Leidenschaft oder Irrsinn

Gerade bin ich überglücklich, als eine von nur 20 Nominierten auf der Longlist zum Deutschen Selfpublishing Preis zu stehen! Doch es gibt Momente, da frage ich mich, ob es nicht vielleicht doch reiner Irrsinn ist, der mich antreibt …

Warum tu ich mir das eigentlich an?

Schreibe ich aus Leidenschaft oder ist es nackter Irrsinn, der mich immer wieder an den Schreibtisch treibt? Mich dazu drängt, ein Manuskript zu beginnen, zu bearbeiten, zu beenden und schließlich zu veröffentlichen? Die offizielle Antwort auf die beliebte Interviewfrage “Warum schreibst du?”  lautet natürlich Leidenschaft! Klare Sache, denn alle anderen Aussagen kämen irgendwie schräg rüber, oder?

Es ist ja auch die Wahrheit – irgendwie jedenfalls. Ich schreibe, weil sich ständig neue Ideen in meinem Kopf einnisten, die zu Geschichten werden, die erzählt werden wollen. Ich schreibe auch, weil ich nichts anderes kann. Diesen markigen Spruch platziere ich ebenfalls gerne in Interviews und auch darin liegt viel Wahres. Seit fast 20 Jahren schlage ich  mich als Freiberuflerin durchs Leben – vorwiegend schreibend. Nicht nur Romane (leider), sondern auch journalistische Artikel, PR-Texte, Social Media Content und der ein oder andere Ghostwriting-Job ist auch dabei. Schreiben ist also schlicht mein Beruf – und vielleicht auch meine Berufung.

Unter uns, es gibt Tage, an denen ich mich frage, warum ich nicht doch Floristin, Ärztin oder Steuerberaterin geworden bin. Vielleicht auch Sekretärin, Bankangestellte oder Flugbegeleiterin. Womöglich wäre auch Schornsteinfegerin eine gute Wahl gewesen …

Zweifel gehören dazu

Das passiert meistens an jenen Tagen, an denen ich meine Verkaufsstatistiken checke, sich “Leser” darüber beklagen, dass 2,99€ für ein 400-seitiges eBook deutlich zu viel sind oder an denen die Diskussionen über Piratenplattformen und/oder betrügerische “Kollegen” hochkochen. Da stelle ich mir schon mal ganz grundsätzlich die Sinnfrage, ob das wirklich so eine schlaue Karriereentscheidung war. An diesen Tagen nagen dann auch die Zweifel ganz tief im Inneren: Bin ich überhaupt gut genug? Interessieren meine Geschichten die Leute? Habe ich das nötige Rüstzeug an Know-how und Ellbogen, um mich im Haifischbecken Buchmarkt irgendwann durchzusetzen?  Wäre es nicht besser, meine Engerie und Kreativität in einen sicheren Job zu investieren?

Was mir über diese Phasen hinweg hilft, sind vor allem die Gespräche mit meinen Kollegen. Ich hatte das Glück in den letzten Jahren viele wunderbare Menschen kennenzulernen, die von demselben sonderbaren Virus heimgesucht werden. Auf Veranstaltungen, Messen und vor allem durch meine Mitgliedschaften bei der Autorengemeinschaft Das Autorensofa und im Selfpublisher Verband, habe ich schreibende Frauen und Männer getroffen, die nicht nur verständnisvolle Kollegen sind, sondern zum Teil auch Freunde wurden. Gegenseitiges Trösten und Motivieren hilft so viel mehr, als der liebevollste Zuspruch von Partnern, Familie und Freunden, die einfach nicht wissen können, wie tief der Frust in der sensiblen Autorenseele manchmal sitzt.

Leserfeedback ist das Größte

Besser als mitfühlende Leidensgenossen sind jedoch die Leser! Jedenfalls diejenigen, die sich die Mühe machen, ein Feedback zum gelesenen Roman abzugeben. Sei es als Rezension auf einer der einschlägigen Plattformen, als Empfehlung in den Sozialen Medien oder als persönliche Nachricht. Zu lesen oder zu hören, wie sehr das Buch gefallen hat, wie mit den Protagonisten mitgefiebert und -gelitten wurde, wie sehr diese oder jene Szene berührt hat, ist das ALLERGRÖSSTE überhaupt!

Liebe Leser, ahnt ihr überhaupt, wie viel Macht eure Worte auf uns Autoren haben? Wie eine kurze Rezension uns den Tag versüßen oder die Woche endgültig vermiesen kann? Ehrlich, es ist gleichermaßen beglückend wie erschreckend, aber letztlich schreiben wir ja nicht nur für Ruhm, Ehre und Geld, sondern vor allem für die Anerkennung. Dass also die Leser draußen in der freien Wildbahn bemerken, was wir uns in manchmal verzweifelten Stunden im stillen Kämmerlein ausgedacht haben.

Ich weiß, dass meine Geschichten nicht mainstreamig genug sind, um den Geschmack der ganz breiten Masse zu befriedigen, aber es macht mich überglücklich, wenn sie trotzdem ihr Publikum finden. Auch wenn der Weg dorthin manchmal recht mühsam ist …

Kadernominierung zur Königsklasse

Nun ist etwas passiert, was mich fühlen lässt, wie ein Fußballspieler vor der Kadernominierung zu einem großen Turnier. Auch wenn Vergleiche der Nationalmannschaft aktuell etwas unangebracht scheinen (einfach eine mentale Zeitreise zurück nach 2014 unternehmen, dann geht’s!), so treffend sind sie doch. Gestern wurde die Longlist (=Kader) zum Deutschen Selfpublishing Preis 2018  (=WM) bekannt gegeben. Mein Roman Robin – High in the Sky ist mit dabei. Er wurde zusammen mit 19 weiteren Titeln aus rund 1.100 Einreichungen ausgewählt, in den nächsten vier Wochen vor der Fachjury alles zu geben. Die sieben Jurymitglieder (=Turnier) prüfen nun, welche 10 Romane es auf die Shortlist (=Halbfinale) schaffen, die am 29.9. bekannt gegeben wird. Unter diesen 10 Titeln werden schließlich der Jury-Sieger und der Publikumspreis gekürt, die beide am 10.10. auf der Frankfurter Buchmesse (=Finale) bekannt gegeben werden.

Allein, dass ich beim Turnier dabei sein darf, ist so fantastisch, dass ich auf die Frage vom Anfang – “Warum schreibst du?” – im Augenblick eine ganz klare Antwort habe: Aus Leidenschaft und für meine Leser!

Drückt mir die Daumen und reicht mir während der nächsten Wochen Nervennahrung … DANKE!

Wie beim ersten Mal

Das erste Mal …

… ist meist ein ziemlich aufregender Moment. Egal, um WELCHES erste Mal es sich handelt. Der erste Schultag, der erste Arbeitstag, der erste Kuss, der erste Sex, die erste Präsentation, das erste Haustier, die erste Buchveröffentlichung, was auch immer. Es ist spannend, und nervenaufreibend, manchmal unglaublich beglückend, häufig recht indifferent und ab und an die blanke Katastrophe.

Im Moment bin ich jedenfalls ein nervliches Wrack und während ich diese Worte schreibe, zittern meine Hände vor Aufregung, dass ich Vertipper nicht ausschließen kann.  Doch ihr wollt jetzt endlich wissen, WARUM ich so uncharakteristisch neben der Spur bin, oder?

Der Grund ist meine nächste Buchveröffentlichung! Es ist die 30.! In Worten: die DREISSIGSTE! Man könnte also annehmen, dass ich mich diesbezüglich emotional inzwischen etwas besser im Griff habe, doch diesmal ist alles anders. Tatsache ist, dass mich die Veröffentlichungen 2-29 nicht ansatzweise so  mitgenommen haben, wie die Nummer 30. Warum das so ist, versuche ich nun zu ergründen.

Wie ich fast die Lust am Schreiben verloren habe

Ihr erinnert euch vielleicht noch an meinen letzten Blogpost – auch wenn er fast drei Monate her ist. Dieser Post Wie ich (fast) die Lust am Schreiben verloren habe, hat eine unglaubliche Resonanzwelle erzeugt, die mich erstaunt und fast so glücklich gemacht hat, wie die Umstände, die ich in diesem Beitrag beschrieben habe. Dass ich nämlich einen radikalen Schnitt machen musste, um wieder Freude an meiner Arbeit zu finden. Das Schreiben wieder zu lieben.

Und ja, ich habe meine Blogpause hauptsächlich mit der Arbeit an diesem Manuskript verbracht, habe es radikal verändert und es sich in Ruhe entwickeln lassen. Herausgekommen ist nicht nur mein bislang längster Roman (das Taschenbuch ist üppige 380 Seiten dick), sondern mit Sicherheit auch der emotionalste.

Scheu vor großen Themen?

Schon klar, das sagen die meisten KollegInnen von ihren Büchern und auch  in meinen bisherigen Geschichten kann man die ganze Bandbreite an Gefühlen finden – allerdings immer ein wenig weichgezeichnet und häufig von einer ironisch distanzierten Warte aus betrachtet. Das war mir gar nicht so bewusst und es hat sich in all den Jahren bei den Büchern 1-29 auch nie jemand darüber beklagt – weder Leser noch Lektoren. Vielmehr haben mir die meisten Rezipienten bescheinigt, wie lockerflockigluftigleicht sich meine Romane weglesen lassen.

Dieses Kompliment hat mich jedoch träge und selbstzufrieden gemacht und irgendwann auch immer mehr irritiert. Warum? Weil die Themen, die ich gerade in den letzten Romanen behandelt habe vieles waren, nur nicht leicht. Und da spreche ich jetzt nicht einmal nur von meiner Alzheimer-Geschichte Tage zwischen Ebbe und Flut. Die war bewusst so angelegt, dass dieses schwierige Thema verträglich konsumiert werden konnte. Nein, das gilt vor allem auch für die letzten Charlotte Taylor-Geschichten. Da habe ich mir schon die Frage gestellt, warum es niemand groß erwähnenswert fand, dass es dabei auch um Themen wie Apartheid, Rassenkonflikte, Cyber-Mobbing (Hot Chocolate – Ein Herz für Ryan), Depressionen, Suizid und düstere Familiengeheimnisse (San Francisco Millionaires Club – Derek) geht.

Die einfache Antwort auf diese Frage lautet natürlich: “Weil die Leser doof sind und diese Bücher nur wegen der expliziten Szenen gekauft haben!” Doch das wäre nicht nur anmaßend und unverschämt meinen Lesern gegenüber, sondern schlicht auch falsch!

Die ehrliche Antwort ist weitaus niederschmetternder: Weil ich diese Themen lediglich als weichgezeichnete Kulisse angelegt hatte, die man  wahrnehmen kann, aber nicht muss! Das ist ein Konzept, hinter dem ich im Grunde immer noch stehe, denn nichts finde ich schlimmer, wenn jemand in einem Unterhaltungsroman die Moralkeule schwingt oder belehren will. Aber trotzdem – irgendwas fehlte. Vielleicht nicht den Lesern, aber ganz sicher mir selbst.

Der schmale Grat zwischen Kitsch und echtem Gefühl

Dieses “was fehlt” wurde mir so richtig bewusst, als ich an Robin – High in the Sky geschrieben habe. Es fehlte in meinen früheren Geschichten das echte, das wahre Gefühl!

Nicht falsch verstehen, ich konnte die Leser schon immer zum Lachen und zum Weinen bringen, konnte dafür sorgen, dass sie einen fiesen Antagonisten hassen und atemlos mit dem Protagonisten mitfiebern. Das ist nicht weiter schwer, das ist reines Handwerk. Das ist aber, wenn man es schlecht macht, auch aufgesetzte Effekthascherei und Kitsch!

Ich habe mir dann die Frage gestellt, wie ich auf Romane reagiere. Warum mich manche Geschichten, die als emotionale Achterbahnfahrt angepriesen werden, mich mit einem schalen, fast gelangweilten Gefühl zurücklassen – obwohl sie ein ganzes Arsenal an dramatischen Szenarien bereithalten. Und andere, völlig unaufgeregt erzählte Episoden mich tief berühren.

Bei diesen Gedankenspielen bin ich immer wieder bei den tiefen Emotionen gelandet – und habe festgestellt, dass niemand wirklich gerne dorthin geht, wo es wehtut. Weder Autoren, noch Leser. Es ist eine Sache von und über große Liebe, tiefe Verzweiflung, glühende Leidenschaft, lähmende Angst, Fröhlichkeit, Trauer, Freude, Depression zu schreiben. Eine ganz andere ist es, diese Gefühle beim Schreiben auch wirklich wahrzunehmen und die eigenen Empfindungen auch in den Text hineinfließen zu lassen!

Ein echtes erstes Mal!

So gesehen ist Robin – High in the Sky nicht nur meine 30. Veröffentlichung, sondern tatsächlich ein richtiges Debüt. Der erste Roman, in dem ich die schützende Distanz zur Geschichte, meinen Protagonisten und ja, zu den Gefühlen, aufgegeben habe. Ganz ohne Visier sozusagen.

Ich weiß nicht, ob es mein bester Roman ist, es ist sicher nicht der persönlichste, aber zweifellos mein ehrlichster bislang! Und genau das ist es, was mich jetzt am Tag vor der Veröffentlichung so unfassbar nervös macht.

Werden die Leser die Geschichte mögen? Werden sie das Buch kaufen, obwohl ich auch diesmal nicht am marktüblichen Preiskampf beteilige? Werden sie es auch in ausreichender Menge kaufen, damit sich meine Ausgaben auch rechnen? Werden sie bereit sein, sich berühren zu lassen? Werden meine Marketing-Maßnahmen ausreichend sein? Wird man mich mit anderen Augen wahrnehmen? Und falls ja, ist das besser oder schlechter?

Von all den anderen Zweifeln, die mein fantasiebegabtes Autorenhirn gerade martern, mag ich hier sicherheitshalber nichts schreiben, doch es bleibt bei der Grundaussage: Frau Müller hat Angst vorm ersten Mal! Frau Taylor übrigens auch – und es ist ihr Name, der auf dem Cover steht.

Anhang

Da ich nach dem üppigen Text niemanden mehr mit einer Buchbeschreibung langweilen möchte, zeige ich hier einfach nur den Buchtrailer. Viel Spaß und danke für die Aufmerksamkeit! Mehr Infos gibt’s auch auf meiner Charlotte-Seite.