Das Schminktisch-Mysterium

Es ist – mal wieder – an der Zeit, dass ich mich den wirklich großen Dingen des Lebens widme! Dinge, die uns auf geheimnisvolle Art und Weise beschäftigen, die uns immer wieder ins Bewusstsein springen und uns zwingen, innezuhalten und unsere Sicht darauf neu zu überdenken. Es geht um Liebe, um Tod, um Freude, um Krankheit, um Gott, um die Welt, um Krieg und um Frieden. Wie gesagt: es sind die wirklich ganz großen Themen. Und hier und heute geht es um den Schminktisch.

Der Schminktisch – banal oder Fanal?

Ja, das ist mein voller Ernst! Und das gleich aus mehreren Gründen. Zum einen erstaunt es mich immer wieder, welche Macht ein scheinbar banaler Gedanke und/oder Gegenstand haben kann. Dann sind es oft die vermeintlich sinnlosen Dinge, die zu den anregendsten und sinnhaftesten Diskussionen führen. Und schließlich kann ein Thema gar nicht trivial genug sein, um für gute Unterhaltung zu sorgen. Daher: der Schminktisch!

Von den wirklich großen Dingen des Lebens weiß man natürlich, dass es sie gibt. Aber das Wissen darum ist meist latent, bis ein Ereignis diese Sache irgendwann prominent ins Bewusstsein spült. Das kann beglückend sein, erschreckend, sehr traurig, unglaublich lustig – oder irritierend. Aber egal was es ist, man wird es so schnell nicht wieder los. Daher: der Schminktisch!

Der Schminktisch in meinem Leben …

… existiert gar nicht. Zumindest nicht in physischer Manifestation, doch das gilt beispielsweise für Gott genauso und ist doch auch kein Grund an ihm zu zweifeln (wobei … für manche schon, aber egal. Es geht hier ja nicht um Gott, sondern um Schminktische!).

Mir ist nicht bewusst, seit wann ich weiß, dass es Schmink- oder Frisiertische gibt. Meine Großmutter hatte einen in ihrem altmodischen Schlafzimmer. Möglicherweise auch meine Mutter ganz früher, doch da wird die Erinnerung auch schon wieder schwammig. Was für sich genommen auch schon wieder merkwürdig ist, dass ich mich besser an die Schlafzimmereinrichtung meiner Großmutter als an die meiner Eltern erinnern kann, doch das ist jetzt NICHT das Thema. Mir sind Schminktische in alten Filmen aufgefallen und als Teenie hatte ich fixe Idee, dass es ziemlich schick wäre, eine Art Varietékünstlermaske in meinem Zimmer zu integrieren – mit grellen Glühlampenleisten rechts und links des Spiegels. Daraus ist nichts geworden und für viele, viele Jahre verschwand der Schminktisch als solches in meinem Unterbewusstsein, wo er unter einer dicken Staubschicht vor sich hinvegetierte (wieder eine Parallele zu Gott…).

Doch dann tauchte er plötzlich und mit verstörender Vehemenz wieder auf – in Form zweier Szenen in unterschiedlichen Romanen, die ich in letzter Zeit gelesen habe. Zeitgenössische Romane, muss ich vielleicht dazu sagen. Aus dem deutschsprachigen Raum. Das irritierte mich gehörig – was nicht nur an dem vielen aufgewirbelten Staub und dem entsprechenden Hustenreiz lag, sondern vor allem, weil die Schminktische in den Geschichten irgendwie deplaziert wirkten. Was natürlich an meiner Wahrnehmung liegen kann und von daher irrelevant sein könnte, doch auf mich wirkte es einfach so.

Die Irritiation hielt an – und die Begegnungen mit Schminktischen wurden immer häufiger. Ich traf sie bei Ikea, in anderen Möbelläden, beim Stöbern auf Interior-Design-Websiten (wir renovieren gerade die Wohnung) und auch sonst gefühlt an jeder Ecke und in jedem Winkel.

Will mir der Schminktisch etwas sagen?

Diese Frage stelle ich mir seither ständig. Was hat es zu bedeuten? Will das Schicksal, dass ich mir einen Schminktisch besorge? Soll ich vielleicht selbst eine Schminktischszene in einen meiner zukünftigen Romane packen? Kann man vielleicht nur mit einem Schminktisch die große, absolute Glückseligkeit erfahren? Die Irritation wuchs – und das (ungesunde) Nachdenken begann. Läuft in meinem Leben womöglich etwas grundlegend falsch, weil ich nicht den geringsten Impuls verspüre, einen Schminktisch zu besitzen und ihn sogar zu nutzen? Im Gegenteil: Ich finde die Idee, mich an einem Schminktisch zu schminken eher mühsam und kontraproduktiv. Ich erledige das Thema Make-up (wenn überhaupt, ich bin da lange nicht mehr so varietémäßig-versiert wie zu meinen Teenager-Zeiten …) in zeitlicher und örtlicher Nähe zu Duschen, Zähneputzen, Haareföhnen und solchen Dingen, die man für gewöhnlich im Badezimmer erledigt.

Mache ich am Ende etwas falsch beim Schminken? Ich stelle mir folgenden Ablauf sehr mühsam vor: Das Gesicht waschen (vielleicht auch den Rest des Körpers, ich will da nicht kleinlich sein), mit Tagescreme bearbeiten, Zähneputzen – findet alles im Bad statt. Dann gehe ich zu  meinem Schminktisch und trage dort die Foundation auf. Ich mach das mit den Fingern und will die dann gleich wieder waschen, sonst saue ich mir die Klamotten ein. Also stehe ich auf, gehe zurück ins Bad, wasche mir die Hände und wandere dann wieder zum Schminktisch, um Lidschatten und Wimperntusche zu applizieren. Weil ich ungeschickt bin, schaffe ich es regelmäßig, mir Wimperntusche an die Hände zu schmieren … etc. Warum sollte ich also einen Prozess, der bei mir im Schnitt fünf Minuten dauert (zehn bis fünfzehn, wenn ich mir so richtig viel Mühe gebe) künstlich aufblähen? Um Kilometer zu machen? Ich verstehe es nicht.

Der Schminktisch und die (anderen) Menschen

Ich habe inzwischen (schmerzlich) akzeptiert, dass ich viele Dinge einfach nicht verstehe. Wahrscheinlich fehlt es mir an allen Ecken und Enden an Intelligenz oder gesundem Menschenverstand oder beidem. Immerhin nehme ich meine beschränkte Rezeptionsfähigkeit nicht (mehr) als Maß aller Dinge, sondern befrage die Menschen in meiner Umgebung dazu. Das hat gestern auf Facebook für einige Erheiterung gesorgt – bei meinen Freunden (wegen der bescheuerten Frage) und bei mir (wegen der teils großartigen Antworten).

Folgendes kann ich nun also konstatieren: Der Schminktisch ist ein echtes Thema, das viele Menschen beschäftigt (auch wenn sie es bis gestern gar nicht wussten). Der Schminktisch ist in seiner physischen Form nicht sehr weit verbreitet, hat aber durchaus ein nicht zu unterschätzendes Sehnsuchtspotenzial. Der Schminktisch scheint tendenziell auf jüngere Menschen etwas anziehender zu wirken als auf die älteren (wobei da das letzte Wort noch nicht gesprochen ist). Leserin Melanie R. meinte, das läge daran, dass „in jeder von uns eine kleine Einhornprinzessin steckt“. Was ich für mich DEFINITIV ausschließen möchte. Aber ich bin ja, nach Lage der Dinge, auch die einzige Frau, die zum Schminken fließend Wasser benötigt … Selbst Männer haben nach Beobachtungen von Heidi B. eine Affinität zum Schminktisch – vor allem wenn sie aus dem arabischen Kulturkreis stammen.

Sind Schminktische die neuen Vampir-Millionäre?

„Kann ein Schminktisch auch sexy sein?“ – wollte ich von meinen Facebook-Freunden ebenfalls wissen. In der von mir oben beschriebenen doppelten literarischen Schminktisch-Initialzündung, waren die Schminktische nämlich jeweils Teil des Verführungsaktes. Das erschien mir, ehrlich gesagt, noch abstruser als die Nutzung eines Schminktisches an sich, doch sofort regte sich in mir die Autorenpanik! Was, wenn der Schminktisch ein neues Trendmotiv im modernen Liebesroman ist? Sozusagen der nächste Vampir-Millionär? Themen, die ich bislang auch immer entweder gar nicht oder viel zu spät für mich entdeckt habe. Soll ich womöglich eine große Schminktisch-Komödie schreiben? Oder meine innere Charlotte dazu nötigen, ihre Protagonisten auf, unter oder wenigstens im Dunstkreis eines Schminktisches kopulieren zu lassen?

Doch leider blieb mir die Schwarmintelligenz in diesem Punkt eine einleuchtende Antwort schuldig. Nur Kollegin Regina M. schrieb: „In einem Schleiflack-Schlafzimmer fände ich sowas recht hübsch. Aber ist das sexy? Oder eher altbacken? Ich kann mir einen Schminktisch mit Sexappeal nur in einem etwas plüschig, pudrigem Ambiente à la Moulin Rouge vorstellen. Sonst hat das eher was altmodisch, niedliches und selbst wenn sich Frau auf dem Stühlchen davor räkelt, wirkt das irgendwie schwer nach Hausfrauen-Blümchensex-Einladung.“

Tja, was lernen wir daraus? Zumindest, dass die Schminktisch-Frage hochbrisant und nicht in einem einzigen Blogpost abzuhandeln ist. Für den nächsten nehme ich mir wohl wieder ein simpleres Thema wie Liebe, Gott oder den Weltfrieden vor.

Karma, Gott und kleine Sünden

mieses KarmaKennt außer mir noch jemand den Spruch „Kleine Sünden bestraft der liebe Gott sofort“? Er ist ein wenig aus der Mode gekommen und wurde schon vor einiger Zeit durch die Warnung „Ganz schlecht fürs Karma!“ ersetzt. Grundsätzlich ist damit aber dasselbe gemeint: Der mehr oder weniger freundliche Hinweis, dass fragwürdiges Handeln mit unangenehmen Konsequenzen belegt wird, die entweder zeitnah (durch Gott) oder im nächsten Leben (durchs Karma) zum Tragen kommen.

Meine Mutter – einen schönen Muttertag übrigens, Mami! – hat mir die Sache mit den kleinen Sünden gerne unter die Nase gerieben, wenn ich mit adoleszenter Überheblichkeit zu lässig, zu aufsässig oder sonst wie zu unerträglich war und mich kurz darauf ein, in ihren Augen angemessener, Dämpfer niedergemäht hat. Geändert hat das an meinem Verhalten wenig. Zumal ich ja meist der Überzeugung war (und bin?), trotz allem Recht zu haben. Und der liebe Gott? Mit dem reinen Glauben hatte ich schon damals so meine Probleme und der wahre Gottesbeweis steht ja immer noch aus.

Bedarfs-Katholiken und Sympathie-Buddhisten

An dieser Einstellung hat sich bis heute nichts geändert. Wenn man von der Tatsache absieht, dass ich den Karma-Sprüchen gerne mit einem lockeren „Also mit Karma habe ich nichts am Hut, ich bin katholisch!“ begegne.  So taumle ich also als Kirchensteuer zahlende Bedarfs-Katholikin und Sympathie-Buddhistin durchs Leben und versuche einfach, ein halbwegs angenehmer Zeitgenosse zu sein. An manchen Tagen glaube ich sogar, dass ich ein guter Mensch bin (oder zumindest sein könnte.).

Diese Tage werden jedoch zunehmend rarer. Vor zwei Wochen etwa. Ich stand an einem Marktstand, um mir ein Mittagssandwich zu kaufen, als mich ein Obdachloser um einen Euro bat. Wirklich höflich bat. Ich hatte aber keinen Euro in meinem Geldbeutel, überhaupt kein Kleingeld um genau zu sein, sondern nur noch Scheine. Ich war überrumpelt und leicht genervt – auch weil im gleichen Moment eine asiatische Touristin begeistert Fotos von meinem Hund machte, der neben mir tänzelte. Jedenfalls habe ich den Mann weggeschickt. Und seitdem schäme ich mich. Denn ganz ehrlich, auch wenn ich ihm einen 10 Euro-Schein gegeben hätte, hätte es mich nicht umgebracht. Ich hätte mich aber vielleicht besser gefühlt, womöglich sogar wie ein guter Mensch.

Das Schamgefühl lässt sich auch durch nichts lindern. Ich hab’s mit Verdrängung und sogar mit „Freikaufen“ versucht – durch eine Gabe für einen anderen Obdachlosen und eine Spende für die Erdbebenopfer in Nepal. Es hilft nichts. Ich werde wohl damit leben und mit einem Schicksal als Kakerlake in der nächsten Runde rechnen müssen. Oder ich gehe sicherheitshalber mal zur Beichte …

Banal, aber fatal

Der Grund für diese verbalen Ausschweifungen ist übrigens ein fürchterlich banaler – und fällt eindeutig in die Kategorie „kleine Sünden, prompte Bestrafung“: Heute morgen telefonierte ich mit einer lieben Freundin, die mir von ihrem jünsten Städtetrip und ihren nächsten Plänen erzählen wollte. Während beides eigentlich total positiv war, legte sie mir zunächst sehr wortreich und in meinen Ohren leicht motzig einige verknüpfte Problemfelder dar. Was ich schade und irgendwie unangemessen fand – was ich exakt so zum Ausdruck gebracht habe und was wiederum ihre Gefühle verletzt hat.

Die Strafe für meine gereizte Intoleranz ließ dann nicht lange auf sich warten: Heute Nachmittag wollte ich für meine schmarotzende Mitautorin (die Andere!) dringend rund 2500 Wörter (zum Vergleich – dieser Text hat bis hier 510 Wörter!) für ein Romanprojekt zu Papier bringen. Zu diesem Zweck bin ich ins Büro gefahren,  wo ich mich entspannter wähnte, als Zuhause (wo die Konfirmationsfeier des Nachbarssohns lief). Ein Irrtum: Bereits im Hof traf ich Kollege M., auf dem Facebook-Account der Anderen war die Hölle los und erforderte ausgehnten Aktionismus, dann kam der Putzmann und kurz darauf Kollegin I., die meine inzwischen total miese Laune mehr oder weniger direkt abbekommen haben. Tut mich echt leid! Jedenfalls steht mein Story-Output immer noch bei 0 und ja Mami, du hattest Recht: ich hab’s wohl nicht besser verdient!

PS: Jetzt hat im Nebenbüro die Band mit Proben begonnen …