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Geklaut, gierig, gedankenlos? Was an der KI-Kritik wirklich dran ist

Ein Blick in die KI-Abgründe - die echten und die eingebildeten.

Reden wir mal ehrlich über die Argumente gegen KI. Letzte Woche habe ich euch offengelegt, wofür ich KI nutze – und wofür ausdrücklich nicht (wer diesen Text verpasst hat, findet ihn unter »Ist meine Lieblingsautorin noch ein Mensch?«). Heute kommt der schwierigere Teil: die Einwände. Und die will ich nicht wegwischen, sondern ernst nehmen. Denn genau das tue ich. Einige dieser Argumente beruhen auf einem Missverständnis, das ich vielleicht aufklären kann. Andere sind so gewichtig, dass sie mir selbst nachts durch den Kopf gehen.

Eins vorweg, damit das klar ist: Ich verurteile niemanden für seine Haltung. Ich selbst finde KI unglaublich spannend und oft auch bereichernd, doch auch wer KI komplett ablehnt, hat dafür gute Gründe. Ein paar davon schauen wir uns jetzt an.

»Das ist doch alles geklaut!« – der Vorwurf mit dem wahren Kern

Der häufigste Einwand lautet: KI wurde mit dem geistigen Eigentum von Menschen trainiert, teils aus geklauten Daten – wer sie nutzt, bereichert sich also an seinen beklauten Kolleginnen. Wird damit praktisch selbst zum Verbrecher!

Der erste Teil stimmt, da muss man nichts schönreden – er lässt sich problemlos belegen. Ausgerechnet Anthropic, die Firma hinter der KI »Claude«, mit der ich am liebsten arbeite, hat im August 2025 einen Vergleich über rund 1,5 Milliarden Dollar geschlossen – den größten Urheberrechtsvergleich der US-Geschichte. Der Grund: Sie hatte für das Training hunderttausende Bücher aus illegalen »Schattenbibliotheken« (Piratenplattformen) heruntergeladen. Also ja: Da wurde im großen Stil das Werk von Autorinnen und Autoren genutzt, ohne zu fragen und ohne zu vergüten. Ziemlich sicher auch von mir. Das ist ein handfestes Problem, und es gehört vor Gericht – wo es zum Glück auch landet.

Aber jetzt kommt der Punkt, an dem das Argument entgleist. Ein Sprachmodell ist kein Kopierautomat, in dem die geklauten Bücher liegen und häppchenweise wieder herausgereicht werden. Es hat aus den Texten Muster gelernt – wie Sprache funktioniert – und in Milliarden abstrakter Zahlen verdichtet. Die Originale stecken da nicht drin und lassen sich nicht herausziehen. Wenn ich mit so einem Modell eine Idee durchspiele, wird kein Satz einer Kollegin herauskommen. Von generischen Kurzsätzen oder Ausrufen vielleicht mal abgesehen.

Und das Entscheidende: Das Training mag zu großen Teilen unrecht abgelaufen sein – das ist die Schuld der Konzerne, die diese Modelle gebaut haben. Nicht die der Autorin, die einen Prompt tippt. Ich hafte nicht dafür, wie der Hersteller meines Werkzeugs an sein Material gekommen ist – sonst wäre jeder Autofahrer mitschuldig daran, wie der Stahl für sein Fahrzeug hergestellt wurde. Ich bin unbedingt dafür, die Firmen für den Diebstahl zur Kasse bitten und auf ethische Grundsätze zu pochen (zum Teil passiert das bereits). Die Nutzenden pauschal zu Verbrechern erklären ist dagegen haarsträubend.

»Aber sie malt im Stil von Monet!«

Ein verwandter Einwand betrifft Bilder. Ja, eine KI kann ein Bild »im Stil von [jeder*m beliebigen Künstler*in]« erzeugen. Bei längst verstorbenen Meistern ist das auch mindestens geschmacklos und fragwürdig, aber wenigstens nicht illegal. Einen lebenden Künstler gezielt zu imitieren, finde ich dagegen hochgradig verwerflich – so einen Prompt würde ich nie eingeben. (Das gilt übrigens auch für die Aufforderung »mach eine Disney-Prinzessin aus mir«, so verführerisch es auch klingen mag.) Aber deshalb das ganze Werkzeug verdammen? Üble Deepfakes kann man auch mit Photoshop hinbekommen (also ich nicht, aber Kenner der Materie), jede Handykamera kann heimlich filmen und bearbeitet in aller Regel schon automatisch die Fotos und Filme, ohne dass wir darauf Einfluss haben.

Wir sollten also dringend den Missbrauch ächten – nicht die Existenz des Werkzeugs.

KI kostet Jobs

Gar keine Frage, die künstliche Intelligenz wird den Arbeitsmarkt gewaltig umkrempeln. Viele Jobs, die heute für uns ganz normal sind, wird es womöglich in ein paar Jahren nicht mehr geben. Das ist furchtbar für die betroffenen Menschen. Viele meiner Kolleg*innen haben ebenfalls Angst davor, von künstlich generierten Büchern redundant gemacht zu werden.

Teile ich diese Angst? Im Moment nicht. Da ich weiß, was die KI kann und was nicht, bin ich absolut davon überzeugt, dass nur ich meine Bücher schreiben kann. Noch jedenfalls. Es ist nämlich unglaublich schwierig, selbst mit leistungsfähigen (und teuren) Sprachmodellen, sinnvolle und kohärente Texte zu erzeugen und Geschichten zu erzählen, die wirklich berühren. Das gelingt definitiv nicht auf Knopfdruck. Zumindest heute noch nicht.

Es wird aber in meiner Branche zweifellos bald sehr viel Bedarf an kompetenten KI-Redakteur*innen geben, die die sogenannten »Heftchenromane« nicht mehr selbst schreiben, sondern mit der KI produzieren. Diese Geschichten werden schon heute nach einem sehr festen Schema erzeugt, in dem die menschliche Kreativität sehr eng an die Leine genommen wird. Diese Geschichten werden sicher – mit einem fähigen Menschen am Ruder – genauso gut lesbar sein wie bisher. Nur vermutlich viel schneller (und günstiger) zu produzieren.

Also ja, es wird sich einiges ändern. Jobs werden verschwinden, andere werden kommen. So ist das immer, wenn eine neue, revolutionäre Technologie die Welt erobert. Aber zum Glück haben wir Menschen eine sehr nützliche Eigenschaft: wir sind anpassungsfähig und flexibel (auch wenn die meisten von uns Veränderungen hassen).

Der Strom – die Sorge, die ich wirklich teile

So, und jetzt zu dem Punkt, bei dem ich nicht die Anwältin der KI gebe, sondern ehrlich Bauchschmerzen habe: der Energiehunger.

Die Zahlen sind unbequem. Die Internationale Energieagentur schätzt den Stromverbrauch aller Rechenzentren weltweit auf rund 415 Terawattstunden im Jahr 2024 – etwa 1,5 Prozent des globalen Stroms. Klingt überschaubar? Ist es nicht, denn die Kurve zeigt steil nach oben: Bis 2030 dürfte sich dieser Verbrauch mehr als verdoppeln, auf etwa 945 Terawattstunden. Das ist ungefähr so viel Strom, wie ganz Japan heute in einem Jahr verbraucht. Und KI ist dabei der größte Treiber. Dazu kommt der Wasserverbrauch, mit dem die Rechenzentren gekühlt werden.

Der Fairness halber sollte erwähnt werden: Pro einzelner Anfrage sinkt der Verbrauch rapide, weil Chips und Modelle immer effizienter werden. Und die Branche setzt auf Erneuerbare und auf »neue Atomkraft« (was ich persönlich allerdings auch recht fragwürdig finde). Nur wird dieser Effizienzgewinn bislang von der schieren Menge aufgefressen – alle legen gleichzeitig los. Ob grüner Strom und bessere Technik diesen Hunger je einholen, weiß ich schlicht nicht. Und ich misstraue jedem, der das doch mit voller Überzeugung verspricht. Also ja, jeder der KI nutzt, macht sich durchaus an der Ausbeutung unserer globalen Energieressourcen schuldig.

Und das Geld?

Noch eine Sorge, die ich teile: Derzeit arbeitet praktisch kein KI-Anbieter kostendeckend. Meine bezahlbaren Pro-Versionen der unterschiedlichen Tools sind massiv subventioniert, um Marktanteile zu erobern. Und zwar von Playern, die ich nicht kenne und nicht weiß, ob ich ihnen vertrauen kann. Ich glaube zwar auch nicht an das Schreckgespenst, dass sie morgen tausend Euro im Monat kosten könnten – dafür sorgen fallende Kosten und frei verfügbare Modelle, die einen billigen Basisabdeckung liefern. Aber dass die allerbesten Werkzeuge irgendwann ein Privileg der Zahlungskräftigen werden und die Schere zwischen Arm und Reich noch weiter aufgeht? Diese Sorge nehme ich sehr ernst. Und das macht mir richtig Angst.

Verlernt man durch KI das Denken?

Das ist die Frage, die mich mit am meisten umtreibt – und auf die ich, ehrlich gesagt, noch keine Antwort habe. Ich weiß nur, dass es darauf ankommt, wie man das Ding benutzt. Wer seinen Chatbot jede banale Kleinigkeit erledigen lässt, statt selbst zu denken, stumpft vermutlich ab – so wie wir mit dem Navi das Kartenlesen verlernt haben. Wer ihn dagegen als Sparringspartner nimmt, dem man widerspricht, den man überprüft und überstimmt, denkt am Ende vielleicht sogar schärfer. Ich gebe mir Mühe, zur zweiten Sorte zu gehören – und beobachte mich dabei ganz genau.

Warum ich es trotzdem tue

Ihr seht: Ich mache es mir nicht leicht. Ich nutze KI, weil sie mir an vielen Stellen wirklich hilft – aber mit klaren, selbst gesetzten Regeln, über die ich in Teil 1 offen gesprochen habe. Die Einwände dagegen sind teils Halbwissen, teils komplett berechtigt. Aber alles verdient eine ehrliche Antwort statt einer Hexenjagd.

Denn genau das wünsche ich mir in dieser ganzen aufgeheizten Debatte: dass wir die echten Probleme ernst nehmen – die geklauten Trainingsdaten, den Stromhunger, die soziale Schere – und aufhören, bei jedem, der anders entscheidet als wir, gleich die Mistgabel zu zücken. Kritik: immer. Nachdenken: dringend. Aber bitte mit Hirn und Herz. Und vor allem: mit (Bio-)Menschlichkeit.

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