Wie ein Glitzer-Einhorn hinter Glas

Mixed emotionsManchmal birgt die simple Frage nach der eigenen Befindlichkeit größtes Problempotenzial. “Wie geht’s?” – wird meist nur so dahin gesagt. Eine Höflichkeitsfloskel ohne wirkliches Interesse dahinter. Es ist fast ein bisschen schade, dass mich heute noch keiner gefragt hat, denn ich hätte ausnahmsweise mal eine echt originelle Antwort parat: “Ich fühle mich wie ein Glitzer-Einhorn hinter Glas!”

Ich gehe mal davon aus, dass meine geschätzten Bürogenossen schon so etwas geahnt haben, als ich mit leicht wirrem Blick heute Morgen angeschlichen kam – weshalb sie sich die Frage sicherheitshalber erspart haben. Andererseits habe ich auch keinen gefragt … Ehe ich jetzt einen Exkurs beginne, ob womöglich eine gewisse Verrohung in unserer Arbeits-WG eingezogen ist, lieber zurück zum Einhorn.

Diesen Gesellen gibt’s nämlich wirklich. Ein Geschenk meiner nach Seattle desertierten Kollegin Micha, die meine Schwäche für  fantasievollen Christbaumschmuck kennt. Das Lederhosen tragende Einhorn ist seit gestern mit reichlich pinkem Dekosand in ein Weckglas gezogen. Als Kunstinstallation hat es für viele Ahs und Ohs gesorgt, völlig ahnungslos, dass es wenige Stunden später zum Symbol latenter Wirrheit absteigen wird.

Warum so wirr?

Seit Tagen laboriere ich an einer Kolumne zum Thema “Erratisch oder erotisch?”, doch da will der Funke nicht so recht überspringen. Und auch die längst versprochene Tirade über die Großstadt-Panzer-Brigaden (aka SUV-FahrerInnen) will mir, obwohl erst auf dem Arbeitsweg durch ein weiteres kühnes Manöver einer Landrover-Fahrerin neu angefacht, nicht so recht aus den Fingern fließen. Stattdessen ertappe ich mich dabei, wie ich immer massiver über ein (für mich) völlig neues Roman-Genre nachdenke, von Delfinen träume, für einen mir vollkommen unbekannten kanadischen Terrier spende (der letzte Woche von der Dachterrasse im vierten Stock auf die Straße gesprungen war, weil er eine Katze im gegenüber stehenden Baum …) und über die Liebe philosophiere.

Alles ganz wunderbare Themen, aber – mit Ausnahme des kanadischen Terriers vielleicht – nicht geeignet für ein fluffiges Lebenszeichen auf meinem Blog hier. Von dem Einfluss auf meine eigentliche Arbeit mal ganz zu schweigen. So starre ich abwechselnd mein Einhorn, dem ich mich heute so nahe wie noch nie fühle, und diesen Film hier an – der mir übrigens auch noch beim fünften Angucken die Tränen in die Augen treibt. Ein ganz wunderbares Beispiel für die Liebe. Falls es hier jemanden interessiert.

Delfine!

Flipper

Warum sind wir Menschen so versessen auf Delfine? Klar, sie sehen irgendwie niedlich aus, schnattern lustig und sind tendenziell freundlich zu uns ungehobelten Humanoiden, die – ob absichtlich oder nur aus Gedankenlosigkeit – vieles dafür tun, dass der Lebensraum der Meeressäuger immer weiter vernichtet wird. Es gibt natürlich zig Studien zu dieser Thematik, doch die zu zitieren wäre ja langweilig. Daher versuche ich’s mit einer eigenen, streng subjektiven, empirischen Untersuchung zum Thema:

Vor ein paar Monaten stand meine gute Freundin S. vor ihrer Reise nach Bali. Am Telefon erzählte sie mir, dass sie dort die Möglichkeit habe, mit einem Fischerboot zum Delfine-Gucken zu schippern. S. war – ähnlich wie ich selbst – wohl eher an dem Trip mit dem Bötchen interessiert und hätte die Tiere nur als nette Beigabe genommen. Wir diskutierten angelegentlich, was nun alle Welt so an diesen Viechern fasziniert. Nach eingehenden Analysen kamen wir zu dem Schluss: Für uns Menschen sind Delfine Hunde im Fischkostüm!

Hunde im Fischkostüm

Doch dann kam S.s Nachricht aus dem Urlaub: “Ich nehme alles zurück, was ich über Hunde im Fischkostüm gesagt habe. Delfine sind ganz bezaubernd! Wir sind heute Morgen um 5 aufgestanden und meiner Nussschale mitgefahren. Der Fischer musste zwischendurch immer Wasser aus dem Boot schöpfen – aber es war traumhaft!” Hm. Meine kühle, analytische S. war verknallt in glitschige Meeressäuger?!

Solche Schwärmereien kenne ich sonst nur von Freundin T., einer passionierten Globehopperin, die ihr magisches Delfin-Erlebnis bereits vor ein paar Jahren auf Hawaii hatte. Aber T. ist grundsätzlich enorm begeisterungsfähig und findet sowieso jedes Tier gut (zwei der Gründe, warum ich sie so mag!) und würde womöglich sogar einer Feuerqualle einen gewissen Possierlichkeitsfaktor zuschreiben. Ihre Delfinerlebnisse zählen also nicht. Ich benötige mehr Zweifler für meine Studie.

Mich selbst! Als Kind der 70er Jahre bin ich natürlich mit Flipper aufgewachsen. Ihr wisst schon: “Sie nannten ihn Flipper – Flipper, Freund aller Kinder …” [Oh, ich stelle gerade auf Wikipedia fest, dass der Song doch ganz anders geht … egal, ihr wisst, was ich meine!] Und meine Fresse, was hätte ich damals alles für so einen treuen tierischen Freund gegeben! Flipper hatte es einfach sowas von drauf – er hat Sandy und Bud laufend aus allen möglichen verzwickten Situationen gerettet, gefühlt sogar in etwa jeder dritten Folge große Verbrechen verhindert oder wenigstens aufgeklärt. Kurz: Flipper erschien mir wie das ideale Haustier! Leider sahen das meine Eltern ganz anders – und kauften ein Aquarium mit Guppys. Guppys?? Ernsthaft!

Flipper, Guppys, Thunfischnetze

Ich glaube nicht, dass die Guppys wirklich Schuld daran hatten, dass meine frühe Leidenschaft für Delfine sukzessive abnahm. Nicht, dass ich jemals wirklich Antipathien gegen sie gehegt hätte, mich hat nur immer mehr der Kult um sie aufgeregt. Was wird den Biestern alles zugeschrieben: Intelligenz, Empathie, Therapiefähigkeit – kurz, sie sollen die überlegene Spezies sein. Das mag stimmen, oder halt auch nicht, denn so überlegen können sie wohl nicht sein, wenn sie sich von uns dummen Menschen so unfassbar missbrauchen lassen. Nein, ich habe und hatte nie Antipathien, es ist eher so, dass sie mir einfach leid tun. Delfine, die als Beifang in Thunfischnetzen elendiglich ersticken, Delfine die mit zahlenden Touristen zusammen schwimmen müssen (ich spreche hier nicht von den Therapie-Delfinen, wobei die mir ehrlich gesagt auch leid tun), Delfine, die in Zoos alberne Kunststückchen lernen müssen, Delfine, die vom Militär zur Wasserminenverteilung oder -entschärfung trainiert werden. Alles reichlich fragwürdig.

Ich verwehrte mich also gegen die unangemessene Romantisierung einer Spezies, die sich nicht dagegen wehren kann und versuchte mich, in Delfin-Fragen neutral zu verhalten. Gut, ich verzichte weitgehend auf Thunfisch und komplett auf Schwimm-Abenteuern mit den Säugern (was aber vor allem daran liegt, dass ich es hasse, von Wasserbewohnern in ihrem Element berührt zu werden … long story!), aber ansonsten sind – oder vielmehr: waren! – sie kein Thema für mich.

Delfine SIND besonders!

Als leidenschaftliche Kreuzfahrerin kenne ich natürlich den hysterischen Schrei eines Mitreisenden bei einer Sichtung: “Delfine!” wird dann über Deck gebrüllt! Doch sobald man seinen trägen Leib in Richtung Reling gewalzt hat, sind die Biester immer schon wieder weg. Aber ja, auch ich habe schon das ein oder andere Mal in den letzten zehn Jahren Delfine gesehen. Meist ein ziemliches Stück entfert und fast immer nur ein paar Sekunden lang. Nichts was eine erhöhte Endorphin-Ausschüttung rechtfertigen würde.

Royal-Clipper-Collage-kleinBis letzte Woche! Ich war unterwegs mit der Royal Clipper zwischen den Inseln Lipari und Stromboli und lag mit dem Mann zusammen vorne im sogenannten Bug-Spriet-Netz. Was zwar ein bisschen unbequem ist, aber trotzdem der allertollste Platz auf diesem Schiff. Man schwebt buchstäblich über dem Wasser – den Blick wahlweise auf die imposanten Segel gerichtet, den Himmel – oder eben aufs Wasser. Unsere Augen waren selbstverständlich verliebt ineinander versunken, als von der Backbord-Netzseite (also links – wir lagen rechts neben dem Masten) der heisere Schrei “Dolphins!!” ertönte und unsere Aufmerksamkeit umgehend auf andere Dinge lenkte. Der Blick führte vorbei an den üppigen Brüsten der Galeonsfigur zum Wasser, das vom mächtigen Kiel in eine brodelnde Bugwelle verwandelt wurde (wir waren echt flott unterwegs!). Und tatsächlich! Dort hopste ein Delfin aus den Fluten und tauchte wieder ab. Dann der nächste. Und noch einer (oder vielleicht auch wieder der erste). Es war unglaublich. Es war wunderschön. Es war magisch! Es war ein Erweckungserlebnis. Eine gute halbe Stunde lang surften bis zu fünf Tiere auf der Welle und hatten richtig viel Spaß! Und ich? Was soll ich sagen? Ich liebe Delfine!

 Wer jetzt Lust auf ein Segelabenteuer hat – in meinem Roman “Gefühlte Wahrheit” gibt’s zwar keine Delfine (den habe ich in meiner Verleugnungsphase geschrieben), dafür Geister, Fußball und reichlich Liebe … Viel Spaß!