Carin Müller bloggt ...

Wir Frauen sind schuld

Kontroverse Gedanken zum Weltfrauentag: Frauen stützen das Patriachat

Gestern war Weltfrauentag. Doch mir ist nicht nach Feiern zumute, sondern nach Krawall. Und daher komme ich mit einer unangenehmen These ums Eck, die das Zeug zum Shitstorm hat:

Die Frauen sind schuld.

Nicht im Sinne von »selber schuld, wenn …« (nein, dazu gleich mehr). Sondern im viel unangenehmeren Sinne von: Wir halten das patriachale System am Laufen. Wir schmieren die Zahnräder. Wir kompensieren. Wir organisieren. Wir springen ein. Wir glätten. Wir retten. Und wir geben – oft völlig unbewusst – die Bedienungsanleitung für genau dieses System an die nächste Generation weiter.

Und ja: Besonders häufig passiert das über die Generation unserer Mütter oder Großmütter. Diese 70–90-jährigen Frauen, die in Nachkriegsjahren und Wirtschaftswunder sozialisiert wurden. Die vieles getragen haben, wofür sie nie Applaus bekamen – und die gleichzeitig (oft aus Schutz, oft aus Pragmatismus, oft aus purer Gewohnheit) ein Männerbild konserviert haben, das uns heute noch wie Kaugummi unter dem Schuh klebt.

Die Baustelle meines Lebens (und meiner Mutter)

Kurzer Realitätscheck aus meinem Alltag: Wir haben Ende Januar renovieren lassen. Ich habe organisiert wie eine Ein-Frau-Logistikzentrale: zwei Handwerksbetriebe, Sperrmüll, Möbellieferung, Hundesitter, ständig jemand vor Ort, ständig Entscheidungen, ständig »Können wir mal kurz …?«. Arbeiten? Nur so halb. Nerven? Irgendwann alle.

Mein Mann war währenddessen im Büro. Und dann kam mein beruflicher Termin: eine Konferenz, lange geplant. Freitag bis Sonntag. Mein Mann musste »die Baustelle betreuen«. Also: da sein, eine Deckenlampe entstauben, Steckdosen und Lichtschalter säubern. Und am nächsten Tag das Aufstellen des neuen Sofas begutachten. Mehr war es wirklich nicht – weil ja alles bestens vorbereitet war.

Für ihn war das selbstverständlich. Kein Drama. Kein Heldentum. Einfach: Ich übernehme das jetzt!

Und dann kam das Telefonat mit meiner Mutter.

Vorwürfe. Ernsthafte Vorwürfe. Wie ich ihm das denn zumuten könnte.

Ihre These: »Männer können das einfach nicht so gut!«

Meine Antwort (sinngemäß, mit zusammengebissenen Zähnen): »Weil Frauen wie du sie zu hilflosen Idioten gemacht habt.«

Ich schäume immer noch, wenn ich daran denke. Und ja, das ist hart formuliert. Aber manchmal braucht Wahrheit eben keine Watte.

»Männer können das nicht« ist kein Naturgesetz. Es ist ein Erziehungsprodukt.

Dieser Satz – »Männer können das nicht so gut« – ist mein persönlicher Endgegner. Er klingt nach Biologie, ist aber in Wahrheit ein Mix aus Erwartungen, Schonung, Gewöhnung und einem Schuss Bequemlichkeit.

Denn mal ehrlich: Welche mysteriöse Genmutation sorgt dafür, dass ein Mann ein Meeting moderieren oder sogar einen DAX-Konzern leiten kann, aber beim Spülmaschineausräumen plötzlich auf die motorische Entwicklungsstufe von »Was ist ein Teller?« zurückfällt?

Wenn jemand (= Mann) etwas »nicht kann«, gibt es meistens drei Möglichkeiten:

  1. Er hat es nie gelernt.
  2. Er muss es nie tun.
  3. Es wird ihm (bewusst oder unbewusst) abgenommen – bis er es wirklich nicht mehr kann.

Und hier kommen wir Frauen ins Spiel. Nicht, weil wir böse sind. Sondern weil wir sozialisiert wurden, Verantwortung zu übernehmen – und weil wir oft glauben, es wäre Liebe.

Spoiler: Es ist häufig keine Liebe. Es ist Systempflege.

Care-Arbeit: Die unsichtbare Schicht nach der Schicht

Damit das hier nicht »nur Gefühl« bleibt, einmal kurz Zahlen:

In Deutschland lag der Gender Care Gap 2022 bei 44,3%. Übersetzt: Frauen leisten im Schnitt pro Woche rund 9 Stunden mehr unbezahlte Arbeit als Männer – ungefähr 1 Stunde und 19 Minuten pro Tag extra.

Quelle: Statistisches Bundesamt

Und wer jetzt sagt: »Ja, aber das ist bestimmt bei uns in der Schweiz/Österreich besser …« – nope.

In der Schweiz haben Frauen 2020 im Schnitt 28,7 Stunden pro Woche Haus- und Familienarbeit gemacht, Männer 19,1 Stunden.

Quelle: Bundesamt für Statistik der Schweiz

Die genauen Zahlen sind jedoch gar nicht der Punkt. Der Punkt ist: Es ist strukturell. Und es ist zäh. Und es hat Nebenwirkungen.

Denn diese Extra-Stunden sind nicht nur Putzen und Wäsche. Das ist auch Mental Load: Denken, Planen, Erinnern, Antizipieren. Der unsichtbare Projektmanagement-Job, der im Hintergrund läuft und nie im Arbeitszeugnis auftaucht.

Und jetzt kommt der unangenehme Teil: Wir bringen es unseren Kindern bei.

Ich beobachte, dass selbst in Gen X und bei den Millennials Söhne oft anders behandelt werden als Töchter. Nicht immer. Nicht überall. Aber oft genug, dass es auffällt:

Töchter lernen früh: mitdenken, helfen, sehen, was fehlt.
Söhne lernen früh: »Wenn du nett fragst, macht es jemand.«

Und falls du jetzt innerlich widersprichst: super. Genau diese Reibung ist der Punkt. Das Thema ist so tief normalisiert, dass man es leicht übersieht – bis man irgendwann eine 35-jährige Frau vor sich hat, die Karriere macht und trotzdem gefühlt die komplette Familie »führt«, während ihr erwachsener Mann ernsthaft fragt, wo im Haushalt die Putzmittel wohnen.

Und ja, dazu gehört auch unser eigenes Verhalten als Frauen: Wir kritisieren, wir verbessern, wir übernehmen wieder, weil es »schneller geht« oder »sonst falsch gemacht wird«. Das ist nicht Schuld. Das ist ein Muster. Aber Muster haben Konsequenzen.

Wer Zuständigkeit verhindert, erzieht Unzuständigkeit!

Lohnlücke: Das System belohnt diese Schieflage auch noch

Wenn Care-Arbeit »nur« nervig wäre, könnten wir es als kulturelle Marotte abhaken. Aber es hängt am Geld. Und Geld hängt am Leben.

In Deutschland lag der unbereinigte Gender Pay Gap 2024 bei »nur noch« (ja, das wird ernsthaft gefeiert!) 16%. Bedeutet: Frauen verdienten pro Stunde im Schnitt 16% weniger als Männer.

Quelle: Statistisches Bundesamt

EU-weit lag der Gender Pay Gap 2023 bei 12,0%.

Das sind also keine »Einzelfälle«. Das ist ein glasklares Muster. Und dieses Muster passt verdächtig gut zur unbezahlten Mehrarbeit: Wenn du mehr Care-Arbeit machst, arbeitest du häufiger in Teilzeit, bist weniger flexibel, nimmst eher »familienfreundliche« Jobs – und zack, bist du in einem System, das dich dafür auch noch finanziell abstraft.

Femizid, Gewalt, Realität: Hier endet jede Provokation

Jetzt der wichtigste Satz: Wenn Frauen Gewalt erleben, sind sie nicht schuld. Punkt.

Was wir aber sagen können (und müssen): Das Umfeld, in dem Gewalt gegen Frauen passiert, ist nicht luftleer. Es hat mit Machtbildern zu tun. Mit Rollenbildern. Mit »wer hat zu gehorchen« und »wer darf wütend sein«.

Und die Zahlen sind bitter: In Deutschland wurden 2024 265.942 Menschen Opfer häuslicher Gewalt, die Betroffenen waren zu 70,4% weiblich.

Quelle: Bundeskriminalamt

Das ist der Moment, in dem jede gemütliche Debatte über »Aufgabenteilung« plötzlich sehr real wird. Denn Ungleichheit ist nicht nur unfair. Sie ist gefährlich.

Tradwives: Warum der Rückwärtsgang gerade so verführerisch wirkt

Und dann gibt es noch dieses Phänomen, das mich gleichzeitig irritiert und wütend macht: der Tradwife-Hype. Dieses »Zurück zur Weiblichkeit«-Narrativ, das wie ein Pastellfilter auf Abhängigkeit aussieht.

Ich beruhige mich dabei mit einem Fakt: In Deutschland ist das im echten Leben eher Randerscheinung als Massenbewegung. Das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung kommt zu dem Schluss, dass bei jungen Frauen egalitäre Rollenbilder dominieren – der Tradwife-Trend ist mehr Hype als Realität. Allerdings sind 18,5% der 20-30-jährigen davon überzeugt, dass Tradwife der richtige Lebensstil ist.

Dass das Narrativ überhaupt so gut klickt, sagt trotzdem etwas über unsere Gegenwart. Gleichberechtigung ist Arbeit. Und Arbeit ist anstrengend. Rückzug wirkt dann wie Wellness – bis die Rechnung kommt.

Der radikale Gedanke: Was wäre, wenn Frauen kollektiv aufhören würden?

Manchmal spiele ich ein Gedankenexperiment durch: Was wäre, wenn Frauen wirklich aufhören würden, die Welt »am Laufen zu halten«?

Nicht aus Bosheit. Sondern aus Konsequenz.

Keine stillschweigende Zusatzschicht mehr. Kein »Ich mach’s schnell«. Kein »ist halt einfacher«. Keine Projektleitung fürs Familienleben neben dem Job.

Die Welt würde nicht untergehen – aber sie würde sehr schnell merken, auf wessen Rücken sie seit Jahrzehnten bequem sitzt. Und ja: Es würde erstmal chaotisch. Aber vielleicht ist Chaos genau das, was Veränderung braucht.

Und jetzt bitte konkret: Was wir (als Frauen) wirklich ändern können

Ich glaube nicht an Perfektion. Ich glaube an Reibungspunkte. An kleine, konsequente Entscheidungen, die Muster brechen.

Zuständigkeit statt »Hilfe«. Wer »hilft«, ist nicht verantwortlich. Zuständig ist, wer den Überblick hat, Entscheidungen trifft und am Ende auch dafür geradesteht.

Söhne wie Töchter. Gleiche Erwartungen, gleiche Standards, gleiche Konsequenz. Nicht »der Bub kann das halt nicht«, sondern: »Natürlich kannst du das. Du bist Teil dieses Haushalts.«

Mütter liebevoll kontern. Nicht mit Krieg, aber mit Klarheit: »Danke, Mama – wir machen das anders.« (Und ja, man darf dabei innerlich grollen. Okay, ich grolle meist auch verbal sehr deutlich.)

Standards loslassen. Wenn Gleichberechtigung daran scheitert, dass der Geschirrspüler »falsch« eingeräumt ist, dann ist das kein Gleichberechtigungsproblem. Dann ist es ein Kontrollproblem.

Abhängigkeit nicht romantisieren. Wer »Tradition« spielt, sollte auch den Preis kennen: weniger Einkommen, weniger Sicherheit, weniger Verhandlungsmacht.

Und falls du bis hierhin wütend bist: gut. Wut ist oft ein ziemlich zuverlässiger Kompass!

Denn Weltfrauentag ist nicht (nur) Blumenstrauß und Hashtag. Es ist die Frage: Wo halte ich selbst ein System am Leben, das ich eigentlich nicht mehr will.