Von Wegen und Zielen

Der Weg ist das Ziel?

Vermutlich ist diese Philosophie grundsätzlich die beste und gesündeste Herangehensweise für fast alle Lebensbereiche. Blöderweise komm ich damit nicht klar. Ohne ein Ziel zu haben, mache ich mich in der Regel nicht mal auf den Weg. Warum auch? Könnte ja die falsche Richtung sein.

Der Weg ist der Weg und das Ziel ist das Ziel.

So funktioniere ich. Und zwar immer. Ich setze mir ein Ziel (oder bekomme es vorgesetzt) – einen Abgabetermin, eine Prüfung, eine sportliche Herausforderung – und mache mich dann auf den Weg. Sprich ich schreibe, lerne oder trainiere. Schlaue Menschen können all dies aus einer grundsätzlichen höheren Einsicht tun: Trainieren, weil es eben gut für den Körper und die Gesundheit ist – auch ohne sich zwangsläufig mit anderen in dieser Aktivität messen zu wollen. Lernen, weil man ohnehin gar nicht genug wissen kann. Schreiben, weil sie eine Geschichte erzählen wollen – egal, ob eine Veröffentlichung ansteht oder nicht.

Ich kann das nicht. Die höhere Einsicht habe ich in der Theorie zwar schon, aber praktisch motiviert sie mich nur in den seltendsten Fällen zu tatsächlicher Aktion. Was außerordentlich schade ist, denn …

Ohne Ziel ist der Weg plötzlich sinnlos.

Es kann schließlich jederzeit sein, dass das Ziel nicht erreichbar ist. Das kann an höherer Gewalt liegen oder daran, dass es ohnehin unrealistisch gesetzt war. Beides kommt oft vor. In meinem Fall viel häufiger, als ein geschmeidiges Erreichen des gesetzten Ziels. Denn meist nehme ich mir eben als Ziel nicht „nur“ den Abgabetermin vor. Nein, mein nächster Roman sollte es bitteschön auf die Beststellerliste schaffen. Idealerweise die vom Spiegel. Klar, think big und so. Hat nur den klitzekleinen Haken, dass ich – obwohl der rationale Teil von mir sehr genau weiß, wie unrealistisch dieses Vorhaben ist – frustriert bin, wenn ich es nicht schaffe.

Heute wollte ich eigentlich den Frankfurter Halbmarathon laufen und habe mich seit Monaten intensiv, mit hohem Aufwand und ohne Rücksicht auf Kollateralschäden (mein Schienbein tut immer noch weh …) darauf vorbereitet. Und was hat es gebracht? Nichts! Ich habe den Tag mit einer ruhigen Gassi-Runde, einem ausgedehnten Frühstück  und ansonsten auf dem Sofa verbracht. Warum? Weil ich noch immer mit den Resten einer hartnäckigen Erkältung kämpfe und ich zwar stur, aber nicht komplett bescheuert bin. Ein Atemwegsinfekt verträgt sich nunmal nicht besonders gut mit Ausdauersport.

Dann ist der Weg halt länger.

Trotzdem ist der Frust groß, riesig sogar – vergleichbar mit der letzten verpassten Bestseller-Platzierung. Doch langsam, ganz langsam sickert auch in meinen ignoranten Dickschädel die Erkenntnis, dass es womöglich kein Totalversagen ist, sondern schlicht der Weg ein bisschen länger ist. Will heißen, die vielen hundert gelaufenen Kilometer sind ja trotzdem gut – schließlich bin ich schneller und fitter als in den letzten Jahren. Und der nächste Halbmarathon wartet schon. Vielleicht schaffe ich dabei sogar eine bessere Zeit, als ich es heute fertig gebracht hätte.

Was die Bücher betrifft: Jede geschriebene Szene, jeder veröffentlichte Roman wird womöglich in der Rückschau einfach nur ein langes Training für den ganz großen Wurf sein. Wer kann das schon mit Sicherheit sagen?

Und nach dem Ziel? Der nächste Weg!

Im Hamsterrad meiner eigenen verqueren Logik motiviere ich mich also schon jetzt für die nächsten Ziele – die ich vielleicht erreichen werde, vielleicht auch nicht. Egal, ich bin dann mal unterwegs! Wenn auch heute noch ohne Joggingschuhe … Gilt das als höhere Einsicht?