Carin Müller bloggt ...

Social Media Ausstieg

Warum ich 2026 weitgehend aus Social Media aussteigen werde

Ich habe keine Lust mehr auf Social Media! Also im Sinne von ÜBERHAUPT KEINE LUST MEHR! Mit TikTok bin ich nie sonderlich warm geworden, Twitter (oder X) habe ich, Elon sei Dank, schon länger den Rücken gekehrt und Facebook und Instagram finde ich einfach nur noch ermüdend.

Während ich früher wirklich gerne durch die Feeds gescrollt bin und mich über Updates von Freund*innen und Buchmenschen gefreut habe, sehe ich auf Facebook jetzt eigentlich nur noch Werbung (vor allem Abnehm-Tipps, vielen Dank auch) und gähnend langweilige Posts. Instagram ist ein bisschen besser, denn da zeigt mir der Algorithmus vor allem putzige Tiervideos (Esel!!, Pferde, Hunde, Wale und Stachelschwein Rico) und schottische Landschaften. Das ist hübsch, aber auch nicht so beeindruckend, dass ich länger verweilen möchte.

Meine eigenen Posts, die es derzeit übrigens noch sehr regelmäßig auf sämtlichen Kanälen gibt, verlieren gefühlt von Tag zu Tag an Sichtbarkeit. Kaum jemand interagiert damit – oder kommt auf die Idee, sich zu einem Buchkauf veranlasst zu fühlen. Dabei gebe ich mir wirklich viel Mühe mit meinen Auftritten oder anders formuliert: Ich bezahle meine wunderbare Assistentin Pia dafür, sich viel Mühe damit zu geben. Doch wofür?

Die Bilanz nach 16 Jahren Social Media

Ich habe mich 2009 auf Facebook angemeldet, wenig später auf Twitter und als Instagram kam, gleich auch dort. Es war für mich nie die ganz große Liebe, aber ich habe andererseits auch wirklich tolle Erfahrungen gemacht.

Die allermeisten Kontakte aus meiner persönlichen Buch-Community – seien es Lesende oder Kolleg*innen – habe ich über Facebook kennengelernt. Aus diesen zunächst losen Verbindungen sind zum Teil wirklich langjährige Freundschaften entstanden. Dafür bin ich sehr dankbar, denn ich glaube nicht, dass ich den Großteil dieser Leute einfach so in freier Wildbahn kennengelernt hätte.

Tatsache ist aber auch, dass seit Jahren kaum noch neue, intensive Kontakte dazukommen. Also warum der Aufwand? Weil »man« es tun muss? Wegen der Sichtbarkeit? Während der niederschwelligen Kontaktmöglichkeiten? Wegen »weil es halt alle machen«?

Scrolle ich länger als drei Minuten auf Facebook oder Instagram herum, lande ich zuverlässig auf irgendeinem kontroversen Post, der von Internet-Trollen noch kontroverser mit Kommentaren zugepflastert wird und mir wirklich richtig miese Laune macht. Muss man das haben? Ich nicht. Ich merke ganz deutlich, je weiter ich mich davon entferne, desto besser geht es mir.

Wenn der Algorithmus dein Leben bestimmt

Ich weiß nicht, wie viele Social-Media-Kurse, -Workshops und -Seminare ich in den letzten Jahren besucht habe, aber in allen geht es um so markige Schlagworte wie »werde zu deiner eigenen Marke«, »du musst den Algorithmus füttern« oder »Authentizität ist der Schlüssel«. So Zeugs halt. Gerne auch mit der Aufforderung, »einen cleanen Feed zu pflegen« oder »überlege dir gut, welches Designschema du nutzen willst«.

Von den ständig wechselnden Foto- und Videoformaten ganz zu schweigen. Überhaupt Video: Mit oder ohne Sound? Mit oder ohne Text? Quer- oder Hochformat? Was trendet gerade auf TikTok? Was ist »sooooo yesterday«?

Ehrlich, da möchte ich mir einfach nur zwei Finger in den Hals schieben und in schillernden Farben abkotzen. Denn eines ist klar: Mit Authentizität hat das alles wirklich gar nichts zu tun.

Von FOMO zu JOMO

Ich will ehrlich sein – FOMO kenne ich gut. Für alle beneidenswert Uneingeweihten: FOMO steht für »Fear of Missing Out«, also für die Angst, etwas zu verpassen. Was, wenn ich nicht auf allen Plattformen präsent bin? Könnte ich wichtige Dinge übersehen oder noch viel schlimmer – können die wichtigen Dinge (aka Bloggende, Buchkäufer*innen, Meinungsmenschen) am Ende MICH übersehen? Geht gar nicht, also rein ins Hamsterrad.

Doch unter uns – es geht sehr wohl. Es geht sogar ganz wunderbar, denn außer den tollen Leuten, die ich vor zehn bis fünfzehn Jahren zufällig auf Social Media getroffen habe, ist mein Leben nicht schlechter oder besser, wenn ich auf Instagram herumscrolle oder nicht. Wobei, nein: Es ist definitiv schlechter, wenn ich viel Zeit dort verbringe.

Daher feiere ich seit einiger Zeit das neue Motto JOMO – oder auch »Joy of Missing Out«, also die Freude, etwas zu verpassen! Es ist so unglaublich erleichternd, nicht immer überall dabei sein zu müssen. Nicht immer und überall präsent sein zu müssen. Nicht jeden gottverdammten Scheiß mitmachen zu müssen.

Newsletter statt Newsfeed

Dabei schätze ich den Kontakt zu meiner »crowd«, also meinen Fans, Freund*innen, Kolleg*innen, meiner Leserschaft. Und ich präsentiere mich auch gerne sehr persönlich und authentisch.

Beispielsweise hier auf diesem Blog. Da gibt’s seit vielen Jahren jeden Montag einen neuen Artikel zu einem Thema, das mich gerade umtreibt. Das hat oft mit Büchern zu tun, manchmal aber auch mit ganz anderen Dingen. Passt das in einen »cleanen, klar strukturierten und inhaltlich eindeutig definierten« Social-Media-Feed? Nein. Will ich darauf verzichten? Ebenfalls nein. Denn ich bin eben nicht so eindimensional, wie ich es offensichtlich sein müsste. Ich bin vielseitig interessiert, meinungsstark und bunt. Und hier kann ich es sein.

Genauso auf in meinem Podcast! Seit über sechs Jahren quatsche ich mit Christian Raabe alle vierzehn Tage in »Der literarische Saloon« über die Dinge, die uns bewegen – ungeschnitten und wie uns die Schnäbel gewachsen sind. Das ist nicht immer wahnsinnig »relevant« (machen wir uns nichts vor, ist es selten) oder total inspiriert oder irre originell, aber es ist immer echt. Und menschlich.

Und ganz besonders liebe, hege und pflege ich meine beiden Newsletter! Im »Dienstags-Update« gibt es alle zwei Wochen recht ausführlich die Neuigkeiten aus meiner kleinen Autorinnen-WG. Ich schreibe darin (ähnlich wie im Blog) über Themen, die mich bewegen, jammere über Deadlines, klage über meinen Terror-Terrier und freue mich über Bücher (meine eigenen und die von anderen tollen Autor*innen). Dabei entspannt sich häufig ein sehr inniger Dialog mit den Leuten, denn jeder, der mir schreibt, bekommt auch eine Antwort. Versprochen.

In meinen »Letters from Kirkby« lade ich alle Schottland-Enthusiasten auf eine kostenlose, virtuelle Reise durch unser gemeinsames Lieblingsland ein. Wir entdecken dabei schräge Bräuche, probieren Haggis & Whisky, streifen durch die Highlands und lernen nebenbei auch Kirkby kennen, mein kleines – leider erfundenes – Paradies, in dem eine höchst eklektische Mischung an Menschen lebt. Die erfreulicherweise auch viele meiner Romane bevölkern.

Seit ein paar Monaten betreibe ich auch noch einen WhatsApp-Kanal, den ich vor allem für schnelle Quatschigkeiten zwischendurch nutze: für Schnappschüsse von meinem Hund, meinem destruktiven Miese-Laune-Kalender, meinen Handarbeiten und manchmal auch von mir selbst. Ich mache Umfragen, bejuble meine Schreibfortschritte und zeige alles, was für die Newsletter zu trivial wäre, mir zwischendurch aber gute Laune bereitet. Auch da bin ich ganz ich selbst.

Der Mut zur digitalen Askese

Ich werde übrigens nicht komplett verschwinden. Ich werde (vorerst) keinen meiner Accounts schließen, ich werde mich einfach noch weiter zurückziehen und mich weitgehend darauf beschränken »Evergreens« zu posten, also Themen, die nie an Aktualität verlieren (davon habe ich Tonnen) und auf Neuerscheinungen hinzuweisen. Natürlich werde ich auch weiterhin regelmäßig (wenn auch nicht täglich) meine Nachrichten checken und auf Anfragen und Kommentare antworten.

Selbst Facebook bleibe ich treu, denn dort gibt es einige tolle Gruppen, die wirklich hilfreich sind und die ich nicht missen möchte. Aber ich werde ab spätestens 2026 keinen hohen Aufwand mehr betreiben, nicht mehr um Sichtbarkeit buhlen und nicht mehr überall mitmischen müssen.

Diese digitale Askese werde ich dafür nutzen, meine Energie in Dinge zu stecken, die mir wirklich etwas bedeuten: meine eigenen Plattformen (Webseite, Blog, Newsletter) zu pflegen und den echten Kontakt zu Lesenden via E-Mail zu halten. Ach ja, und vielleicht einfach etwas mehr Zeit zum Schreiben zu haben. Wäre doch auch keine ganz doofe Idee, oder?

Vielleicht werde ich dann nicht mehr »relevant« sein, aber ganz sicher werde ich einfach ICH sein. Im Guten wie im Schlechten.

Kleine Anmerkung zum Schluss:

Ich schreibe diese Zeilen im August 2025. Natürlich kann sich bis zum Jahreswechsel noch einiges ändern. Womöglich auch meine Einstellung zum Thema Social Media. Wir werden es sehen. Ich nehme mir jedenfalls vor, rund um den Jahreswechsel noch einmal auf meinen Vorsatz zurückzukommen und ein Update zu verfassen.