Meine Meerschreibzeit 2025

24.11.2025
Antje Backwinkel, Carla Capellmann, Caroline Macher, Hammamet, Innenschau, Karin Koenicke, Meerschreibzeit, Retreat, Schreiben am Meer, Schreibretreat, Tunesien
Anfang August 2025. Ich steckte mittendrin im wohl wahnwitzigsten Manuskript meiner bisherigen Autorinnen-Laufbahn: Mein Band der »Ordo Draconis«-Reihe (»Prophezeiung« erscheint übrigens am 5.12., nur für den Fall ...) musste DRINGEND fertig werden, damit Kollege Raabe (die zweite Hälfte von »Ravenmiller«) den Staffelstab übernehmen konnte. Nie hatte ich weniger Zeit für ein Manuskript, selten habe ich mich genremäßig derart verloren gefühlt – und kaum einmal hatte ich so viel Spaß mit einer Geschichte wie mit meinem kleinen Drachen.
Allerdings habe ich in dieser Zeit auch kaum geschlafen und war in der Rückschau betrachtet, dem Wahnsinn näher als allem anderen. Dann schreibt mir meine Kollegin Karin Koenicke Anfang August folgende Nachricht: »Noch ganz was anderes: Da für dieses Jahr bei uns kein Urlaub geplant ist und mich der Umbau meines uralten Elternhauses komplett in den Wahnsinn rutschen lässt, gönne ich mir im November ein Schreibretreat in Tunesien. Meerschreibzeit.de! Stina hat mich angefixt. Ich dachte, ich schreib’s dir mal, falls du zufällig auf sowas Lust hast.«
Meerschreibzeit? Klang toll. So toll, dass ich nach einem oberflächlichen Scan der Webseite beschlossen habe, dass ich da unbedingt hin muss! Dass ich eine Auszeit brauche. Abstand. Sonne im Herbst. Nach einer weiteren schlaflosen Nacht habe ich mir Angebote eingeholt und am nächsten Morgen hatte ich gegen fünf Uhr die Reise gebucht. Der Mann war ein bisschen irritiert, als ich ihn zwei Stunden später zur üblichen Aufstehzeit vor vollendete Tatsachen gestellt habe, aber er kennt mich zum Glück lange genug, um sich noch groß zu wundern.
Mehr Schreibzeit bei der Meerschreibzeit?
Es war gebucht und gleich wieder mental zu den Akten gelegt, denn ich hatte ja zu tun. Sooooo viel zu tun. Und leider hat längst nicht alles davon Spaß gemacht, wobei ich zugeben muss, dass der meiste Stress selbstgemacht war. Denn sind wir mal ehrlich, man könnte schon drauf kommen, dass auch Veröffentlichungen von Übersetzungen Arbeit machen. Hatte ich aber nicht auf dem Schirm, was entweder auf einen sehr blinden Fleck zurückzuführen ist oder auf eine milde Form von Größenwahn, denn hey, wie kompliziert kann das schon sein? Dito die oben erwähnte Drachengeschichte, die eigentlich überhaupt nicht in mein Portfolio passt.
Wenig hilfreich waren dann auch noch diverse private und tatsächliche Baustellen (Wohnungsentrümpelung bei den Schwiegereltern, Wasserschaden in der eigenen Bude) und meine persönliche Tendenz die Arbeitstage immer mit 120% zu befüllen, statt mit nur 60%, wie von allen Zeitmanagements-Expert*innen aus guten Gründen empfohlen wird. Doch siehe oben – solche Regeln gelten nur für andere Leute, nicht für mich. Ich wuppe das locker!
Tu ich nicht, wie sich herausstellte. Und so war ich plötzlich ziemlich spät dran mit meinem nächsten Projekt: »Die Sternwarte von Kirkby« stand an. Und soll im März 2026 veröffentlicht werden. Aus Gründen, die ich bis heute nicht nachvollziehen kann, habe ich das Buch aber immer noch nicht vorbestellbar gemacht – ganz gegen meine sonstige Gewohnheit. Ändert aber nichts an meinem inneren Drang, den Termin trotzdem einzuhalten.
Doch die Wochen gingen ins Land, die Arbeit türmte sich weiter – und kein Wort für die Sternwarte. Dafür würde die Meerschreibzeit gut sein, redete ich mir ein. Die könnte man ja auch als »mehr Schreibzeit« interpretieren, oder?
Also reiste ich am 8. November an mit dem Vorsatz, in meiner Zeit in Tunesien mindestens 30.000 Wörter zu schreiben. Das entspricht einem knappen Drittel der üblichen Länge meiner Highland-Happiness-Romane (ca. 500 Taschenbuch-Seiten).

Autorinnen-Trio mit Visionen
Antje Backwinkel, Carla Capellmann und Caroline Mascher – drei erfahrene Autorinnen, Lektorinnen, Journalistinnen und Coaches – hatten vor einiger Zeit den gemeinsamen Traum von »Schreiben, Leben, Lachen am Meer«. Daraus ist die Meerschreibzeit in einer Clubanlage bei Hammamet an der tunesischen Mittelmeerküste entstanden. Drei Wochen im November begleiten sie Autor*innen bei ihren Projekten, geben Hilfestellungen und schaffen eine Atmosphäre, in der alles kann, aber nichts muss.
Zum Einstieg bekommt jede Teilnehmerin (natürich auch der einzelne Teilnehmer) ein ausführliches Gespräch mit dem engagierten Trio, in dem sie ihr Projekt vorstellen, ihre Problemfelder aufzeigen und ihre Ziele definieren kann. Für viele Kolleginnen war dieses Gespräch ein großer Aha-Moment, häufig sogar ein Wendepunkt, doch ich wusste nicht so recht, worüber ich mit den dreien reden sollte. Eher nicht über mein Manuskript. Damit hatte ich noch nicht angefangen und da ich vorher nie plotte, konnte ich auch nicht viel darüber sagen. Ich war (und bin) mir aber sicher, dass ich es ohne größere Probleme bewältigen werde. Ich brauche nur ein bisschen Zeit dafür. »Nur« und »ein bisschen Zeit« – ja, ich lache selbst ...
Stattdessen habe ich das Gespräch dafür genutzt, von meiner sonstigen Überforderung zu erzählen, von den gefühlt tausend Projekten, die alle wie bei einem Meisterjongleur in der Luft gehalten werden wollen und den vielen Variablen, die ich noch gar nicht richtig einpreisen kann. Mal abgesehen von der Tatsache, dass ich ja auch nicht wirklich gut darin bin, die bekannten Dinge angemessen einzuplanen – siehe oben.
Antje, Carla und Caro haben meinen Wortschwall mit Contenance, viel Mitgefühl und leichter Verzweiflung über sich ergehen lassen und es auch mit bewundernswerter Geduld ertragen, dass ich all ihre vorsichtig vorgebrachten Änderungsvorschläge mit einer deftigen Rückhand abschmetterte. Schließlich war (bin?) ich überzeugt davon, dass ich die Bredouille, in die ich mich selbst hineinmanövriert habe, jetzt einfach ertragen muss und frühestens 2027 Änderungen vornehmen kann.
Schreiben und Innenschau
Es gibt wenig, was mich so motiviert, wie Dinge zu erledigen. Deshalb liebe ich auch To-do-Listen so sehr, denn es befriedigt mich zutiefst, Aufgaben abhaken zu können. Und meine Listen sind lang. Meist zu lang (aber ich bin ja die 120%-Frau und Schlaf wird schließlich überbewertet), doch dafür ist der Dopamin-Kick noch viel größer, wenn ich sie trotzdem schaffe.
Also habe ich getan, wofür ich gekommen bin. Habe mich jeden Morgen um spätestens neun Uhr in den wunderbaren Schreibsaal an meinen Tisch mit Meerblick gesetzt und geschrieben. Ich habe jeden Tag mein Schreibziel erreicht, war fast jeden Tag beim Sport und am Strand (ja, auch das waren To-Dos in meinem Kalender) und habe meine Nase in die Sonne gehalten. Ein Traum. Außerdem habe ich tolle Gespräche mit wirklich spannenden Frauen geführt, die alle einen total anderen Zugang zum Schreiben haben. Unglaublich bereichernd.
Fehlte nur noch die tiefenentspannende Erholung.
Die ist mir nicht geglückt – und das liegt wohl ehrlicherweise nicht daran, dass sie nicht auf der Liste stand (das war selbst mir zu albern), sondern dass meine Seele sich massiv Gehör verschaffen wollte. Und weil das kaum während der Schreibzeit und nur eingeschränkt beim Sport und in Gesprächen ging, hat sie es getan, wenn mein Körper eigentlich schlafen oder entspannt am Strand abhängen wollte.
Es war nicht schön, was sie mir gesagt hat. Nicht schön, aber wichtig, dass ich mal zuhöre. Sie hat mir gesagt, dass es so wie bisher nicht mehr weitergehen kann. Nicht erst in 2027, sondern jetzt!
Daher habe ich als Sofortmaßnahme ein paar harte Entscheidungen getroffen: Der E-Mail-Marketing-Ratgeber kann warten (und zwar ohne Terminhorizont), es müssen keine sechs englischsprachigen Veröffentlichungen in 2026 sein (auch wenn die Übersetzungen alle entsprechend geplant sind), sondern vielleicht reichen vier oder auch nur drei. Auch meinen deutschsprachigen Veröffentlichungsplan für nächstes Jahr habe ich entzerrt (dazu demnächst alle Details).
Im nächsten Schritt will ich meine Erfolgsparameter anpassen. Das ist dringend notwendig, denn idiotischerweise messe ich Erfolg nämlich fast nur monetär – obwohl mich Geld an sich überhaupt nicht interessiert. Dieser Widerspruch wurde mir auch klar und macht mich gerade einigermaßen irre. Bisher habe ich das nie wahrhaben wollen und hätte es weit von mir gewiesen. Vielleicht schaffe ich es bald, andere, weichere Faktoren als Erfolge anzuerkennen? Oder wie Antje es sagte: »Du musst dich auch mal feiern für das, was du alles schaffst!« Ich wünsche mir das sehr.
Zu früh für ein finales Fazit
Ich bin erst seit ein paar Tagen wieder zurück aus Tunesien. Ich vermisse die Sonnenaufgänge am Strand (ein Vorteil, wenn man sehr früh wach ist) und meine kleine Hundefreundin (bitte nicht Scotty verraten). Ich vermisse das unglaublich leckere Essen und die wunderbare und wertschätzende Atmosphäre.
Meine Freundin Susanne sagte, nachdem ich ihr davon erzählte: »Andere Leute buchen sich für diese Erkenntnisse für drei Wochen in ein Schweigekloster ein, du nimmst es bei einem Schreib-Camp mit.« Sie hat recht. Allerdings würde ich wohl nie in ein Schweigekloster gehen (obwohl es mir bestimmt guttäte). Vermutlich hätte ich den Trip auch nicht gebucht, wenn ich vorher gewusst hätte, wie anstrengend er wird. Nicht das Schreiben – das ist mein »Happy Place« und funktioniert zum Glück eigentlich immer, auch in großen Krisen –, sondern die durchaus schmerzhaften Erkenntnisse über mich selbst.
Trotzdem bin ich dankbar, dass ich diese zehn Tage hatte, die mich einmal gründlich auf links gedreht haben. Und dankbar für die sichere Umgebung, die Antje, Carla und Caro geschaffen haben, die nicht nur Schreib-, sondern auch Lebenskrisen auffangen konnte. Und vielleicht werde ich 2026 wiederkommen, wenn ich die Baustellen aufgeräumt habe, die nichts mit Wasserschäden und Schwiegerelternwohnungen zu tun haben, sondern nur mit mir selbst.
Wer mehr über die Meerschreibzeit wissen will, dem empfehle ich die Webseite und/oder das direkte Gespräch mit Antje, Carla und Caro.