Die Sentimentalitätsfalle

Weine nicht, ... Keine Sorge, das hier wird kein Exkurs in die Tiefen des deutschen Schlagers, es geht vielmehr um anderes Wasser. Jenes nämlich, das mir aus den Augen tropft, wenn ich mal wieder in die Sentimentalitätsfalle getreten bin.

Gerührt bis auf die Knochen

Ich weiß nicht mehr genau, wann es angefangen hat, dass ich ständig vor Rührung weinen muss. Früher war ich deutlich abgebrühter. Als Kind habe ich bei Winnetous Film-Tod nur betroffen mit den Schultern gezuckt, aber meine Augen blieben trocken, während meine Freundin Tanja praktisch das gesamte elterliche Wohnzimmer geflutet hat. Wenig später bei der Lektüre des Buchs, sah die Sache schon anders aus. Das geschriebene Wort hatte schon immer deutlich mehr Macht über mich und meine Gefühle als bewegte Bilder. Mit einigen Ausnahmen – doch dazu später.

Warum haben ein paar dürre Buchstaben so einen Einfluss auf meinen Gefühlshaushalt? Ich habe keine Ahnung, aber es funktioniert in fast allen Lebenslagen. Sehe ich einen Bettler auf der Straße, nimmt mich das in der Regel mit, hat er oder sie ein Schild dabei mit der Aufschrift “Ich habe Hunger” oder “Ich friere”, bricht mir das Herz. Ganz wenige Wörter reichen, um massives Kopfkino auszulösen – und um meine Spendenbereitschaft deutlich zu erhöhen.

Anderes Beispiel: Ich bin seit Jahren in einer großen internationalen Airedale-Terrier-Gruppe auf Facebook. Darin tummeln sich knapp 13.000 irre Hundebesitzer aus der ganzen Welt, die Wohl und Weh ihrer Vierbeiner teilen. Bei so vielen Mitgliedern kommt es zwangsläufig recht oft vor, dass ein treues Tier aus dem Leben scheidet. Es gibt Tage, die beginne ich nach einem ersten Blick auf Facebook hilflos schluchzend, weil ich mit mir vollkommen fremden Menschen um deren verstorbenen besten Freund weine. Mein Mann findet das einigermaßen befremdlich …

Ähnlich geht es mir übrigens auch beim Schreiben. Wird es besonders romantisch oder traurig, brechen bei mir alle Dämme und sich sitze schniefend vor meinem Computer und lasse zu, dass Tränen in meine Tastatur tropfen. In letzter Zeit tappe ich immer häufiger in die Sentimentlitätsfalle. Und die muss nicht einmal mehr was mit Buchstaben zu tun haben. Kopfkino reicht völlig.

Here we go again

Oder auch nur Kino. Kam es früher so gut wie nie vor, dass ich mich im abgedunkelten Kinosaal oder vor der Mattscheibe zu größeren Emotionen habe hinreißen lassen, gehört das Päckchen Taschentücher inzwischen zu meiner Grundausstattung bei jedem Film-Event. Zur größten Belustigung von Nichte und Neffe, bin ich im Sommer 2017 sogar bei der wirklich haarsträubend-trashigen Pferde-Schmonzette Ostwind 3 – Aufbruch nach Ora am Ende in Tränen ausgebrochen. Die beiden lachen sich heute noch darüber schlapp …

Den größten Heul-Erfolg feierte in letzter Zeit aber eindeutig Mamma Mia – Here We Go Again! Seit ich denken und bewusst Musik wahrnehmen kann, bin ich Abba-Fan (also SEHR lange), daher war dieser Film ein Muss. Die teils harsche Kritik (ja, der Auftritt von Cher ist etwas … nun ja … eigenwillig …) konnte mich nicht abhalten, ich freute mich schlicht auf einen mitreißenden Musikfilm. Womit ich nicht gerechnet habe, war der Dammbruch, den ich erlebt habe. Es ging mit ein paar Tränen der Rührung los, als die ersten Takte erklangen und endete mit einer Flutwelle, die den Mann an meiner Seite nachhaltig verstört hat. Schuld hatten einige Trigger-Momente, die ich ohne zu spoilern nicht beschreiben kann – und Kirsten H. hat mich ausdrücklich darum gebeten, NICHTS zu verraten.

Zwei Wochen später habe ich mir den Film ein weiteres Mal angesehen. Diesmal mit einer Freundin, die beim ersten Durchgang ebenfalls ganze Passagen nur verschwommen wahrgenommen hatte. Wir waren also vorgewarnt und innerlich gestählt, doch … *schluchz* Auf dem Heimflug von Südafrika vor drei Wochen, dann der dritte Versuch: Mamma Mia im Double Feature. Teil eins habe ich mit einem seligen Lächeln auf den Lippen und einem warmen Gefühl im Herzen angesehen. Teil zwei ließ sich auch gut (und trocken!) an, doch im letzten Viertel, ging’s wieder los – just in dem Moment, als die Crew am Ende des Nachtflugs wieder für Beleuchtung in der Kabine gesorgt hatte …

Katharsis oder Katarrh?

Vermutlich könnte man es wunderbar psychologisch beleuchten, warum mich simple Worte und schlichte Filme (ganz zu schweigen von der Hochzeit von Harry und Meghan …) derart berühren können. Womöglich ist es eine Art Seelenreinigung (Katharsis), auch wenn ich mich danach häufig fühle, als hätte ich einen massiven Schnupfen (Katarrh) und entsprechend an Atemnot als Spätfolge meiner Sentimentalität leide.

Tatsächlich glaube ich, dass es eine Art Schutzreaktion ist. Die Realität (Terror, Kriege, Populisten, Klimawandel, Diesel-Skandal, FIFA-Korruption …) ist derart bestürzend, dass man ich eigentlich den ganzen Tag über heulen könnte. Doch weil das schwerlich möglich ist – zumindest, wenn man einigermaßen funktionstüchtig bleiben will/muss/soll -, sucht sich der zartbesaitete Teil in mir einen anderen Weg zur Psychohygiene. Vielleicht weine ich also gar nicht ursächlich um tote Hunde (und Indianer), sondern weil ich eigentlich an der Welt (ver)zweifle.

PS: Dies ist übrigens Beitrag 2 von 10 meiner persönlichen Dezember-Challenge. Inspiriert hat mich – unter anderem – Kirsten Höhn, weil sie in einem Kommentar Abba ins Spiel gebracht hat. Vielen Dank dafür!