Ruth Maier – das Leben könnte gut sein

5.10.2026
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In meiner Rubrik »Vergessene Frauen« erinnere ich an Frauen, die Großes geleistet haben und die trotzdem kaum jemand kennt. Beim letzten Mal habe ich Lotte Reiniger vorgestellt, die mit Schere und Papier den Trickfilm neu erfand. Heute geht es um eine Frau, deren Werkzeug ebenfalls Papier war – und Worte. Ruth Maier hat keinen Film gedreht und kein Theorem aufgestellt. Sie hat ihr – kurzes – Leben aufgeschrieben. Und dieses Leben ist untrennbar mit der düstersten Phase des 20. Jahrhunderts verwoben.
Ich bin auf Ruth Maier durch das Musical »Briefe von Ruth« gestoßen, das ich vor letztes Jahr in Wien gesehen und gehört habe und das mich unglaublich berührt hat. Nicht nur wegen der wunderbaren Musik, sondern vor allem auch aufgrund der herzzerreißenden Geschichte. Wer die Chance hat, es zu sehen, sollte sich die Gelegenheit auf keinen Fall entgehen lassen.
Ein Mädchen aus Wien
Ruth Maier kam am 10. November 1920 in Wien zur Welt. Ihr Vater Ludwig hatte einen Doktortitel, arbeitete bei der Post und engagierte sich als Sozialdemokrat in der Gewerkschaft. Die Familie war jüdisch, aber weitgehend assimiliert. Mit ihrer Mutter Irma und ihrer jüngeren Schwester Judith lebte Ruth in Währing, ab 1931 in einem Gemeindebau in der Gersthofer Straße.
Am 17. Mai 1933, also mit zwölf Jahren, begann sie, Tagebuch zu schreiben. Ende Dezember desselben Jahres starb ihr Vater an einer Wundrose. Es war der erste große Verlust in ihrem jungen Leben.
1938: Eine Familie wird auseinandergerissen
Im März 1938 wurde Österreich an das Deutsche Reich »angeschlossen«. Für die jüdische Bevölkerung Wiens begann eine Zeit der Entrechtung und Gewalt, und Ruth hielt sie in ihrem Tagebuch fest. Sie musste die Schule verlassen, die Familie verlor ihre Gemeindewohnung. Beim Novemberpogrom 1938 wurde die 17-Jährige Zeugin, wie der Nazi-Mob in den Straßen Wiens wütete.
Die Familie tat, was damals viele jüdische Familien taten: Sie versuchte, wenigstens die Kinder in Sicherheit zu bringen. Ruths Schwester Judith fuhr am 10. Dezember 1938 mit dem ersten Kindertransport von Wien nach England. Die Mutter und die Großmutter folgten im April 1939. Ruth ging einen anderen Weg: Am 30. Januar 1939 kam sie mit dem Zug in Norwegen an. Sie wohnte bei der Familie des norwegischen Postbeamten Arne Strøm in Lillestrøm, östlich von Oslo.
Dass ausgerechnet Norwegen zur Falle werden würde, konnte damals kaum jemand ahnen.
Ein neues Leben in einer neuen Sprache
Ruth lernte schnell. Innerhalb eines Jahres sprach sie fließend Norwegisch. Sie besuchte eine Schule in Oslo und legte das »examen artium« ab, das norwegische Abitur. Doch am 9. April 1940 überfiel die deutsche Wehrmacht Norwegen. Das Land, das ihr Zuflucht bieten sollte, war plötzlich besetzt, und zwischen Ruth und ihrer Familie in England lag der Krieg.
Gunvor
Im Spätherbst 1940 lernte Ruth in einem Lager des freiwilligen Arbeitsdienstes in Biri die Norwegerin Gunvor Hofmo kennen. Gunvor war ein Jahr jünger als sie und wurde später eine der bedeutendsten Lyrikerinnen Norwegens. Die beiden wurden ein Paar. Sie suchten sich gemeinsam Unterkünfte und Arbeit an verschiedenen Orten, und Ruth schrieb in ihrem Tagebuch offen darüber, wie sehr sie Gunvor liebte. Gunvor Hofmo sprach später von Zwillingsseelen, von denen eine gestorben sei.
Ruth zeichnete, malte Aquarelle und schrieb Gedichte. Im Frühjahr 1942 stand sie dem berühmten Bildhauer Gustav Vigeland Modell. Seine Figur »Overrasket« (»Überrascht«) trägt ihren Körper, den Kopf formte Vigeland nach einem anderen Modell. Seit 2002 steht die Figur in Bronze im Osloer Frognerpark, zwischen über 200 anderen Skulpturen Vigelands. Wer heute durch den Park spaziert, geht vielleicht an Ruth Maier vorbei, ohne es zu wissen.
Der 26. November 1942
Im Herbst 1942 zog Ruth nach Oslo, in ein Wohnheim für junge Frauen in der Dalsbergstien. Dort verhafteten norwegische Polizisten sie am 26. November 1942. Noch am selben Tag wurde sie auf den deutschen Truppentransporter »Donau« gebracht, als eine von 529 jüdischen Männern, Frauen und Kindern. Das Schiff fuhr nach Stettin, von dort ging es weiter nach Auschwitz. Am 1. Dezember 1942 wurde Ruth Maier gleich nach der Ankunft in der Gaskammer ermordet. Sie war 22 Jahre alt.
Siebzig Jahre später, am 27. Januar 2012, entschuldigte sich der norwegische Ministerpräsident Jens Stoltenberg offiziell dafür, dass Norweger an der Verhaftung und Deportation der Jüdinnen und Juden beteiligt waren.
Was blieb
Ruths Mutter, ihre Großmutter und ihre Schwester entkamen nach England. Nur Ruth, die man in Norwegen in Sicherheit geglaubt hatte, überlebte nicht.
Geblieben sind ihre Worte. Gunvor Hofmo bewahrte Ruths Tagebücher mehr als fünfzig Jahre lang auf. 1953 versuchte sie, sie beim norwegischen Verlag Gyldendal unterzubringen, doch der lehnte ab. Erst nach Hofmos Tod 1995 fand der Dichter Jan Erik Vold die Hefte in ihrem Nachlass. Er nahm Kontakt zu Ruths Schwester Judith in England auf, die zwei weitere Tagebücher, Briefe und Familienfotos besaß. Zehn Jahre arbeitete Vold an der Ausgabe.
2007 erschienen Ruth Maiers Tagebücher in Norwegen, ein Jahr später auf Deutsch unter dem Titel »Das Leben könnte gut sein. Tagebücher 1933 bis 1942«. Inzwischen wurden sie in viele Sprachen übersetzt. Vold verglich Ruths Talent mit dem von Hannah Arendt und Susan Sontag. Manchmal wird sie auch »die norwegische Anne Frank« genannt. Der Vergleich liegt nahe und greift doch zu kurz: Ruth schrieb nicht nur als Kind, sondern fast zehn Jahre lang, bis sie eine junge Frau war, die liebte, zeichnete und dichtete.
2014 wurde ihr Nachlass mit Tagebüchern, Aquarellen, Zeichnungen und Fotoalben in das UNESCO-Programm »Memory of the World« aufgenommen.

Ihr Name heute
In Wien trägt ein (allerdings recht unspektakulärer - siehe Foto) Park ihren Namen, der Ruth-Maier-Park. In Oslo wurde 2020 der »Ruth Maiers plass« eingeweiht, in Lillestrøm ist eine Straße nach ihr benannt, und vor ihrem letzten Wohnort in Oslo liegt ein Stolperstein. Auf dem Grabstein ihrer Eltern auf dem Döblinger Friedhof steht auch Ruths Name. Seit 2022 steht das Grab unter der Obhut der Stadt Wien.
Und dann ist da das Musical »Briefe von Ruth« des norwegischen Komponisten Gisle Kverndokk (Buch und Liedtexte: Aksel-Otto Bull und Gisle Kverndokk). Es wurde 2023 im oberösterreichischen Gmunden uraufgeführt und lief 2025 an der Wiener Kammeroper. Beim Deutschen Musical Theater Preis gewann es vier Auszeichnungen, darunter die als bestes Musical. Im September 2026 wurde »Briefe von Ruth« vom Österreichischen Musiktheaterpreis außerdem als »beste Gesamtproduktion Musical« ausgezeichnet. Ruths Geschichte ist damit dorthin zurückgekehrt, wo sie begann: nach Wien.
Warum ich euch von ihr erzähle
Als Autorin berührt mich an Ruths Geschichte vor allem eines: Ihre Worte haben überlebt, weil jemand sie aufbewahrt hat. Gunvor Hofmo hätte die Hefte vergessen, verlieren oder vernichten können. Sie hat sie ein halbes Jahrhundert lang gehütet. Und ein anderer Dichter hat sie gelesen und zehn Jahre seines Lebens darauf verwendet, sie der Welt zu geben. Ohne diese beiden wüssten wir nichts von Ruth Maier. Sie wäre ein Name unter 529 auf einer Liste.
Ihre Tagebücher tragen auf Deutsch den Titel »Das Leben könnte gut sein«. Ein Satz im Konjunktiv. Für mich ist er eine Aufforderung: Namen auszusprechen und Geschichten weiterzuerzählen, damit Menschen wie Ruth nicht nur Zahlen bleiben.
Wenn ihr mehr über sie erfahren wollt: Lest ihre Tagebücher (leider nur noch antiquarisch erhältlich). Und wie immer gilt: Kennt ihr eine vergessene Frau, die in diese Rubrik gehört? Schreibt sie mir.
Übrigens: Es gibt Fotos von Ruth, ich habe aber keines gefunden, das ich rechtlich sicher hier auf dieser Webseite verwenden dürfte. Klickt gerne in die folgenden Links rein, da könnt ihr sie sehen.
Zum Nachlesen:
- Norwegisches Ruth Maier Archiv https://www.hlsenteret.no/english/documentation/ruth-maier/arkivet-etter-ruth-maier.html
- Biografie des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes (DÖW) https://www.doew.at/erinnern/biographien/spurensuche/ruth-maier-1920-1942-wien-oslo-auschwitz
- Ruth Maier im Wien Geschichte Wiki https://www.geschichtewiki.wien.gv.at/Ruth_Maier
- Ruth Maiers plass im Oslo byleksikon https://oslobyleksikon.no/side/Ruth_Maiers_plass
- »Das Leben könnte gut sein« bei Perlentaucher https://www.perlentaucher.de/buch/ruth-maier/das-leben-koennte-gut-sein.html
- Zum Musical »Briefe von Ruth« (Musik & Bühne) https://www.musikundbuehne.de/aktuelles/details/preisgekroent-und-zeitgemaess-briefe-von-ruth.html