Vom Rätsel zum Trendtier

21.9.2026
Capon, Capybara, Content-Marketing, Kapaun, New York Times, Rätsel, sinnloses Wissen, Süddeutsche Zeitung, Wasserschwein, Worlde
»Warum machst du das eigentlich?«, hat mich neulich eine Kollegin gefragt und diesen Blog hier gemeint. Woche für Woche schreibe ich einen Artikel zu einem Thema, das ich entweder für relevant oder amüsant halte. Manchmal sogar beides. Mit meinem Schreiben haben diese Beiträge nicht zwingend etwas zu tun, weshalb die Kollegin den Sinn dahinter nicht versteht.
»Statt zu bloggen und alle zwei Wochen einen langen Newsletter rauszuschicken, könntest du doch locker einen Roman mehr im Jahr verfassen«, lautete ihr nächstes Argument gegen den vermeintlichen Unsinn, den ich hier auf meiner Webseite und in den Mail-Postfächern meiner Fans treibe. »Oder auch mal wirklich gute Social Media Posts machen!« Ähm, ja ...
So kann man es natürlich sehen. Ich habe mal spaßeshalber die Wörter aller Artikel und Newsletter aus 2026 zusammengezählt. Da kam ich Stand heute auf 68.731! Das ist stattlich. Das ist tatsächlich der Umfang eines Romans. Und ja, vielleicht würde mir ein Roman mehr pro Jahr mehr Geld bringen. Ich werde aber trotzdem nicht auf diese Form von »Content« verzichten und dafür habe ich gute Gründe.
Mein Kopf braucht Abwechslung
Das (für mich) wichtigste Argument ist, dass ich mich sehr schnell langweile und Abwechslung brauche. Und meine mal langen, mal kurzen, mal tiefgründigen, mal albernen, mal top recherchierten, mal schlampig hingerotzen Texte bieten mir genau das. Ich kann mich kurzfristig in andere Welten, Denkweisen und Themen hineingleiten lassen und mich dabei vom aktuellen Schreibprojekt ablenken. Danach habe meist wieder Lust aufs Manuskript. In erster Linie betreibe ich meinen Blog also für mich selbst. Aber selbstverständlich nicht nur, denn ...
Content-Marketing wirkt langfristig
Durch meinen Blog kann ich alle möglichen Facetten von mir zeigen, denn ich bin mehr als nur die Autorin von (recht unterschiedlichen) Romanen. Ich interessiere mich für zahllose Dinge, die über das Schreiben und Lesen hinausgehen. Vermutlich ist das den allermeisten meiner Fans egal, aber ich weiß von Menschen, die über einen Blogartikel zu mir in mein Autorinnen-WG-Universum gefunden haben. Und ich weiß von Leser*innen meiner Bücher, die über meinen Newsletter auch auf meine andere Seite gestoßen sind und sich in manchen Texten wiedererkennen.
Vielleicht ist es nicht besonders klug, einen derartigen Gemischtwarenladen an Themen zu präsentieren (wie es auch nicht besonders schlau ist, so viele unterschiedliche Genres zu schreiben), aber ich kann, will und werde mich nicht auf einen Themenkomplex beschränken, das wäre mir zu eindimensional.
Außerdem schreien doch gerade im KI-Zeitalter alle nach Authentizität und Menschlichkeit. Die meisten meinen zwar damit, dass man keine KI-Bildchen posten darf (was ich mit Wonne tue) und am besten gar nicht mit ChatGPT und Claude kommuniziert (was ich ebenfalls gerne mache – siehe auch »Ist meine Lieblingsautorin noch ein Mensch?«), aber hier zeige ich die echte Carin mit allen Ecken, Kanten und Facetten.
So funktioniert mein Hirn
Ich habe keine Ahnung, ob es normal ist, aber mein Hirn liebt es, Abenteuer zu erleben. Das ist nicht immer angenehm, vor allem, wenn es mich von der eigentlichen Arbeit ablenkt, aber es ist ein schier unendlicher Fundus an Ideen. Ich liebe es, die beiden täglichen Wordle-Rätsel auf den Webseiten der Süddeutschen Zeitung und der New York Times zu lösen (die Rätsel kann man übrigens ohne Abo nutzen). Manchmal macht es mich aber auch total fuchsig, wenn ich nicht für Geld und gute Worte auf die Lösung komme, oder es ein total abseitiger Begriff ist, von dem ich noch nie etwas gehört habe. Gelegentlich schickt es die graue Masse zwischen meinen Ohren aber auch auf eine Indiana-Jones-artige Entdeckungsreise.
Vor zwei oder drei Wochen lautete das NYT-Lösungswort einmal »CAPON«. Ich habe es herausgefunden, war aber komplett ahnungslos, was dieser Begriff bedeutet. »Capon« ist die englische Übersetzung von Kapaun, was wiederum ein kastrierter Hahn ist. An dieser Stelle wären die meisten Leute ausgestiegen (verständlicherweise). Ich nicht.
Denn ich begann mich nun zu fragen, wie zur Hölle man einen Hahn kastriert. Ich weiß nicht viel über Vögel, aber doch, dass die Hoden bei den männlichen Tieren nicht wie bei Säugetieren in praktischen, leicht zu entfernenden Säckchen außerhalb des Körpers angebracht sind, sondern irgendwo intern zu finden sind. Also wie soll das unkompliziert möglich sein?
Was zu einer ausgedehnten Recherche führte und zu weiteren erstaunlichen Antworten: Die schlechte Nachricht für die Hähne – die OP ist aufwändig, kompliziert und verdammt gefährlich, weshalb viele den Eingriff gar nicht überleben. Falls doch, ändert sich einiges bei ihnen. Der Geschlechtstrieb erstirbt, sie krähen kaum noch (kann man ggf. auch als Vorteil werten), ihr Gefieder verändert sich und vor allem wird ihr Fleisch zarter und fetter, weshalb sie als absolute Delikatesse gelten. Bis zur Bratröhre verdingen sie sich häufig als »Kükenbetreuer«, weil sie fürsorglicher sind als die meisten Hennen. Oder vielmehr »fürsorglicher waren«, denn seit 2005 ist es in Deutschland und Österreich verboten ist, Hähne zu »Kapaunisieren«. Das ist die gute Nachricht.
Ich könnte noch mehr über Kapaune berichten, aber vermutlich ist das Interesse der Meisten an diesem Spezialwissen nun endgültig erschöpft. Schade eigentlich. Ich will aber noch verraten, dass meine Synapsen weitergefeuert haben.
Das Rätsel und das Trendtier
Von »Capon« war es nämlich nicht mehr weit zum »Capybara«. Jedenfalls vom Wortstamm her, inhaltlich trennen diese Tiere Welten. Capybaras, die man hierzulande auch Wasserschweine nennt, haben nämlich in den letzten Jahren eine steile Karriere zum Trendtier hingelegt. Die bis zu 70 Kilo schweren Riesennagetiere aus Südamerika sehen im Grunde aus wie Monstermeerschweinchen und scheinen in Gefangenschaft unglaublich zahm und menschenbezogen zu werden. In Japan und den USA gibt es bereits »Capybara-Cafés«, in denen menschliche Gäste die zutraulichen Biester streicheln und füttern können. Das finde ich einerseits etwas befremdlich, andererseits bin ich (natürlich) auch vollkommen versessen auf die Nager, die ausgesprochen putzige Geräusche von sich geben. Mein Social-Media-Algorithmus hat das sofort geschnallt und zeigt mir seitdem fast nur noch Capybara-Videos.
Warum tust du das? Ich meine: ernsthaft?!
Um noch einmal auf die Eingangsfrage der Kollegin zurückzukommen. Ich habe keine Ahnung. So funktioniere ich eben. Ich liebe es, meine Gedanken schweifen zu lassen und mich vom Hölzchen aufs Stöckchen bringen zu lassen. Derzeit halte ich es sogar für nicht völlig ausgeschlossen, dass ich bald mal eine Capybara-Herde in einen Roman unterbringen werde. »Ein Capybara für Kirkby« vielleicht? Es mögen sich bitte all jene melden, die diese Idee nicht für vollkommen abwegig halten.
Sinnvoll ist es nicht, aber es macht Spaß und das ist als Grund doch eigentlich ausreichend, oder?