Tire Iron: Gut ist, wenn es wehtut

Nein, dies wird keine Brandrede für die durchaus fragwürdigen Wonnen von BDSM, sondern die Besprechung eines kulturellen Höhepunkts. Dieser fand am letzten Samstag in München statt und war sehr … nun ja … eindringlich!

Tire Iron – Rock on!

Global gesehen war der Samstag ein ganz schwarzer Tag für die Rockmusik. Malcolm Young, genialer Rhytmusgitarrist, Gründer und Sounddesigner von AC/DC, war seinem Demenzleiden in Australien erlegen. Doch die Show musste natürlich weitergehen. Nicht nur für seine verwaisten Kollegen, die ohnehin schon seit mehreren Jahren ohne ihn auskommen müssen, sondern auch für die ambitionierte Nachwuchs-Combo Tire Iron aus dem Münchener Umland. Ihr einziger Gig auf der mehrfach ausverkauften Welttournee 2017 würde nicht ausfallen, nur weil die Saiten Trauer tragen. Wobei es eine knappe Entscheidung war – was ehrlicherweise nicht so sehr am verschiedenen Malcolm lag, sondern an der strapazierten Kehle von Sänger Lars, doch dazu später mehr.

Habe ich eben “Nachwuchs-Combo” geschrieben? Das muss ich kurz relativieren. Ich meine damit weniger das Alter der Bandmitglieder, sondern eher  die Aktivitätsdauer … wobei … ein Blick auf die Website verrät, dass die Herren nun auch schon seit März 2012 miteinander musizieren.  Hm, dann also einfach: Band! Sorry, Männer!

Déja-vu – oder Wiedersehen macht Freude

Als Fangirl der ersten Stunde wäre ich natürlich untröstlich gewesen, wäre der Auftritt abgesagt worden, war ich doch extra durch die halbe Republik geeilt, nur um Tire Iron zu erleben. Und so war ich unfassbar gespannt, was nach der Vorband mit dem klangvollen Namen Tested on Animals kommen würde. Mein erstes Mal mit den Jungs war nämlich ein wenig ambivalent gewesen – siehe auch diesen Beitrag.

Was sofort auffällt: Bassmann und Gitarrist haben jeweils eine Armada an Instrumenten neben sich stehen, die höchst nuancenreiche Klangwelten versprechen. Der Drummer hat dafür die meisten und längsten Haare und entlockt seiner Batterie durchaus auch differenzierten Sound. Zumindest war dies der erste Eindruck, ehe die Ohrstöpsel zum Einsatz kamen. Denn vor allem sind sie laut. Laut im Sinne von richtig laut. Schmerzhaft laut.

Einen Sänger hatten sie damals nicht, was ich mit Bedauern und Ohrenklingeln zur Kenntnis und zu Papier gebracht habe: “Was außerordentlich schade ist, denn die ein oder andere Melodielinie hätte durchaus das Zeug zum Ohrwurm. Gesangsstunden oder noch besser: ein richtiger Sänger wären wohl der logische nächste Schritt.”

Immer schön, wenn Kritik auf fruchtbaren Boden fällt, denn seit kurz nach der Veröffentlichung meines damaligen Artikels, haben sich Tire Iron Verstärkung geholt in Form von “Töny Moneau” – wie der Wrestler-Name von Lars lautet. Übrigens weder verwandt noch verschwägert mit Airedale Toni. Soweit ich weiß jedenfalls … Lars-Töny ist jedenfalls eine Granate am Mikro und eine lupenreine Rampensau, kurz eine fantastische Bereicherung! Wenn auch mit einer besorgniserregenden Schwäche für das Kurschatten-Mineralwasser “Staatlich Fachingen”. Als er begann, an der markanten grünen Flasche zu zuzeln, war ich schwer beeindruckt: Ein Rocker mit Stil! Trinkt kein Bier, sondern Weißwein! Dachte ich. Bis ich näher herantrat und das markante Behältnis erkannte. Auweia. Angeblich war dieses seltsame Verhalten seiner kaum genesenen Halsentzündung zu verdanken. Kleiner Tipp: Wenn schon Wasser, dann aus einer standesgemäßen Flasche. Imagepflege ist auch wichtig! Das gilt übrigens auch für die Leichtbier- und Spezitrinker … *justsaying*

Doch nun zur Show

Sonst gibt’s wenig zu mäkeln, denn auch musikalisch haben sich die Herren weiterentwickelt. Silberlöwe Stefan aka “Sinnister” an den Drums sorgte für rasante Beats, “The Other One” Claus am Bass (noch ein “Anderer” – muss ein Familiengendefekt sein …) hielt den Laden zusammen und “Löuder” alias Jens blieb seinen Motto treu: mehr ist mehr! Er brauchte fünf Gitarren für die ungefähr zwanzig Nummern umfassende Setlist und wurde dabei auch immer lauter.

Inzwischen spielen Tire Iron fast nur noch eigene Songs, die man stilistisch wohl als “Metal-Punk mit Bluesrock-Elementen” bezeichnen könnte.  Mein persönlicher Favorit war eindeutig “Poltergeist”, wobei auch Löuders Hommage an seinen Pudel “My White Dog” irgendwie zauberhaft-schräg ist.  Die wenigen Cover stammen von Motörhead und es wird deutlich, dass hier lieber Lemmy gechannelt wird als Malcolm, und vielleicht ist das auch besser so …

Habe ich erwähnt, dass Tire Iron laut sind? Nein? Okay: sie sind laut. LAUT!! VERDAMMT SCHEISSLAUT!!! Und ohne Ohrstöpsel, die fürsorglich und kostenlos an der Kasse ausliegen, nicht ohne bleibende Pfeifgeräusche zu ertragen. Für die Ursache dieser Dezibel-Aufrüstung gibt es mehrere Theorien – vom reinen fröhlichen Spieltrieb bis zur altersbedingten Schwerhörigkeit eines Instrumentalisten -, die alle irgendwie logisch klingen, aber keine Entschuldigung sein dürfen. Nein, Schmerz ist kein Qualitätsmerkmal! Es ist besser, wenn es nicht wehtut!

Und beim nächsten Mal

Da es schon einmal so fein geklappt hat mit meinen Anregungen, gibt’s auch diesmal wieder eine Wunschliste:

  1. Ich steh nicht so auf Schmerzen – auch nicht in den Ohren, also bitte ein bisschen viel leiser!
  2. Weniger ist mehr – vielleicht nur 90 Minuten und dann noch ein paar Zugaben?
  3. Eine AC/DC-Nummer – nur für mich! Oder notfalls was Lustiges von KISS. Danke.

Ansonsten: Weitermachen! Es macht riesigen Spaß und bei der nächsten ausverkauften Welttournee bin ich wieder dabei – mit Staatlich Fachingen im Flachmann und meinen Ohrstöpseln.

 

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