Scottys Lebensphilosophie

15.9.2025
Achtsamkeit, Airedale Scotty, Airedale Terrier, Hundetherapeut, Lebenshilfe, philosophisch, Prioritäten setzen, was ist wichtig
Während ich mir täglich den Kopf darüber zerbreche, ob ich die richtige Work-Life-Balance lebe (eher nein), die perfekte Produktivitätsroutine gefunden habe (öhm ...) oder endlich mal wieder Sport machen sollte (definitiv!), lebt da jemand unter meinem Dach, der all diese Probleme bereits gelöst hat. Scotty, mein knapp vierjähriger Airedale Terrier, ist ein wandelndes Selbsthilfe-Buch: Ohne die nervigen Motivationssprüche, mit deutlich mehr Charme – und signifikant mehr Biss. Buchstäblich.
Nach Jahren intensiver Beobachtung seines Tagesablaufs bin ich zu dem Schluss gekommen: Dieser Hund weiß verdammt gut, was im Leben wirklich zählt. Höchste Zeit also, seine Lebensphilosophie genauer unter die Lupe zu nehmen. Vielleicht können wir Zweibeiner ja etwas davon lernen.
Lektion 1: Lebe im Moment (aber plane das Frühstück)
Scotty ist ein Meister der Achtsamkeit. Wenn er einen interessanten Geruch entdeckt, dann schnüffelt er nicht nebenbei, während er über seine To-Do-Liste nachdenkt. Nein, er SCHNÜFFELT. Mit vollem Körpereinsatz, als wäre es das Wichtigste auf der Welt. Und für ihn ist es das auch.
Gleichzeitig hat er aber ein untrügliches Gespür dafür, wann im Tagesablauf die Raubtierfütterung stattzufinden hat. Morgens und abends erinnert er mich unzweifelhaft daran, dass sich sein Fressi nicht von alleine im Napf materialisiert (auch wenn er das sehr praktisch fände). Er lebt zwar im Moment, vergisst aber nie die wichtigen Termine. Eine Kunst, die ich noch perfektionieren muss – ich schaffe es nämlich weder, ganz im Moment zu sein, noch pünktlich zu frühstücken.
Lektion 2: Prioritäten sind einfach, wenn man ehrlich ist
Scottys Prioritätenliste ist glasklar:
1. Fressen
2. Schlafen
3. Schnüffeln
4. Spielen
5. Herumpöbeln
6. Kuscheln
7. Fressen (ja, zweimal – es ist wichtig!)
Während ich meine Prioritäten je nach Tagesform, Deadline-Stress und gesellschaftlichen Erwartungen ständig umschichte, bleibt Scotty konsequent. Er lässt sich nicht davon abbringen, dass Essen wichtiger ist als saubere Küchenfliesen, oder dass ein Nickerchen einem perfekt durchgewischten Wohnzimmer jederzeit vorzuziehen ist. Außerdem geigt er jedem lautstark die Meinung, der sich regelwidrig (seiner Meinung nach jedenfalls) verhält.
Vielleicht sollte ich mir eine Scheibe davon abschneiden und aufhören, mir von anderen einreden zu lassen, was wichtig ist?
Lektion 3: Grenzen klar kommunizieren (ohne schlechtes Gewissen)
Wenn Scotty keine Lust auf etwas hat, dann kommuniziert er das glasklar. Möchte jemand ihn streicheln, den er nicht kennt? Lautstarke Mordandrohung! Muss er zum Tierarzt? Brüllt er die U-Bahn und das Stadtviertel zusammen! Steht der Friseurbesuch an? Ein Blick, der deutlich sagt: »Geh du ruhig alleine.«
Er hat kein schlechtes Gewissen dabei, seine Grenzen zu ziehen. Er erklärt nicht endlos, warum er gerade nicht kann. Er entschuldigt sich nicht dafür, dass er müde ist. Er sagt einfach nein – und fertig.
Von dieser Klarheit bin ich noch meilenweit entfernt. Während ich mich durch gefühlte hundert Begründungen winde, warum ich heute Abend nicht noch schnell dies oder das erledigen kann, würde Scotty einfach sagen: »Nö. Bin müde.« Ende der Diskussion.
Lektion 4: Freue dich über kleine Dinge (aber richtig!)
Für Scotty ist jeder Spaziergang ein Abenteuer. Jedes Leckerli ein Grund zur Ekstase. Jede Heimkehr – und sei es nur vom kurzen Gang zum Briefkasten – ein willkommener Anlass für einen überschwänglichen Begrüßungstanz.
Während ich oft an meinen kleinen Erfolgen vorbeirenne, weil ich schon wieder mit dem nächsten Projekt beschäftigt bin, zelebriert Scotty jeden noch so winzigen Glücksmoment ausgiebig. Ein gefundener Pizzarest auf dem Gehweg? JACKPOT! Die Nachbarskatze sitzt fauchend im Garten? SENSATION! Ich komme aus dem Keller hoch? BESTE ÜBERRASCHUNG DES TAGES!
Vielleicht sollte ich auch wieder anfangen, meine kleinen Siege zu feiern, anstatt sofort zur nächsten Herausforderung zu hetzen.
Lektion 5: Authentisch sein ist nicht verhandelbar
Scotty verstellt sich nie. Er ist kein anderer Hund, je nachdem, wer zu Besuch kommt. Er biedert sich nicht an, wenn er Leckerlis will. Er ist immer derselbe: manchmal charmant, manchmal stur, manchmal verspielt, manchmal kratzbürstig, in aller Regel verdammt laut – aber immer authentisch.
Während ich mich manchmal dabei ertappe, wie ich je nach Situation ein bisschen anders reagiere (freundlicher am Telefon, diplomatischer in E-Mails, motivierter in Videokonferenzen), ist Scotty einfach er selbst. Was für eine Befreiung das sein muss!
Lektion 6: Schlaf ist kein Luxus, sondern Lebensnotwendigkeit
Scotty schläft locker 14-18 Stunden am Tag. Und er hat kein schlechtes Gewissen dabei. Er denkt nicht: »Ich sollte eigentlich produktiver sein« oder »Die anderen schaffen doch auch mehr mit weniger Schlaf.« Er schläft, wenn er müde ist. Punkt.
Während ich mir permanent einrede, dass ich mit weniger Schlaf mehr schaffen könnte, lebt Scotty vor, dass ausgeruhter einfach besser funktioniert. Nach einem ausgiebigen Mittagsschlaf ist er wieder voller Energie für die wichtigen Dinge des Lebens (siehe Prioritätenliste oben).
Lektion 7: Liebe ohne Bedingungen (aber vergiss die Leckerlis nicht)
Scotty liebt bedingungslos. Egal, ob ich einen guten oder schlechten Tag habe, ob ich gestresst oder entspannt bin, ob ich in Joggingklamotten oder im schicken Kleid (kleiner Witz, das kommt so gut wie nie vor) vor ihm stehe – seine Freude, mich zu sehen, ist immer echt.
Allerdings ist er auch sehr klar in seinen Erwartungen: Liebe ist schön und gut, aber Leckerlis machen sie noch schöner. Er zeigt damit eine wunderbare Balance zwischen selbstloser Zuneigung und gesundem Eigeninteresse.
Was würde Scotty zu meinem Stress sagen?
Wenn ich mal wieder völlig gestresst durch die Wohnung laufe, weil ich zu viele Deadlines habe, zu wenig Zeit und sowieso alles nicht schaffe, schaut Scotty mich an, als würde er sagen: »Hast du heute schon gefressen? Warst du an der frischen Luft? Hast du dich ausgeruht? Nein? Na dann ist ja klar, warum du so durcheinander bist.«
Und vermutlich hat er recht. Die meisten meiner Probleme würden sich in Luft auflösen, wenn ich seine Grundbedürfnisse ernst nehmen würde: regelmäßig essen, ordentliche Bewegung, ausreichend schlafen, zwischendurch gepflegt ausrasten und ab und zu einfach nur da sein.
Der Scotty-Test für wichtige Entscheidungen
Inzwischen habe ich den »Scotty-Test« entwickelt. Bei wichtigen Entscheidungen frage ich mich: »Was würde Scotty dazu sagen?« Meist lautet die Antwort:
- »Macht es dich glücklich? Dann mach es.«
- »Kannst du dabei trotzdem regelmäßig fressen und schlafen? Perfekt.«
- »Würdest du es auch machen, wenn niemand zuschaut? Dann ist es echt.«
- »Bleibt Zeit für die wichtigen Dinge (Kuscheln, Spielen, Nickerchen)? Top!«
Dieser Test hat mir schon so manche überflüssige Verpflichtung erspart und einige spontane Glücksmomente beschert.
Fazit: Einfach mal den Hund fragen
Nach dreizehn Jahren mit Toni und fast vier mit Scotty bin ich überzeugt: Hunde sind die besseren Lebensberater. Sie haben keine versteckten Agendas, keine komplizierten Theorien und definitiv keine überteuerten Selbsthilfe-Bücher geschrieben.
Stattdessen leben sie vor, was wirklich funktioniert: im Moment sein, Prioritäten setzen, Grenzen ziehen, kleine Freuden zelebrieren, authentisch bleiben und ausreichend schlafen.
Vielleicht sollten wir Menschen weniger auf Erfolgs-Gurus hören und mehr auf unsere vierbeinigen Mitbewohner. Die haben nämlich schon längst herausgefunden, was ein gutes Leben ausmacht.
Und falls ihr jetzt denkt: »Das kann doch nicht alles sein!« – dann fragt euch mal ehrlich: Wann wart ihr das letzte Mal so richtig zufrieden wie ein Hund, der gerade sein Lieblingsleckerli bekommen hat?
Genau das dachte ich mir.
Was haben eure Haustiere euch gelehrt? Ich bin gespannt auf eure Geschichten – schreibt mir gerne eine E-Mail an autoren-wg@carinmueller.de oder hinterlasst einen Kommentar auf Social Media!