Lotte Reiniger – die Frau, die den Trickfilm erfand

17.8.2026
Animationsfilm, Die Abenteuer des Prinzen Achmed, Lotte Reiniger, Scherenschnitt, Schneewittchen, Walt Disney
Willkommen zu einer neuen Rubrik hier im Blog. In »Vergessene Frauen« möchte ich von Zeit zu Zeit an Frauen erinnern, die Großes geleistet haben – und die trotzdem kaum jemand kennt, weil die Geschichte sie überging, kleinredete oder schlicht vergaß. Frauen, deren Namen längst so selbstverständlich fallen sollten wie die ihrer männlichen Kollegen. Den Anfang macht eine, die mir besonders am Herzen liegt.
Fragt man heute, wer den ersten abendfüllenden Animationsfilm geschaffen hat, fällt fast immer derselbe Name: Walt Disney, »Schneewittchen«, 1937. Eine schöne Geschichte. Nur stimmt sie nicht. Denn bereits elf Jahre zuvor hatte eine junge Frau in Berlin einen abendfüllenden Animationsfilm geschaffen – lange bevor Disney Filmgeschichte schrieb – mit einer Schere, schwarzem Papier und einer Geduld, die man sich heute kaum noch vorstellen kann. Sie hieß Lotte Reiniger.
Ein Mädchen mit einer Schere
Charlotte »Lotte« Reiniger, 1899 in Berlin geboren, konnte etwas, das nach einer Kinderspielerei klingt und in Wahrheit eine Kunstform ist: Sie schnitt Silhouetten. Freihändig, in atemberaubendem Tempo, ohne Vorzeichnung – aus einem Blatt schwarzen Papiers wuchsen unter ihrer Schere Prinzen, Vögel, Dämonen, ganze Märchenwelten. Schon als Kind baute sie sich ein Schattentheater und führte den Verwandten Stücke vor.
Als das Kino kam, war sie sofort verloren – im besten Sinne. Die frühen Zauberfilme eines Georges Méliès elektrisierten sie. Über Umwege kam sie in den Kreis um den großen Theaterregisseur Max Reinhardt und begann, für Filme kunstvolle Zwischentitel und Silhouetten zu schneiden. Bald war klar: Ihre schwarzen Scherenschnittfiguren wollten nicht stillstehen. Sie wollten sich bewegen.
Wie man aus Papier Leben macht
Was Reiniger dann entwickelte, war Millimeterarbeit im Wortsinn. Ihre Figuren waren filigrane Scherenschnitte aus Papier und dünnem Blei, an Armen, Beinen und Fingern mit winzigen Drähtchen beweglich gemacht – manche hatten Dutzende einzeln bewegliche Gelenke. Diese Figürchen legte sie auf eine von unten beleuchtete Glasplatte, verschob sie zwischen jeder einzelnen Aufnahme um einen Hauch – und fotografierte. Bild. Für. Bild.
Und sie ging noch weiter. Um ihren Filmen räumliche Tiefe zu geben, baute sie einen Tricktisch mit mehreren übereinanderliegenden Glasebenen, sodass Vorder- und Hintergrund sich unabhängig bewegen konnten. Damit nahm sie ein Prinzip vorweg, das Disney später als »Multiplane-Kamera« berühmt machen sollte – Jahre bevor Disney diese Technik weiterentwickelte und weltweit bekannt machte. Nur redet über Reinigers Erfindung heute kaum jemand.
Der Prinz aus tausendundeiner Nacht
Zwischen 1923 und 1926 wagte sie das Unmögliche. Gemeinsam mit ihrem Mann und lebenslangen Mitstreiter Carl Koch und einem kleinen Team schuf sie einen kompletten, abendfüllenden Film – ganz aus Silhouetten. »Die Abenteuer des Prinzen Achmed«, nach Motiven aus »Tausendundeine Nacht«: ein fliegendes Pferd, eine böse Zauberei, eine Liebesgeschichte, Kämpfe, Verwandlungen, alles in tanzenden schwarzen Scherenschnitten vor leuchtenden Farbhintergründen.
Drei Jahre Arbeit stecken in diesem Film. Hunderttausende Einzelaufnahmen, jede von Hand gestellt. Finanziert wurde das Wagnis nicht von einem Filmkonzern, sondern von einem privaten Bankier, der an ihr Talent glaubte – ein deutscher Verleih fand sich zunächst nur schwer; berühmt wurde der Film unter anderem durch eine gefeierte Pariser Vorführung 1926. Heute gilt »Die Abenteuer des Prinzen Achmed« als der älteste erhaltene abendfüllende Animationsfilm der Welt. Nicht der erste, den es je gab – aber der älteste, der die Zeit überdauert hat. Und er kam elf Jahre vor Disneys erstem Märchenfilm.
Wer ihn heute sieht, reibt sich die Augen: Diese Anmut, diese Bewegung, diese Poesie – geschaffen aus totem Papier, zum Leben erweckt allein durch Geduld und ein untrügliches Gefühl für Bewegung.

Die Jahre ohne festen Boden
Man würde erwarten, dass so ein Triumph in eine große Karriere mündet. Doch dann kam die Geschichte dazwischen. In den 1930er-Jahren wurde Deutschland für die politisch unangepasste Reiniger und ihren Mann zunehmend unerträglich. Die beiden lebten jahrelang halb heimatlos, arbeiteten mal in England, mal in Italien, mal in Frankreich – wo Carl Koch eng mit dem Regisseur Jean Renoir zusammenarbeitete. Feste Aufenthaltspapiere zu bekommen, war ein ständiger Kampf.
Trotz allem hörte Reiniger nie auf zu schneiden. Sie schuf in dieser Zeit bezaubernde kurze Filme, viele nach Märchen und Opern – ihr »Papageno« nach Mozarts »Zauberflöte« etwa gehört zum Schönsten, was sie je gemacht hat. Wo andere zerbrochen wären, saß sie weiter über ihrer Glasplatte und ließ Papierfiguren tanzen.
Ein spätes, leises Zuhause
Nach dem Krieg fanden Reiniger und Koch schließlich in London ein neues Zuhause. Dort entstand in den 1950er-Jahren eine ganze Reihe zauberhafter Märchenfilme fürs Fernsehen – Aschenputtel, Dornröschen, der gestiefelte Kater, alles in ihrem unverwechselbaren Silhouettenstil. Sie arbeitete bis ins hohe Alter weiter, unermüdlich, mit derselben Schere und derselben stillen Hingabe.
Erst spät kamen die Ehrungen: das Filmband in Gold, das Bundesverdienstkreuz. Anerkennung, ja – aber gemessen an dem, was sie geleistet hatte, spät und leise. Lotte Reiniger starb 1981, kurz nach ihrem 82. Geburtstag.
Warum wir sie kennen sollten
Warum kennt sie kaum jemand? Weil Hollywood lauter war. Weil der Scherenschnitt als hübsches Kunsthandwerk galt und nicht als das, was er bei ihr war: bahnbrechende Filmkunst. Und vermutlich auch, weil eine Frau, die in den 1920er-Jahren das Medium entscheidend mitprägte, lange nicht in die gängige Erzählung der Filmgeschichte passte.
Dabei war sie eine der Ersten überhaupt, die den Animationsfilm zur abendfüllenden Erzählkunst erhob. Wer heute klassische Animationsfilme liebt, entdeckt bei Lotte Reiniger überraschend viele Ideen, die später zum festen Bestandteil der Filmgeschichte wurden. Wenn ihr das nächste Mal einen Trickfilm seht, denkt einen Moment an die Frau in Berlin, die all das schon konnte, als es noch niemand für möglich hielt – mit nichts als Licht, Papier und einer Schere.
Das ist die Idee hinter dieser Rubrik: solche Namen wieder auszusprechen. Kennt ihr eine vergessene Frau, die hierher gehört? Schreibt sie mir an post@carinmueller.de – vielleicht wird sie die Heldin in einer der nächsten Folgen.
Bild-Attribution: By N.N./Agentur Primrose Film Productions - Christel Strobel, Agentur für Primrose Film Prod. (copyright holder), CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=66894563