? Noch mehr Panik. Und schließlich wilder Aktionismus. Der Veröffentlichungstermin vor der WM ist noch machbar – wenn ich ENDLICH zum Schreiben anfange und alle anderen mitspielen. Die ersten März-Tage waren manischem Plotten gewidmet, ab dem 6. März habe ich dann tatsächlich geschrieben und am 28. war das letzte Wort von Gefühlte Wahrheit gesagt. Und die Einsicht gewonnen: Ja, man kann innerhalb von drei Wochen 170 Seiten schreiben! Aber nein, es ist nicht empfehlenswert – jedenfalls dann nicht, wenn man Wert auf ein intaktes soziales Umfeld legt … Lange Rede: Stand heute ist der Roman fertig, testgelesen, überarbeitet, lektoriert! (Danke für schnelle Arbeit der Testleser und Korrektorin.) Es fehlen noch die Einarbeitung der Korrekturen und die „Post Production“. Aber die WM wird ja auch erst am 13. Juni angepfiffen. Das schaffe ich locker!

Der neue Plan: Veröffentlichung von Gefühlte Wahrheit bis Mitte (spätestens Ende) Mai! Und beim nächsten Mal versuche ich es vielleicht mal mit dem System meiner Kollegin Micha Goebig. Das scheint nicht ganz so schmerzhaft zu sein …