Buchtipp: Farbenblind von Trevor Noah

Mein Lese-Highlight in 2018 ist kein Roman, sondern Born a Crime bzw.  Farbenblind von Trevor Noah. Autobiografische Geschichten aus seiner Kindheit und Jugend in Südafrika.

Amüsant-berührende Geschichtsstunde

Ich kannte Trevor Noah als charmanten und unglaublich witzigen Moderator von The Daily Show und wusste, dass er aus Südafrika stammt. Apartheid war mir natürlich ein Begriff und ich meinte, ungefähr erklären zu können, wie das Konzept der Rassentrennung in Südafrika funktioniert hat. Nach der Lektüre von Farbenblind weiß ich jedoch nun, dass ich KEINE Ahnung hatte!

Keine Ahnung davon, wie es sich angefühlt haben musste, als wandelndes Verbrechen in einem grausamen Regime aufzuwachsen. Der englische Original-Titel “Born a Crime”, also “als Verbrechen geboren”, sagt im Grunde schon alles: Während der Apartheid waren gemischtrassige Beziehungen gesetzlich verboten und der Sohn einer Schwarzen und eines weißen Schweizers ein offensichtliches Symbol des Widerstandes. Nie wirklich irgendwo dazuzugehören, permanent misstrauisch beäugt zu werden, ständig Armut und Gewalt ausgesetzt zu sein – was ist das für ein Start ins Leben?

Trevor Noah hat seine Kindheit und Jugend gleichermaßen schonungslos und witzig beschrieben. Wir erfahren, warum ihn seine Mutter einst bei voller Fahrt aus einem Minibus geworfen hat, wie er sich mit seinem gewalttätigen Stiefvater arrangieren musste, wie er mit Hitler  (ernsthaft!) tanzte und welche Schwierigkeiten er bei den ersten amourösen Anbahnungen hatte. An vielen Stellen musste ich laut auflachen, an anderen hatte ich einen dicken Kloß im Hals. Aber während der gesamten Lektüre habe ich mich – wie leider so oft – gefragt, warum Menschen zu derart abscheulichen Grausamkeiten fähig sind.

Wundersame Erkenntnis

Ein Blick in die Geschichtsbücher oder auch nur die aktuelle Tageszeitung hinterlässt immer einen schalen Geschmack und bietet wenig Raum für Optimismus. Menschen sind die brutalsten, gierigsten und bösartigsten Kreaturen auf diesem Planeten. Nicht alle natürlich, vermutlich nur ein kleiner Teil, aber wenn diese wenigen zu mächtig werden, sind sie zu allergrößtem Unheil in der Lage. Auch weil ihnen die schweigende Masse lemmingsgleich folgt.

Umso schöner und positiver war dann die Erkenntnis, dass es Ausnahmen gibt. Dass es möglich ist, trotz widrigster Lebensumstände  (Armut, Gewalt, Hass), ein guter Mensch zu werden. So pathetisch das jetzt auch klingen mag, aber eine Karriere als (Klein)Krimineller war für Trevor Noah praktisch vorgezeichnet. Dass es anders kam, lag sicher auch an seiner Mutter Patricia, die für mich die eigentliche Heldin dieser Geschichten ist. Was diese Frau für enormen Mut und Nerven bewiesen hat, ist für mich mehr als bewundernswert. Farbenblind zu sein, kann auch Vorteile bieten …

Ich habe dieses Buch zwischen meinen beiden Südafrika-Reisen gelesen und ich glaube, dass es mein Verständnis für die Besonderheiten dieses wunderschönen Landes und seiner Einwohner noch ein wenig geschärft hat. Und auch wenn kein einziger Wal erwähnt wird, hat es mich in seiner Gesamtheit mehr berührt, als die meisten anderen Bücher, die ich jemals gelesen habe.

Leseempfehlung

Ich empfehle dieses Buch allen, die sich gut amüsieren wollen, sich nebenbei mit fremden Kulturen beschäftigen möchten und keine Scheu davor haben, eigene Vorurteile in Frage zu stellen. Es ist ein Buch, das Mut macht und jeden bestärken kann, unbeirrt seinen Weg zu gehen. Für mich ein absolutes Lese-Muss und das perfekte Weihnachtsgeschenk.

Trevor und Coco

In diesem Video unterhält er sich mit seiner Großmutter Coco über die Apartheid-Zeit. Die 91-jährige lebt immer noch in dem  kleinen Häuschen, in dem auch Trevor seine ersten Jahre verbracht hat. Woher er sein komödiantisches Talent hat, wird dabei auch klar … Viel Spaß!