Carin Müller bloggt ...

Schreibmythos: Geschichtenerzählerin

Bildbeschreibung: dunkelhaarige Frau mit einem Buch vor eine fantasievollen bunten Hintergrund

Karl Valentin soll einst gesagt haben: »Es ist schon alles gesagt, nur noch nicht von allen.« Ein gleichermaßen tröstlicher wie verstörender Gedanke finde ich. Auf die Zunft der Schreibenden gemünzt könnte man den Spruch folgendermaßen adaptieren: »Es ist schon alles geschrieben, nur noch nicht von jedem.«

Auch das ist eine Wahrheit. Es gibt nur eine endliche Zahl an möglichen Plots, aber unendliche Variationen davon – und das ist Fluch und Segen. Ich komme nämlich langsam in ein Alter, wo ich mir sehr genau überlegen muss, welche Geschichten ich noch erzählen möchte – und in wie viele Variationen. Derzeit komme ich auf etwa drei bis vier neugeschriebene Romane pro Jahr, eine Schlagzahl, die ich im Moment relativ angenehm finde, die aber vermutlich nicht dauerhaft durchhaltbar ist. Wie viele Geschichten werde ich also noch erzählen können?

Im Moment umfasst mein Werk an die 40 Romane, und ja, diese Zahl ist vage, weil die Zählweise gar nicht so einfach ist. Einige Bücher gibt es nicht mehr in ihrer Originalversion, andere gar nicht mehr. Aus einer siebzehnteiligen Reihe wurden vier Bände und mit den Übersetzungen will ich gar nicht anfangen. Aber 40 ist eine Zahl, die einen sinnvollen Kompromiss darstellt.

Genretreue

Wenn ich mir diese 40 Titel ansehe, fällt auf, dass es in meinem Portfolio eine starke Marke gibt (Charlotte McGregor mit den Kirkby-Romanen), ansonsten aber ein vermeintlicher Gemischtwarenladen herrscht: romantische Komödien, witzige Regionalkrimis (die man glücklicherweise der McGregor durchgehen lässt), ziemlich explizite Knister-Liebe von Charlotte Taylor (u.a. die oben erwähnte siebzehnteilige Reihe), ein witziger Hunderoman, eine anrührende Alzheimergeschichte, ein paar Geschichten, die sich fast gar nicht klassifizieren lassen und jetzt kommt bald auch noch ein Drachenroman dazu. Ernsthaft: Drachen!

Im nächsten Jahr erscheint dann endlich auch noch das lange erwartete Hardcover-Geheimprojekt bei Goldmann, das vielleicht nicht als Literatur zu bezeichnen ist (jedenfalls nicht nach den deutschen E- und U-Standards), aber doch »anspruchsvoller« ist als die meisten anderen Geschichten. Ach ja – ein Ratgeber für Autor*innen ist auch gerade in der Mache (denn darauf hat die Welt natürlich gewartet – ehrlich, mir ist die Ironie bewusst, ich hoffe trotzdem, dass es hilfreich sein wird).

Dass dieser wilde Themenmix aus Vermarktungsgründen nicht die schlaueste Idee ist, versteht sich wohl von selbst. Dass ich nicht aus meiner Haut heraus kann, bleibt allerdings auch eine Konstante. Daher möchte ich an dieser Stelle meinen Artikel »Autor bleib bei deinem Genre« erwähnen. Er ist zwei Jahre alt, hat aber an Aktualität nichts eingebüßt – wenn man davon absieht, dass ich damals weder an Literatur, noch an Ratgeber oder paranormale Geschichten auch nur gedacht habe ...

Ideenflut statt Schreibblockade

Während erstaunlich viele Kolleg*innen über Schreibblockaden klagen, oder schlicht an einem Mangel an zündenden Einfällen leiden, fühle ich mich oft regelrecht von der schieren Flut an Ideen überrollt. Es gibt so unendlich viele Themen, Aspekte, Gedanken, die ich unglaublich gerne noch in Worte kleiden möchte. Womöglich sind all diese Dinge schon erzählt worden – aber eben noch nicht von mir. Oder vielleicht auch schon von mir, aber dann doch nicht in genau der Version, die mir jetzt vorschwebt.

Viele Jahre habe ich mich selbst als Liebesromanautorin bezeichnet, die ihre Leserschaft mit Happy-End-Geschichten glücklich machen aber nicht überfordern möchte. Das ist zum großen Teil immer noch meine Prämisse, weil ich ja auch selbst Leserin bin und mir genau diese Dinge wünsche. Blöderweise habe ich mich aber schon von Anfang an nie an die angeblich so unumstößlichen Genrekonventionen gehalten.

Stattdessen bin ich immer an die Grenzen des (für mich) Denkbaren gegangenen und habe (für mich) neue Wege ausgetestet. Und ich bin unglaublich dankbar, dass es inzwischen so viele Menschen gibt, die diese manchmal nicht ganz vorhersehbaren Wege mit mir gehen und meine Romane kaufen, lesen und lieben. Das ist ein großes Geschenk.

Trotzdem klebte das Label »Liebesromanautorin« an mir. Und nicht falsch verstehen, ich LIEBE die Liebe und liebe es bis heute, darüber zu schreiben.

Allerdings sind mir irgendwann ein paar Dinge bewusst geworden:
1. Mich interessiert nicht nur die Lovestory des Pärchens, sondern vor allem auch ihre Hintergründe, ihr Umfeld, ihre Familien und Freundschaften.
2. Mich interessiert die Psychologie der Figuren. Warum tun sie, was sie tun? Was bewegt sie? Wie kann ich ihnen helfen?
3. Mich interessieren so viele andere Themen, die in einem Liebes- oder Wohlfühlroman einfach nicht unterzubringen sind (egal, wie weit ich die Grenzen ausdehne).

Bis ich mir selbst die offizielle Erlaubnis gegeben habe, neue Dinge auszuprobieren, hat es etwas gedauert, denn zunächst musste ich die kleine innere Stimme zum Schweigen bringen, die mir einflüsterte: »Als Schnulzentante kannst du nix anderes schreiben!« Nicht, dass ich das WIRKLICH geglaubt habe, aber ... doch ... irgendwie schon.

Authentizität

Doch dann habe ich mir und der Welt bewiesen, dass ich auch Krimis kann (sogar, ohne sie vorher zu plotten, was ja angeblich unmöglich sein soll) – in wenigen Wochen erscheint bereits der dritte Highland-Crime-Band.

Ich habe mir und der Welt bewiesen, dass ich einen großen Publikumsverlag von einem »anspruchsvolleren« Thema so überzeugen kann, dass er diese Geschichte als Hardcover herausbringt – und mir einen Folgevertrag anbietet, ehe das erste Buch überhaupt erschienen ist.

Ich habe mir und der Welt bewiesen, dass ich mit einem Co-Autor (danke, lieber Christian) einen paranormalen Krimi schreiben kann (Appletree Murders) – der nächste Band ist schon in Arbeit.

Ich habe mir und noch nicht der Welt, aber den kritischen Augen von Fachkolleg*innen bewiesen, dass ich auch einen lupenreinen Urban-Fantasy-Roman mit Drachen schreiben kann! Die Welt kann sich ab dem 5. Dezember davon überzeugen oder sich mit »Der Drache im Fabergé-Ei« einen kleinen Vorgeschmack gönnen.

Vielleicht werde ich irgendwann auch mal einen historischen Roman schreiben? Einen Thriller? Keine Ahnung. Ausschließen möchte ich gerade gar nichts mehr, denn es macht mir einfach unglaublich viel Freude, immer weitere Facetten an mir selbst und an meinem Schreiben zu entdecken – und sie mit meiner Leserschaft zu teilen. Mir ist klar, dass da nicht alle mitgehen werden, aber ich muss mir einfach die Erlaubnis zum Wachsen geben dürfen. Ohne dabei meine Wurzeln (und Kirkby) aus den Augen zu verlieren.

Wie kann ich bei all diesen Unterschieden (und den immer neuen Pseudonymen) überhaupt noch authentisch bleiben? Diese Frage hat mir neulich eine Kollegin gestellt. Die Antwort ist simpel und gleichzeitig komplex. Ich beschränke mich hier auf die einfache Version: Selbstverständlich geht es! Ich schreibe all diese unterschiedlichen Geschichten – und zwar immer mit meiner eigenen Definition von Authentizität.

Darüber habe ich vor gut zwei Jahren bereits ebenfalls einen Artikel geschrieben. Nachlesbar unter »Schreibmythos: Authentitzät«.

Was bedeutet das für die Zukunft?

Es ist also relativ wahrscheinlich, dass ich auch in den nächsten Jahren experimentierfreudig bleiben werde. Dass ich meine persönlichen Grenzen weiter ausdehne und Pfade betrete, die mich gerade besonders anlachen. Diese Pfade können mich nach Kirkby führen, zu Walen, zu Drachen, zu modernden Fassleichen oder zu ganz anderen Dingen, von denen ich gerade noch nichts ahne.

Vielleicht kommen auch weitere Pseudonyme hinzu – demnächst werde ich hier auf der Webseite auf jeden Fall schon C.C. Ravenmiller für die Fantastik und die neue Charlotte fürs Anspruchsvolle ausführlich präsentieren. Es wird also definitiv noch muckeliger in meiner inneren Autorinnen-WG zugehen, weil ich den verschiedenen Stimmen gerne Raum geben möchte. Nach außen mag es also scheinen, dass ich viele bin, aber in Wirklichkeit steckt immer nur Carin dahinter.

Zum Thema Pseudonyme hat mich kürzlich auch die wunderbare Sissi Steuerwald interviewt.

Wie weiter oben schon erwähnt, ist mir durchaus bewusst, dass mich längst nicht alle Fans auf allen Wegen begleiten werden und ich weiß auch, dass es finanziell viel schlauer wäre, ich würde mich auf eine Marke und eine Art von Geschichten konzentrieren – doch das wird nicht klappen. Ich habe das inzwischen akzeptiert, inklusive aller negativen Implikationen, aber nur die Vielfalt macht mich beim Schreiben wirklich glücklich. Und so werden wohl auch die nächsten zehn, zwanzig, dreißig, vierzig Romane ein bunter Strauß an Geschichten werden.

Denn das ist es, was ich bin: Ich bediene keine Schubladen, ich bin Geschichtenerzählerin!

Und wenn man die Genreanteile, die äußere Handlung, die Action all dieser Geschichten wegstreicht, bleibt der Kern, der über alle Bücher konstant ist: Ich schreibe immer über Beziehungen und darüber, was die Figuren bewegt und antreibt. Denn genau diese Dinge interessieren mich auch im echten Leben.