Wie ich (fast) die Lust am Schreiben verloren habe

Wie ich  die Lust am Schreiben verloren habe …

“Schreibblockade? Kenn ich nicht!” Das habe ich jahrelang getönt und ja, es stimmt auch heute noch. Schließlich verdiene ich mein Geld seit fast zwei Jahrzehnten mit Schreiben, und zu seinem Job sollte man sich doch auch dann aufraffen können, wenn man keine Lust darauf hat, oder? Das gilt natürlich in erster Linie für Artikel, die ich für allerlei Medien und Kunden verfasse, aber ich habe mich immer auch stolz damit gebrüstet, dass ich diese Konsequenz auch bei meinen Romanen an den Tag lege: Nie habe ich einen Abgabetermin verpasst, nie hat man einer Passage angemerkt, dass ich mich gerade massiv dazu zwingen musste, sie zu schreiben.  Es ist doch schließlich mein Job, den ich mir sehenden Auges freiwillig ausgesucht und das nötige Handwerk sehr gründlich gelernt habe.

Schleichender Prozess

Ich kann mich nicht mehr genau daran erinnern, wann es losging – es muss wohl im Laufe von 2016 gewesen sein -, doch irgendwann wurden die Phasen des Mich-Zwingen-Müssens immer ausgedehnter. Es fing damit an, dass ich immer weniger gebloggt habe – hier auf dieser Seite und meinem Fußball-Blog, der inzwischen sogar komplett auf Eis liegt (was auch, aber sicher nicht nur an der immer öder werdenden Bundesliga liegt) -, dass ich also auf etwas verzichtet habe, was mir sonst mehr Spaß als vieles andere gemacht hat.

Richtig Fahrt aufgenommen hat die Frustphase dann ausgerechnet in 2017, dem Jahr mit den bislang meisten Veröffentlichungen von mir.  Es waren acht Einzeltitel plus zwei Kurzgeschichten in Anthologien – alles zusamengerechnet an die 1.500 Taschenbuchseiten. Das ist weniger als viele KollegInnen pro Jahr produzieren, aber für mich eine gigantische Menge, die auch erst mal geschrieben werden will. Dazu kam, dass ich bis auf meine Kinder SciFi-Geschichte Ferien auf Tarkanus X, recht monothematisch unterwegs war. Nur als Charlotte Taylor mit fünfmal Hot Chocolate und dreimal Millionaires Club. Doch kann das ein Grund sein?

Auf Spurensuche

Wohl kaum – schließlich ist das doch mein Job, nicht wahr? Und soweit ich mich erinnere, hat mich keiner jemals dazu gezwungen, als Charlotte Taylor unterwegs zu sein. Also woran lag es dann?

Wahrscheinlich gibt’s darauf keine einfache Antwort und ich schätze, dass die Gründe vielfältig sind und auch äußere Faktoren eine enorme Rolle spielen. So habe ich im letzten Jahr bei vielen  geschätzten KollegInnen Phasen der Verzweiflung mitbekommen – wenn der neue Titel nicht so gelaufen ist, wie erhofft, wenn die hilflose Wut über Piraten und/oder Abzock-Betrüger auf Amazon überhand genommen hat oder wenn einfach die Sinnfrage kam: “Mögen die Leser überhaupt, was ich schreibe?” Einige haben auch aufgegeben, haben ihren Traum zu Schreiben ad acta gelegt und sind wieder in den angestammten Job zurückgekehrt.

Auch mich hat das zermürbt. Genau wie der ständige Abnutzungskampf bei den Marketingbemühungen: Wer mobilisiert die meisten Fans? Wer hat die tollsten Goodies? Wer hat den niedrigsten Preis? (dazu habe ich ja schon erschöpfend viel geschrieben …) Wie halte ich ungeduldige Leser bei der Stange? Soll ich Werbung schalten? Und wenn ja wo und wie lange?

Ein sinnvolles Marketing kostet oft Geld aber immer Zeit – und Zeit ist bei so vielen Veröffentlichungen, wie ich sie 2017 hatte, Mangelware. Auch wenn es KollegInnen gibt, die ähnlich viel produzieren, dazu noch kleine Kinder haben und das alles erstklassig gewuppt bekommen. Vor ihnen ziehe ich in tiefer Bewunderung (und ja, durchaus auch glühendem Neid!) meinen Hut. Ich kann das jedenfalls nicht.

Neues Jahr, neues Glück

Dann kam der Jahreswechsel und mit ihm die fast charmant-naive, aber in jedem Fall irrige Annahme, dass im neuen Jahr alles besser werden würde! Doch warum sollte es? Wenn sich sonst nichts ändert? Eben!

Die Feiertage habe ich ausgeknockt mit Fieber und Grippe im Bett verbracht, wohl wissend, dass ich in den ersten Januartagen die allerletzte Hot Chocolate-Episode werde schreiben müssen. Nur eine Kurzgeschichte von läppischen 30, 40 Seiten. Sollte doch ein Klacks sein, oder? Wenn es gut läuft, brauche ich für so etwas zwei Tage. Diesmal waren es zehn. Tage und Stunden voller qualvoller Agonie. Ich habe mich zu jedem einzelnen Wort mit Gewalt zwingen müssen. ZU! JEDEM! EINZELNEN! WORT!

Unmittelbar nach der Abgabe, musste ich mich schon dem nächsten Manuskript zuwenden, das DRINGEND auf Fertigstellung wartete: Meinen dritten und insgesamt finalen Teil der Millionaires Club-Reihe. Auf diese Geschichte habe ich mich eigentlich sehr gefreut, denn ich habe dafür – wie ich finde – großartige Figuren entwickelt. Doch es blieb zäh. Jedes Wort war eine Qual. JEDES! EINZELNE! WORT!

… und sie völlig überraschend wiedergefunden habe!

Trotzdem bin ich am Ball geblieben. Ist doch schließlich mein Job … blablabla. Es gab ja auch schon ein Cover, Goodies hatte ich ebenfalls schon besorgt, Leser waren via Facebook und Snipsl angefixt und die absolut finale Deadline war gesetzt, genau wie der Veröffentlichungstermin. Irgendwann ging es plötzlich etwas besser beim Schreiben, die Story nahm Fahrt auf und ein Ende war in Sicht. Letzten Donnerstag wollte ich noch das Finale schreiben und sie dann am Freitag ins Lektorat geben. Yeah.

Doch dann ist etwas passiert, womit ich nicht gerechnet habe: Die Geschichte hatte sich in meinem Kopf festgesetzt (das habe ich seit Gefühlte Wahrheit nicht mehr erlebt), die Protagonisten haben mir unerhörte Ideen eingeflüstert (das weiß ich in der Regel gut zu unterbinden)- und es wurde immer mehr Text (das war noch nie da)!

Durch meine journalistische Arbeit kann ich ziemlich gut mit Zielvorgaben umgehen. Will jemand eine Reportage über 7.000 Zeichen, dann bekommt er sie. Will ein Verlag einen Roman, der 300 Seiten lang ist, dann schreib ich exakt so viele. Kein Problem. Das ist alles ganz normales Handwerkszeug wie Dramaturgie, Spannungsbogen, etc. Ich bin in der Regel auch immer sehr planvoll unterwegs und so vor überraschenden Plottwists geschützt. Doch diesmal?

Schockmomente

Diesmal habe ich mich auch gewehrt! Ich wollte die Geschichte im gewünschten Umfang von maximal 180 Seiten beenden. Auf ungefähr Seite 198 (und etwa fünf Seiten vorm großen Happyend) kam mir dann am Donnerstag ein Einfall, der mir beinahe einen Herzstillstand eingebracht hatte. Sollte ich diesem Impuls folgen? Oder besser nicht? Meine Kolleginnen im virtuellen Schreibbüro auf Facebook haben mir Mut gemacht: Go for it! Wenn es so massiv raus will, dann muss es raus. Okay, aber was wird dann aus meinem Roman? Diese neue Entwicklung lässt sich nicht auf fünf Seiten einbauen – und überhaupt? Kann ich das den Fans zumuten? Die erwarten doch bestimmt etwas ganz anderes als das?

Panik-Anruf bei “Ober-Millionärs-Mutti” Viola Plötz aka Ava Innings, um ihr schonend die Neuigkeiten beizubringen, dass … Ja was eigentlich? Sie war es dann, die gesagt hat: “Vergiss den Millionaires Club, mach aus Robin etwas eigenes!” Aber? “Kein Aber. Mach es! Das wird großartig!”

Schockmoment – kein Millionär mehr? Kann ich Viola und die Fans wirklich hängen lassen? Zugegeben, die Story war von der klassischen Millionärs-Romanze ohnehin meilenweit entfernt, doch dass waren Ian und Derek ja auch schon ziemlich und … Außerdem habe ich noch NIE mein Wort gebrochen und ein vereinbartes Projekt nicht realisiert. Aber die Geschichte hat so viel Potenzial …

Der Sprung ins kalte Wasser … kann sehr erfrischend sein!

Okay, ich wage es! Verschrotte meine Goodies, vergesse meinen Veröffentlichungstermin, enttäusche womöglich die treuen Millionaires-Club-Fans, brauche ein neues Cover, einen neuen Klappentext, einen neuen Letkoratstermin, eine neue Veröffentlichungs- und Marketingstrategie – und bekomme statt der erwarteten Panikattacke einen wahren Glücksrausch!

Plötzlich fühlt sich alles richtig an! Plötzlich sprudeln die Ideen! Plötzlich ist sie wieder da, die Lust am Schreiben! Und so stark, wie lange nicht mehr.

Ich weiß nicht, ob es die richtige Entscheidung war, ich weiß nicht, ob meine Leser mitgehen werden, ich weiß nicht, ob sie die Geschichte mögen werden, in der wohl viel weniger Charlotte und viel mehr Carin steckt. Ich weiß nur: Für MICH fühlt es sich im Augenblick richtig gut an. Ich liebe meine Figuren und die Geschichte! Aber vor allem ist das Schreiben plötzlich keine reine Arbeit, kein bloßes Handwerk mehr, sondern wieder wahre Lust und Leidenschaft!

Und nun?

Ich weiß, dass ich unter (Zeit)Druck trotzdem gut arbeiten kann, aber ich will nicht mehr bei dem Irrsinn mitmachen, alle ein, zwei, spätestens drei Monate einen neuen Titel auf den Markt zu werfen. Ich will mir mehr Zeit für meine Geschichten nehmen, will dann auch mehr Zeit für eine sinnvolle Marketing-Strategie haben. Ich habe so viele Ideen für Carin, Charlotte und Nirac (die mit den Aliens!) in der Schublade, dass ich für die nächsten Jahre wohl Vollbeschäftigung hätte, aber ich will offen bleiben für Impulse und warten, bis mir eine Geschichte zuflüstert, dass sie jetzt dran ist! Das gilt übrigens gleichermaßen für meine Selfpublisher- wie Verlagsveröffentlichungen. Vom Gefühl her ist da ohnehin kein Unterschied. Von Endlos-Serien werde ich mich in nächster Zeit vermutlich eher fernhalten, auch von Shorties, stattdessen will ich mich auf fein ausgearbeitete, abgeschlossene Romane konzentrieren.

Aber vor allem werde ich zukünftig auf mein Herz hören – und hoffen, dass diesen Weg auch einige Leser mitgehen!

Meinem Dank all jenen, die bis hierhin durchgehalten haben! Dieser Text ist für einen Blogpost VIEL zu lang, aber hey, ich hab jetzt wieder Lust am Schreiben!

Bitte nicht drücken!

Willkommen bei den Drückebergers! In meiner Facebook-Blase gibt’s seit Monaten eine wahrlich erdrückende Seuche. Anteilnahme aller Art wird stereotyp mit einer der folgenden Floskeln gezeigt (oder auch: ausgedrückt): “Drück dich” – “Drück dich ganz fest” – “Fühl dich ganz lieb gedrückt” – oder mein persönlicher Hass-Favorit: “Drückerle

Diese Drückerei ist – zumindest in meiner Timeline – die Standardantwort auf öffentlich artikuliertes Missbehagen aller Art. Beklagt sich jemand über zu viel/zu wenig/keine Arbeit: “Oh – fühl dich ganz lieb gedrückt!” Hat das Haustier/das Kind/der Partner Schnupfen: “Drückerle für X und dich!” Steht ein Zahnarztbesuch, eine Prüfung, ein Abgabetermin an: “Drück dich!”

Kurz: Von unreflektiertem Rumgenöle bis hin zum Todesfall wird alles kommentatorisch erdrückt! Ohne jede Gnade.

Warum die ganze Drückerei?

Ich frage mich schon eine ganze Weile, warum das so ist. Und auch, warum es mich so massiv stört. Früher jedenfalls wurde nicht gedrückt. Da wurde vielleicht gesagt: “Das tut  mir sehr leid!” – “Kann man dir helfen?” – “Ich denke an dich.” – “Mein aufrichtiges Beileid.” – “Alles wird gut!” – oder vielleicht sogar mal: “Stell dich nicht so an!”

Das sind auch alles Floskeln, keine Frage, aber wenigstens situativ angepasste. Doch heute wird gedrückt, was das Zeug hält. Ich nehme mal an, die Drücker wollen damit ihre Empathiefähigkeit unter Beweis stellen, ihre Anteilnahme am Elend zeigen – und/oder einfach nur nett und freundlich sein. Was ja schön ist. Die Welt ist in jedem Fall ein besserer Platz, wenn wir uns für unsere Mitmenschen interssieren und tendenziell ermunternd auf Leid (mag es auch noch so marginal sein) reagieren.

Drücken kommt von Druck

Doch ist die ganze Drückerei wirklich positiv? Ich finde nicht. Aus mehreren Gründen:

Stellen wir uns doch mal vor, wie wir im wahren Leben auf die Aussage eines Bekannten reagieren würden, dass er sich vorm Zahnarztbesuch fürchtet. Würden wir ihn oder sie spontan in die Arme reißen und kräftig zudrücken? Eher nicht. Vermutlich würden wir etwas in der Art sagen: “Hab keine Angst, es wird bestimmt nicht so schlimm.”

Wann und vor allem wen nehmen wir im richtigen Leben denn in den Arm, um zu trösten? Das sind gar nicht so viele Menschen und gar nicht so viele Situationen, oder? Denn physischer Trost in Form einer Umarmung ist ein sehr intimer Akt, den man in der Regel nicht leichtfertig und wahllos ausübt.

Diese inflationäre, verbale Drückerei finde ich auch deshalb so bedrückend [sic!], weil “drücken” ja von “Druck” kommt – und so schwingt bei aller positiven Intention doch immer auch unterschwellig ein wenig Gewalt mit. Es wird Druck ausgeübt auf eine Person, die sich – aus welchen Gründen auch immer – sowieso schon unbehaglich fühlt. Ist das noch nett?

Druck rausnehmen

Sollten wir nicht stattdessen mal alle wieder den verbalen Druck rausnehmen und uns bemühen, der Situation angemessene Reaktionen zu zeigen? Gäbe unsere Sprache doch jederzeit her, oder?

Vielleicht kann ja als Anhaltspunkt für unsere Erwiderungen tatsächlich unser Verhalten im “real life” dienen. Wen ich also im echten Leben für sein wie auch immer geartetes Unwohlsein nicht drücken würde, dem muss ich es doch auch in der digitalen Welt nicht zumuten.

PS: Ich nehme sehr gerne Anteil am Leben meiner Mitmenschen und freue mich auch, wenn es umgekehrt ähnlich läuft. Aber es gibt nur sehr wenige Menschen, von denen ich mich tröstend umarmen lassen würde (ich spreche jetzt nicht von einer freundschaftlichen Begrüßungs-Umarmung!). Außerdem sind die Dinge, die ich auf Facebook (oder diesem Blog!) äußere, NIEMALS einer Trost-Umarmung würdig, also bitte lasst in Zukunft die verbale Drückerei. Danke.