Klischees – ja oder nein?

Ich gestehe es: Ich liebe Klischees. Zumindest manche. Sie sind wie vertraute Gewürze – wir kennen sie, wissen, was sie bewirken, und genießen trotzdem jede Nuance. Aber natürlich gibt es auch die Sorte, bei der ich sofort die Augen verdrehe. Das Gleiche gilt auch für Tropes, die ja im Grunde wiederkehrende Motive sind, die auf den gängigsten Klischees eines Genres basieren. Daher verwende ich diese Begriffe für diesen Text auch weitgehend synonym (selbst wenn das nicht ganz korrekt ist). Und ich beschränke mich im Weiteren ausschließlich auf Liebesromane – weil da die Klischee- und Trope-Dichte besonders hoch ist und man mit selbigen auch ganz wunderbar spielen kann.
Trommelwirbel für meine höchst subjektive Liste mit den fünf Klischees, die ich immer wieder gern lese, und den drei, die ich konsequent meide.
5 Klischees, die ich liebe
1. Erst keilen, dann küssen (aka. Enemies/Haters ot Lovers)
Dieses Klischee ist für mich wie ein Garant für prickelnde Dynamik. Zwei Figuren, die sich anfangs nicht ausstehen können, liefern sich hitzige Wortgefechte, lassen keine Gelegenheit aus, den anderen zu reizen – und merken dann langsam, dass sie mehr verbindet, als sie wahrhaben wollen. Ich liebe diesen Moment, wenn aus bissigen Bemerkungen kleine Andeutungen werden, aus Blickduellen ein heimliches Lächeln, und plötzlich ist die Grenze zwischen Hass und Anziehung gefährlich dünn.
In meinen Geschichten gibt’s dieses Motiv häufig in den unterschiedlichsten Schärfegraden. Besonders gern mag ich die Version von Kiona und Reed in »Insel der Wale – Lebe, als gäbe es kein Morgen«. Sie ist Lehrerin (ausgerechnet von Reeds Tochter), sehr woke und scheinbar ziemlich zugeknöpft, er ist verwitweter Single-Dad, Wissenschaftler und Veranstalter von Walbeobachtungstouren. Sie finden einander erst unerträglich, dann unwiderstehlich ...
2. Das unerwartete Erbe
Ein abgelegenes Cottage in den Highlands, ein verstaubtes Stadthaus voller Geschichte oder eine heruntergekommene Buchhandlung in einer Küstenstadt – ich mag Geschichten, in denen ein Erbe nicht nur Besitz, sondern auch ein neues Leben bedeutet. Meist kommen mit den geerbten Schlüsseln auch ungelöste Familiengeheimnisse, neue Bekanntschaften (von skurril bis charmant) und vielleicht sogar eine Liebe, die man an diesem Ort nie gesucht hätte.
Ja, es ist in der Regel total vorhersehbar, aber ... hachz ... es funktioniert (fast) immer! In meinem Debüt »Mopsküsse« erbt Antonella ein Haus – und etliche Bedingungen (u.a. muss sie den Mops der verblichenen Tante bis ans Ende seiner Tage päppeln). Das Buch gibt’s inzwischen unter dem neuen Titel »Hugo’s Affairs – Wie war das mit den zauberhaften Anfängen?« und enthält auch starke »Haters to Lovers«-Vibes, denn Antonella hasst anfangs den Anwalt ihrer verstorbenen Großtante mehr als ihm lieb ist ...
3. Erzwungene Nähe (Schneesturm, nur ein Bett ...)
Schneestürme haben für mich eine fast magische Anziehungskraft – zumindest in Büchern. Wenn zwei Menschen gezwungen sind, in einer Hütte, einem Hotel oder einem kleinen Dorf auszuharren, entsteht automatisch eine besondere Atmosphäre: draußen tobt das Wetter, drinnen wird es warm und persönlich. Ob das nun Kaminfeuer, Kakao oder das Teilen einer viel zu kleinen Decke ist – die Kombination aus erzwungener Nähe und romantischer Kulisse wirkt einfach.
Tatsächlich habe ich selbst noch keinen Schneesturm bemüht, wohl aber diverse Unwetter. Unter anderem in »Island Dreams – Der Garten am Meer«, wo sich Pippa und Harry in einer turbulenten Sturmnacht in seinem Cottage auf der Scilly-Insel Bryher näherkommen. Ganz ohne mieses Wetter, aber mit ähnlichem Klischee funktioniert die Annäherung zwischen Robin und Sky in »Robin – High in the Sky«. Die beiden landen nämlich unfreiwillig in einer WG in San Francisco.
4. Die zweite Chance
Liebe beim zweiten Versuch hat für mich einen besonderen Reiz, weil die Figuren eine gemeinsame Vergangenheit mitbringen. Da gibt es Verletzungen, Missverständnisse, vielleicht auch unausgesprochene Sehnsüchte – und jetzt, Jahre später, stehen beide an einem anderen Punkt im Leben. Ich genieße es, wenn langsam klar wird, dass alte Gefühle noch glimmen und nur darauf warten, neu entfacht zu werden.
Lupenrein habe ich dieses Trope in »Highland Happiness – Die Glückskuh von Kirkby« verarbeitet. Adley und Michael waren schon während ihrer ganzen Kindheit befreundet und kommen sich mit zarten vierzehn Jahren näher – doch dann wandert Adleys Familie nach Neuseeland aus. Zwanzig Jahre später kehrt sie zurück (sie hat den Hof ihres Großvaters geerbt) und die Gefühle flackern wieder auf.
Eine Variante dieses Motivs ist auch »Tausendmal berührt, tausendmal ist nichts passiert ...«. Freunde, die zu Liebenden werden mag ich ebenfalls sehr und habe dieses Klischee in »Highland Happiness – Die Schreinerei von Kirkby« aufs Papier gebracht. Ex-Profifußballerin Susan und Schreiner Davie sind die engsten Freunde, bis er sie bei einer Hochzeit im Schnee (klingelt was?) plötzlich mit ganz anderen Augen sieht.
5. Gegensätze ziehen sich an
Ich mag es, wenn zwei Welten aufeinandertreffen: die ordnungsliebende Planerin und der spontane Lebenskünstler, die Pragmatikerin und der Träumer, der Städter und die Landliebhaberin. Diese Kontraste bringen nicht nur Humor, sondern auch Wachstum – beide lernen, die Perspektive des anderen zu schätzen, und am Ende ist es genau diese Mischung, die sie stark macht.
In dieselbe Kerbe schlägt auch das »Grumpy meets Sunshine«-Trope, also ein Brummbär (oder eine Bärin) und ein totaler Sonnenschein. Im wahren Leben mag das Motto »gleich und gleich gesellt sich gern« für eine stabilere Partnerschaft sorgen, für einen Roman sind Gegensätze einfach spannender.
Ehrlich gesagt ist das vermutlich das Klischee, das ich selbst am häufigsten in meinen Geschichten nutze. Zuletzt in »Highland Happiness – Die Bücherstube von Kirkby«, wo sich die geheimnisvolle, elegante Buchhändlerin Grizel in den spröden, hemdsärmeligen Schäfer Ewan verknallt. Aber ganz ehrlich, wenn man genauer hinsieht, wird man in fast jedem meiner Romane mit Variationen dieses Klischees konfrontiert.
3 Klischees, die ich meide
1. Das »Alles war nur ein Missverständnis«-Drama
Konflikte sind wichtig – aber bitte nicht solche, die sich in einem Satz auflösen lassen. Wenn die gesamte Spannung darauf beruht, dass Figuren einfach nicht miteinander reden, verliere ich als Leserin schnell die Geduld. Kommt mir auch als Autorin nicht in den Plot!
2. Die naive Heldin ohne eigene Ziele
Ich möchte Figuren, die für etwas brennen – und zwar auch ohne Love Interest. Eine Heldin, deren einziger Lebensinhalt es ist, den Richtigen zu finden, wirkt auf mich blass und austauschbar. Vor allem dann, wenn sie schlimmstenfalls sogar noch von ihm gerettet werden muss! Uaaaagh!
3. Der »verführerische Bad Boy, der durch die Liebe gezähmt wird«
Ein geheimnisvoller Charakter mit Ecken und Kanten? Ja, bitte. Aber die Vorstellung, dass eine einzige Liebesgeschichte tiefsitzende Probleme oder fragwürdiges Verhalten einfach wegzaubert, ist für mich nicht romantisch, sondern unrealistisch. In Kombination mit gewalttätigen Sexpraktiken und toxischen Zügen sogar regelrecht gefährlich. Man reiche mir eine Kotztüte!
Fazit
Ich liebe es, mit Klischees zu spielen und sie (gelegentlich) zu brechen – vor allem, wenn dann etwas ganz Neues, Unerwartetes entsteht. Natürlich ist meine persönliche Hit- und Shit-Liste nicht vollständig. Mir würden für beide Seiten noch mehr An- und Abtörner einfallen, aber jetzt seid ihr dran:
Welche Klischees liebt ihr in Liebesromanen? Und welche treiben euch in den Wahnsinn? Schreibt mir gern eine Mail an post@carinmueller.de oder kommentiert auf Social Media und erzählt mir von euren Favoriten – vielleicht landen sie ja in einer zukünftigen Fortsetzung.