»Mensch, Junge« – mutig, schmerzhaft, wichtig

16.3.2026
Buchbesprechung, Buchtipp, Helena Baum, Lesehighlight, Lesetipp, Mensch, Junge, Missbrauch, sexuelle Übergriffigkeit, Täterperspektive
Es gibt Bücher, die lese ich mit großem Vergnügen, klappe sie dann zu und habe drei Minuten später praktisch alles vergessen. Und dann gibt es Bücher, die mich nicht mehr loslassen. Die brennen sich ein, weil sie etwas wagen, wovor viele zurückschrecken.
»Mensch, Junge« von Helena Baum gehört für mich ganz klar zur zweiten Kategorie.
Bevor ich einsteige, einmal kurz und fair: Es geht um sexualisierte Übergriffigkeit innerhalb der Familie. Das ist kein Stoff für mal eben zwischendurch. Und trotzdem (oder gerade deshalb) halte ich dieses Buch für ungeheuer wichtig – weil es das Thema nicht als Schockeffekt benutzt, sondern mit einer seltenen Ernsthaftigkeit betrachtet.
Ein hochbrisantes Thema – und dann auch noch aus Täterperspektive
Was mich wirklich umgehauen hat: Helena Baum erzählt diese Geschichte komplett aus der Perspektive des 15-jährigen Simon – also aus der Sicht desjenigen, der Grenzen überschreitet und Schuld auf sich lädt.
Und ich sage es ganz klar: Nichts daran wird »okay«. Es bleibt zutiefst verstörend, dass Simon gegenüber seiner kleinen Schwester Pauline übergriffig wird. Punkt.
Aber – und das ist der schmale Grat, den dieses Buch beeindruckend sicher geht – Helena Baum zeigt, wie so etwas in ein ganzes Familiensystem einschlägt. Wie eine Familie ins Wanken gerät. Wie Rollen kippen. Wie Kinder plötzlich versuchen, Erwachsene zu sein. Wie Scham alles überzieht – und wie schwierig es ist, überhaupt noch Worte zu finden.
Worum es geht (Klappentext)
Wie konnte es passieren, dass sich Simon seiner Schwester Pauline gegenüber sexuell übergriffig verhalten hat?
Eben war doch die Welt noch in Ordnung. Vor ihm lag ein magischer Sommer, seine erste Liebe, die ganze Welt.
Doch dann kippte zu Hause die Stimmung und die älteren Geschwister rückten zusammen, um zu retten, was zu retten war. Simon und Pauline wechselten sich ab, den Platz der Eltern einzunehmen, die Babyzwillinge zu versorgen und sprachen sich gegenseitig Mut zu, dass alles wieder gut wird und die Eltern sich nicht trennen werden.
Doch es dauerte lange, ehe Simon wieder Licht am Ende des Tunnels sah. Zunächst hatte er mit dem Jugendamt zu tun, musste sein Elternhaus verlassen, sich völlig neu orientieren und eine Therapie beginnen.
Eine Therapie zu dem intimsten Thema, was er sich nur vorstellen konnte - seiner Sexualität.
Ein Roman über die Bruchstellen im Leben und das Ringen um Wahrhaftigkeit.
Warum mich »Mensch, Junge« so getroffen hat
Ich habe beim Lesen oft gemerkt, wie mein Inneres gleichzeitig zwei Dinge tut: Abwehr (weil es so schwer auszuhalten ist) – und Zuhören (weil es so ehrlich erzählt ist).
Helena Baum beschönigt nichts. Aber sie schreibt auch nicht von oben herab. Sie belehrt nicht. Sie zeigt. Und das ist ein großer Unterschied.
Ein Satz aus den Zusatzinfos hat sich mir besonders eingeprägt: »Der Boden verschlingt ihn nicht.« Dieses Bild steht für mich sinnbildlich für das ganze Buch: Simon würde am liebsten verschwinden – aber er muss bleiben. Aushalten. Hinsehen. Verantwortung tragen. Und lernen, mit einer Schuld zu leben, die nicht einfach »wegtherapiert« werden kann.
Das Unfassbare: Ich habe mir irgendwann auch für Simon ein gutes Leben gewünscht
Und hier liegt für mich die eigentliche literarische Kraft dieses Romans:
Helena Baum schafft etwas, das kaum möglich scheint.
Simon ist mir irgendwann ans Herz gewachsen.
Nicht, weil seine Tat kleiner würde. Nicht, weil ich »Verständnis« im Sinne einer Entschuldigung hätte. Sondern weil die Autorin den Menschen zeigt, der danach übrig bleibt: voller Scham, voller Selbsthass, voller Angst – und gleichzeitig in einer Situation, in der er trotzdem weiterleben muss.
Dieses Buch macht keinen billigen »Redemption Arc«. Es macht etwas viel Wahrhaftigeres: Es zeigt, dass es Fälle gibt, in denen die Schuld bleibt – und trotzdem die Frage im Raum steht, wie ein Leben danach aussehen kann. Für alle Beteiligten.
Was ich an Helenas Herangehensweise besonders mutig finde
Vielleicht liegt es auch an Helenas beruflichem Hintergrund als Psychotherapeutin (sie schreibt ja offen darüber, wie viel Erfahrung sie mit Jugendlichen und Familiensystemen in Krisen hat): Das Buch wirkt auf mich nicht konstruiert, sondern erlebt. Nicht sensationshungrig, sondern präzise. Und immer wieder spürt man: Hier wird das Thema im Kontext betrachtet – Tat, Mensch, Beziehungen, Dynamiken.
Oder, wie es eine Leserstimme schön sagt: »Ein wichtiges Thema, ohne zu belehren.«
Mein Fazit
»Mensch, Junge« ist eines meiner Lesehighlights 2026.
Nicht, weil es »schön« wäre. Sondern weil es mutig ist. Weil es weh tut – und trotzdem etwas Menschliches bewahrt, ohne irgendetwas zu verharmlosen.
Wenn du dich auf ein intensives, unbequemes Buch einlassen kannst, das lange nachwirkt, dann lies es. Und gib dir danach ein bisschen Zeit.
PS: Podcast-Folge zum Thema »Tabus in Romanen«
Wenn dich das Thema grundsätzlich interessiert: Wir haben Helena letzte Woche im Podcast ausführlich dazu befragt, wie man Tabuthemen in Romanen erzählen kann – ohne zu schockieren, ohne zu verharmlosen, und mit Respekt vor allen Beteiligten.