Carin Müller bloggt ...

Ist meine Lieblingsautorin noch ein Mensch?

Und wo genau stehe ich in der KI-Debatte

Es ist die große Frage, die gerade lautdröhnend und mehr als nur ein bisschen bang über der ganzen Buchwelt schwebt: Steckt hinter meinem Lieblingsbuch eigentlich noch ein Mensch? Oder hat da inzwischen heimlich eine Maschine mitgeschrieben, ohne dass ich es merke?

Ich finde diese Sorge absolut berechtigt. Wer Bücher liebt, schätzt ja nicht nur die Geschichte, sondern auch die Gewissheit, dass sich ein anderer Mensch das alles ausgedacht hat. Dass ein Wesen aus Fleisch und Blut, mit Stimmungsschwankungen und mannigfaltigen Gefühlen beim Schreiben gelitten, gelacht, geweint, gejubelt, geflucht und was auch sonst immer getan hat. Der Gedanke, stattdessen einem Algorithmus auf den Leim gegangen zu sein, hat etwas zutiefst Enttäuschendes. Es fühlt sich nach einer Abkürzung an. Nach Betrug.

Deshalb beantworte ich diese Frage heute so ehrlich, wie ich kann – ohne Beschönigung, aber auch ohne Rechtfertigung. Wer meinen Text über »Meine KI-Praktikanten« schon kennt, weiß ohnehin: Aus meinem Umgang mit künstlicher Intelligenz mache ich kein Geheimnis.

Die wichtigste Antwort zuerst

Fangen wir mit dem an, was euch vermutlich am meisten umtreibt: In meinen Romanen steckt zu hundert Prozent mein Text. Jeder Satz, jede Pointe, jeder irre Plottwist, jeder kitschige Hachz-Moment und jeder abstruse Mord – alles von mir, Wort für Wort selbst getippt. Und vor allem: Selbst ersponnen in der grauen Materie zwischen meinen Ohren.

Das ist dabei nicht einmal eine moralische Grundsatzentscheidung, sondern eine ziemlich egoistische: Das Schreiben ist für mich das Beste am ganzen Job. So anstrengend es manchmal ist, so sehr ich oft herumheule – es ist die eine, aber entscheidende Sache, dir mir tiefe Freude und Befriedigung bereitet. Da ich extrem ungern plane und plotte, sondern meine Geschichten erst beim Schreiben selbst wirklich entdecke, würde ich mich allem berauben, wofür ich brenne. Diesen Zauber gebe also garantiert nicht an eine Maschine ab. Den will ich für mich! Für mich allein.

Wo mir KI aber sehr wohl hilft

Und trotzdem – jetzt kommt das große Aber – nutze ich KI. Sogar ziemlich viel und ziemlich gern. Ich bin von Natur aus neugierig und probiere fast alles aus, einfach weil ich wissen will, was geht und wo die Grenzen liegen. Damit ihr euch ein ehrliches Bild machen könnt, hier ganz konkret, wofür:

Als Sparringspartner: Ideen entwickeln, Was-wäre-wenn durchspielen, an einer Figur herumdenken – genau das, was ich sonst mit meinen Kolleginnen mache. Nur dass die KI eben immer greifbar ist, auch nachts um zwei.

Für die Recherche: Eine enorme Zeitersparnis – vor allem, wenn ich das Programm bitte, mir die Primärquellen zu nennen, damit ich sie anschließend selbst prüfen kann. Ungeprüft übernehme ich nichts.

Für eine sinnvolle Struktur bei Gemeinschaftsprojekten: Bei »Appletree Murders« zum Beispiel haben mein Co-Autor Christian und ich uns Strukturpläne bauen lassen, damit klar war, wer was in welchem Kapitel schreibt. (Eine gute Grundlage – auch wenn in der Umsetzung dann natürlich alles ganz anders kam.)

Für Klappentexte und Marketing: Da bin ich nämlich richtig, richtig schlecht. Und genau da spielt die KI ihre Stärken aus.

Für alles mit Zahlen: Kosten-Nutzen-Analysen sind mein persönlicher Albtraum, fürs Geschäft aber leider unverzichtbar. Die KI hilft mir zu erkennen, welche Maßnahme etwas bringt und welche nicht – und in welche Richtung ich künftig denken könnte. Ob ich mich daran halte, steht auf einem anderen Blatt.

Für die Recherche zu meinen Blogartikeln: Hier übernehme ich sogar hin und wieder ganze Abschnitte, wenn ich sie denn gut finde. Aber auch jeder Blogtext trägt am Ende meine Handschrift – veröffentlicht wird nichts, was ich nicht selbst erarbeitet und für richtig befunden habe.

Blogbebilderung: Ich lass mir auch die meisten Bilder für meinen Blog mit der KI erstellen – sie sind tausendmal besser, als alles, was ich in den Datenbanken finde. Perfekt passend zum Inhalt und schnell erledigt. Ja, das ist eine »Abkürzung«, aber ich nutze meine Zeit lieber zum Schreiben von Romanen, Artikeln und Newslettern.

Und jetzt zu den kniffligen Stellen

Ich könnte es mir jetzt leicht machen und hier aufhören. Aber ehrliche Transparenz heißt auch, über die Punkte zu reden, bei denen ich verstehe, wenn ihr die Stirn runzelt.

Die Cover: Für ein paar kostenlose Freebie-Geschichten (etwa aus »The Wylde Wynds«) habe ich die Cover mit KI-Unterstützung selbst gebaut. Für Bücher, die ich verkaufe, kommt das für mich aber (noch) nicht infrage – erstens bin ich schlicht zu schlecht darin und habe keinen Blick für ästhetische Aufteilung, und zweitens liebe ich die Entwürfe meiner Designerin. Diese persönliche Note möchte ich um nichts in der Welt missen.

Eine Ausnahme gibt es allerdings, und die will ich nicht verschweigen: Das Cover von »Der Eissalon von Kirkby« ist tatsächlich komplett von ChatGPT geschaffen. Eigentlich wollte ich damit nur ein visuelles Briefing für meine Designerin Sabine erstellen, damit sie die Richtung sieht, die mir vorschwebte. Das Ergebnis war aber so schön, dass wir gemeinsam entschieden haben, es zu verwenden. Weil es aber eindeutig auf ihren Design-Entwürfen basiert, habe ich ihr trotzdem ein Honorar gezahlt und sie im Impressum genannt. Für mich bleibt das eine Ausnahme – keine neue Regel.

Die Figurenporträts: Das ist der wohl umstrittenste Punkt, also sage ich es geradeheraus: Die Bilder, wie meine Protagonisten aussehen, erstelle ich mit KI. Ich persönlich brauche keine Prota-Porträts. Ich habe die Figuren im Kopf und das reicht mir. Aber meine Leserschaft fragt mich ständig danach, und mit KI bekomme ich schnell richtig gute Bilder hin. Die realistische Alternative wäre für mich nicht »dann eben von Hand«, sondern gar keine. Müsste ich dafür stundenlang Fotodatenbanken durchforsten, gäbe es diese Bilder einfach nicht. Punkt.

Lektorat & Korrektorat: Nur ein menschliches Paar Augen kann erkennen, wenn ich in einer Geschichte falsch abgebogen bin. Wenn irgendwas nicht stimmt. Mir ist wichtig, dass ich die bestmöglichen Produkte für mich und meine Leserschaft bekomme. Da kann und will ich auf den menschlichen Faktor nicht verzichten. Zumal ich meiner Lektorin Julia nach mehr als zehn gemeinsamen Jahren und unzähligen Projekten im Selfpublishing und Verlag, wirklich blind vertraue. Wenn sie sagt, dass etwas nicht funktioniert, dann ist es auch so. Ein wenig anders ist es im Korrektorat (das Julia eigentlich immer mitmacht). Regeln befolgen und anwenden gehört zur Kernkompetenz der Sprachmodelle. Und so nutze ich beispielsweise für meine kostenlosen Kurzgeschichten und bei wenigen Romanen (wenn Julia keine Zeit hat) auch das KI-Tool Textshine, das wirklich erstklassige Arbeit abliefert (und auch einiges kostet, aber das nur am Rande).

Übersetzung: Einige meiner Romane habe ich ins Englische übersetzen lassen. Von Menschen. Mit sehr guten Ergebnissen und in sehr guter Qualität. Allerdings sind diese menschlichen Übersetzungen auch SEHR teuer und haben die Investition noch längst nicht eingespielt. Fraglich, ob es mir jemals gelingen wird. Trotzdem werden auch alle zukünftigen Übersetzungen ins Englische »human made« bleiben, damit die Qualität auch weiterhin stimmt.

Ich fände allerdings die Idee schön, meine Bücher auch in anderen Sprachen anzubieten. Französisch, Italienisch, Spanisch, Niederländisch, Portugiesisch ... was auch immer. Allerdings ist es für mich finanziell komplett ausgeschlossen, diese Übersetzungen ebenfalls von Menschen machen zu lassen. Vielleicht werde ich es irgendwann mit KI-Übersetzungen versuchen. Entweder das oder ich verzichte auf diese Märkte vollständig. Eine Entscheidung habe ich noch nicht gefällt, aber falls ich da den KI-Weg einschlage, dann nur mit voller Transparenz.

Hörbücher: Einige meiner Bücher liegen bereits in Hörbuch-Versionen vor. Von echten Menschen eingesprochen – in höchst unterschiedlicher Qualität, die ich oft selbst nicht beeinflussen kann. Manche sind ganz wunderbar, andere sind mir so peinlich, dass ich sie verschweige. Teuer sind sie alle – jedenfalls dann, wenn ich sie in Eigenregie in Auftrag gebe. Da habe ich schon mal mit der Software Elevenlabs herumprobiert, die wirklich ganz hervorragende Ergebnisse liefert. Veröffentlicht habe ich damit jedoch (noch) nichts und für meine deutschsprachigen Bücher würde ich es auch ausschließen, nicht jedoch für Übersetzungen. Aber auch hier: ich habe mich noch nicht dazu entschieden.

Wo es bei mir (vermutlich) nie hingehen wird

Ihr merkt: Meine Grenze verläuft nicht ordentlich zwischen »KI böse« und »KI gut«, sondern mitten durch meinen Arbeitsalltag. Aber an einer Stelle ist sie glasklar – beim eigentlichen Schreiben. Ich habe mir durchaus schon Textentwürfe generieren lassen, einfach weil ich wissen wollte, wie gut und leistungsfähig die Modelle sind. Überzeugt hat mich nichts davon. Und das ist noch milde formuliert. Ich fand den Output zum Gähnen. Zu generisch, zu banal, zu dumm, zu unpersönlich – und immer mir einem seltsamen Störgefühl behaftet. Und selbst wenn er eines Tages besser würde: Das Erzählen ist das Herz meiner Arbeit. Das bleibt meins.

Bleibt das große, unbequeme Thema

Denn natürlich ist da noch die Debatte, die gerade so hitzig tobt. Und da will ich ehrlich sein: Ich stehe der KI offen und neugierig gegenüber, aber es gibt durchaus Entwicklungen, die auch mir Angst machen. Zweifel sind absolut berechtigt – und ich verurteile niemanden, egal wie er oder sie zu dem Thema steht. Wer KI komplett ablehnt, hat dafür gute Gründe, die ich vielleicht nicht verstehe, aber ganz sicher respektiere.

Nächste Woche gehe ich übrigens ausführlich auf viele dieser Gründe ein. Dafür reicht hier der Platz einfach nicht!

Was ich mit echter Sorge beobachte, ist etwas anderes: die regelrechte Hexenjagd, die in manchen Ecken der (sozialen) Medien läuft. Da wird mit veraltetem Halbwissen um sich geworfen oder aus völliger Ahnungslosigkeit argumentiert, da werden Dinge in einen Topf gerührt, die gar nicht zusammengehören – und da werden Kolleginnen und Kollegen öffentlich zerlegt, nur weil sie mal ein KI-Bild gepostet haben. Kritik: gern und jederzeit. Aber diese Form von Verurteilung geht für mich gar nicht.

Also – noch ein Mensch?

Zurück zur Ausgangsfrage: Ist eure Lieblingsautorin noch ein Mensch?

Was mich betrifft: Aber sowas von! Eine, die es hasst zu planen, die bei Zahlen und Social-Media-Gedöns verzweifelt und beim Schreiben am glücklichsten ist. Die KI ist für mich ein Werkzeug – ein erstaunlich nützliches an manchen Stellen, und ein erstaunlich enttäuschendes an anderen. Aber die Geschichten, die ihr liebt? Die kommen nach wie vor aus einem sehr menschlichen, sehr unperfekten Kopf.

Und falls ihr dazu Fragen habt – ihr wisst ja inzwischen, dass ihr mir alles fragen dürft. Ich antworte so ehrlich wie hier.

Und wie gesagt, nächste Woche kümmere ich mich in aller Ausführlichkeit um die »dunkle« Seite der KI. Denn die gibt es, gar keine Frage.