Schreibmythos: Leiden für die Kunst

28.9.2026
Empathie, Erfahrung, Ernest Hemingway, gefährliche Verklärung, Handwerk, Leiden am Schreiben, Schreiben und Leiden, Schreibmythos, Thomas Mann
Man kennt das Bild: eine zugige Dachkammer, eine flackernde Kerze, zerknüllte Blätter auf dem Boden, und mittendrin eine gequälte Seele, die sich ihre Meisterwerke aus dem Herzen reißt. Der Mythos hat eine ganze Ahnengalerie: Kafka, Plath, Hemingway, und wer malt, statt zu schreiben, bekommt noch van Gogh dazu. Die Botschaft dahinter: Große Kunst entsteht nur aus großem Leid. Wer nie gelitten hat, kann nichts Wahres erzählen.
Genau genommen stecken in diesem Mythos zwei Behauptungen. Erstens: Man muss im Leben gelitten haben, um tiefe Gefühle zu Papier zu bringen. Zweitens: Das Schreiben selbst muss wehtun, damit etwas Gutes dabei herauskommt. Schauen wir uns beides an.
Der dramatische große Bruder von »Schreib, was du kennst«
Über den Ratschlag »Schreib, was du kennst« habe ich mich hier schon einmal ausgelassen, in »Schreibmythos: Authentizität«. Der Leidensmythos ist sein dramatischer großer Bruder. Er behauptet nicht nur, dass man kennen muss, worüber man schreibt, sondern dass man es durchlitten haben muss. Nur wer selbst gebrochen war, kann Herzschmerz schreiben. Nur wer selbst getrauert hat, kann Trauer schreiben.
Ich halte das für totalen Quatsch. Mein Job als Autorin ist nicht, alles am eigenen Leib zu erfahren. Mein Job ist Empathie: mich in Situationen und Figuren hineinzuversetzen, die mit meinem eigenen Leben im Zweifel herzlich wenig zu tun haben. Und mein Job ist Recherche.
Ein gutes Beispiel: »Die Ozeanschwimmerin«. Darin verliert Sophie ihren Mann und ihren Sohn und kämpft sich anschließend durch sieben Meeresstraßen zurück ins Leben, durch eiskaltes Wasser, meterhohe Wellen und giftige Quallen. Ich dagegen bin wasserscheu und käme nie auf die Idee, längere Strecken im offenen Meer zu schwimmen (ehrlich gesagt auch keine kürzeren). Und ich musste glücklicherweise weder meinen Mann verlieren, noch mich von Feuerquallen verbrennen lassen, um diese Geschichte zu erzählen. Trotzdem haben mir viele Lesende geschrieben, dass sie beim Lesen das fühlten, was die Figuren empfinden. Ein schöneres Kompliment gibt es für mich kaum.
(Und für meine Krimis musste ich zum Glück auch noch niemanden persönlich ermorden. Jedenfalls niemand Echtes. Aber das nur am Rande ...)
Was sagt die Forschung?
Weil ich meine Meinung nicht mit der Wahrheit verwechseln will, habe ich nachgeschaut. Und ich gebe zu: Ganz so eindeutig auf meiner Seite, wie ich gehofft hatte, ist die Wissenschaft nicht.
Eine große schwedische Studie hat Gesundheitsdaten von fast 1,2 Millionen Menschen aus 40 Jahren ausgewertet. Das Ergebnis: Schreibende erkranken tatsächlich häufiger an Depressionen, Angststörungen und Suchterkrankungen als der Durchschnitt der Bevölkerung. Der Zusammenhang zwischen Schreiben und seelischem Leid ist also kein reines Klischee.
Aber: Ein Zusammenhang beweist nicht, dass das Leid die besseren Bücher macht. Es könnte genauso gut umgekehrt sein. Menschen, denen es schlecht geht, greifen vielleicht eher zum Stift, weil Schreiben hilft, Ordnung ins innere Chaos zu bringen. Oder der Beruf selbst zermürbt: unsicheres Einkommen, viel Einsamkeit, ständige Ablehnung. Wer meinen »armen Poeten« gelesen hat, weiß, wovon ich rede.
Spannender finde ich deshalb eine andere Frage: »Macht Leid kreativer?« Dazu gibt es eine Meta-Analyse, die 25 Jahre Forschung zu Stimmung und Kreativität zusammenfasst. Der Effekt ist nicht riesig, aber die Richtung ist klar: Gute Laune, vor allem die belebende Sorte wie Freude, macht eher kreativer. Traurigkeit bringt keinen Kreativitätsschub. Und Angst und Sorge machen unser Denken sogar weniger beweglich.
Mit anderen Worten: Schreibende leiden vielleicht öfter als andere. Aber sie schreiben nicht wegen ihres Leids gut, sondern bestenfalls trotz ihres Leids. Und wer leidet, braucht Hilfe und keine Legende, die ihm einredet, sein Schmerz sei der Preis für seine Kunst.
Und das Leiden am Schreiben selbst?
Bleibt die zweite Hälfte des Mythos: Schreiben muss wehtun. Dazu gibt es zwei Zitate, die in keiner Sammlung von Schreibweisheiten fehlen. Beide haben eine Pointe.
Das erste stammt von Thomas Mann. Ein Schriftsteller sei »ein Mann, dem das Schreiben schwerer fällt als allen anderen Leuten«. Klingt nach tiefer Wahrheit. Im Original, der Novelle »Tristan« von 1903, ist es allerdings eher Spott: Der Erzähler macht sich damit über den eitlen Schriftsteller Detlev Spinell lustig, der beim Schreiben jämmerlich langsam vorankommt. Wobei Mann wusste, wovon er sprach, denn auch ihm fiel das Schreiben nach eigenem Bekunden nicht leicht. Ein bisschen Selbstironie war also vermutlich dabei.
Das zweite ist noch drastischer: »Schreiben sei ganz einfach, man setze sich an die Schreibmaschine und blute.« Dieser Satz wird gern Ernest Hemingway in den Mund gelegt. Nur hat er ihn nie gesagt, in seinen Werken und Briefen findet er sich jedenfalls nirgends. Vermutlich stammt das Bild von Red Smith, einem Sportjournalisten der 1940er-Jahre, der gefragt wurde, ob ihm seine tägliche Kolumne schwerfalle. Ausgerechnet ein Sportreporter mit täglicher Deadline! Ich kann’s total gut nachvollziehen.
Womit wir bei meiner eigenen Erfahrung wären: Wenn ich tief in einem Projekt stecke oder eine Deadline naht, schreibe ich. Immer. Egal, wie ich mich gerade fühle, es sei denn, ich bin so krank, dass es körperlich nicht geht. Und ja, manchmal (gar nicht mal so selten) fühlt sich das qualvoll und anstrengend an. Aber mein Text wird dadurch weder besser noch schlechter. Das Leiden ist also bestenfalls eine Begleiterscheinung, aber keine Zutat.
Anstrengung ist übrigens nicht dasselbe wie Leiden. Schreiben ist Handwerk, und Handwerk ist Arbeit: manchmal mühsam, oft zäh, gelegentlich zum Haareraufen. Aber es ist auch das Beste an meinem Job.
Warum der Mythos nicht harmlos ist
Man könnte das alles als romantische Spinnerei abtun. Ich halte den Mythos aber für gefährlich. Er redet Menschen ein, sie müssten leiden, um »echte« Künstlerinnen und Künstler zu sein. Er kann dazu führen, dass sich jemand keine Hilfe holt, aus Angst, mit dem Schmerz auch die Kreativität zu verlieren. Und er wertet ab, was mit Freude geschrieben wurde, als wäre ein Buch nur dann tiefgründig, wenn es unter Tränen entstanden ist.
Gute Bücher entstehen aus Empathie, Recherche, Handwerk und Sitzfleisch. Nicht aus Schmerz.
Mir ist jedenfalls ein Schreibtag mit guter Laune tausendmal lieber als ein genialer Nervenzusammenbruch. Und wie es aussieht, sind meine Bücher damit auch nicht schlechter dran.
Zum Nachlesen:
- Schwedische Registerstudie (Kyaga et al., 2013), Pressemitteilung des Karolinska Institutet: https://news.ki.se/link-between-creativity-and-mental-illness-confirmed
- Meta-Analyse zu Stimmung und Kreativität (Baas, De Dreu & Nijstad, 2008): https://psycnet.apa.org/record/2008-14745-001
- Das falsche Hemingway-Zitat, The Hemingway Society: https://www.hemingwaysociety.org/quotation-controversy-writing-and-bleeding