Ich will dein Geld (nicht)

6.4.2026
Gegenleistung, Leserbindung, Mäzen, Mäzenatentum, Umfrage, Umfrageergebnis, Unterstützung
Vor zwei Wochen habe ich hier den Text »Kunst brauch Gönner« veröffentlicht und mich in der dazugehörigen Umfrage danach erkundigt, ob ihr grundsätzlich bereit wärt, Autor*innen finanziell zu unterstützen. Ich hatte ehrlich gesagt ein bisschen Bammel davor, den Artikel zu veröffentlichen. Über Geld reden – das fühlt sich in Deutschland ungefähr so bequem an wie Smalltalk beim Zahnarzt. Und dann auch noch fragen, ob jemand mich unterstützen würde? Meine innere Stimme sagte: Mach das, es wird spannend. Und sie hatte recht.
Rund hundert von euch haben sich die Zeit genommen, die Umfrage auszufüllen. Manche haben nur schnell geklickt, andere haben ganze Aufsätze in die Freitextfelder getippt – und genau das macht die Ergebnisse so wertvoll. Also: Schnallt euch an. Scotty liegt bereit auf dem Sofa und guckt erwartungsvoll (er hofft vermutlich auf Leckerlis, nicht auf Statistiken, aber geschenkt).
Die große Überraschung: Ihr seid bereit!
Ich hatte mit Skepsis gerechnet. Was ich bekommen habe, ist ein erstaunlich klares Signal: Rund 80 % von euch sind grundsätzlich offen für die Idee, Kreative finanziell zu unterstützen. Gut ein Drittel sagt sogar direkt »Ja, gerne« – und über 40 % sind unter bestimmten Bedingungen dabei. Weitere 4 % unterstützen bereits heute Kreative finanziell. Nur knapp ein Fünftel lehnt das Ganze für sich ab.
Das hat mich ehrlich umgehauen.
Natürlich muss man dazusagen: Wer eine Umfrage zum Thema »Kunst unterstützen« ausfüllt, hat vermutlich schon eine gewisse Grundsympathie für die Idee. Trotzdem: Diese Zahlen sind ermutigend. Die Medici wären stolz. (Okay, die hätten vermutlich die Neinsager in den Arno geworfen, aber wir leben ja zum Glück in zivilisierteren Zeiten.)
Was ihr dafür erwartet? Erstaunlich wenig.
Die mit Abstand häufigste Antwort auf die Frage nach der Gegenleistung war: keine. Über 40 % von euch haben gesagt, sie möchten einfach die kreative Arbeit unterstützen – ohne Hintergedanken, ohne Erwartung. Das ist ... wow. Das ist echtes Mäzenatentum im besten Sinne. Gaius Cilnius Maecenas hätte seinen Lorbeerkranz gezogen.
Wer sich doch etwas wünscht, träumt vor allem von exklusiven Inhalten: Kurzgeschichten, Bonuskapitel, Behind-the-Scenes-Einblicke – das wünschen sich knapp ein Drittel. Gefolgt von Vorab-Zugang zu neuen Büchern (rund 15 %) und persönlicher Interaktion wie Q&As oder Livestreams (etwa 10 %). Physische Goodies wie signierte Bücher oder Postkarten interessieren rund 8 %. Und bei der Frage nach Mitsprache – also zum Beispiel Abstimmungen über Handlungsstränge oder Figurennamen – zeigt sich ein gesundes Maß an Zurückhaltung: Gerade mal 3 % fanden das reizvoll.
Besonders charmant fand ich den Vorschlag, als Nebenrolle in einem Kirkby-Roman aufzutauchen. Und jemand wünschte sich den »Einschluss ins Nachtgebet«. Letzteres versteht sich natürlich von selbst.
In den Freitextantworten haben viele von euch nochmal betont: »Schreib einfach weiter. Das ist Gegenleistung genug.« Mehrfach lese ich Varianten von »Keine Gegenleistung – Unterstützung muss nicht mit Erwartungen verknüpft sein.« Jemand schrieb sogar: »Etwas zu geben und auf eine Gegenleistung spekulieren, ist armselig. Die Gegenleistung ist schon erbracht, wenn man bei dem Gegenüber Freude erkennen kann.« Das hat mich sehr berührt.
Beim Geld wird’s praktisch
Und das bringt uns zur spannendsten Frage: Wie viel und wie oft?
Die klare Tendenz: Gelegentlich statt regelmäßig. Knapp 40 % bevorzugen Einmalzahlungen – also eher das Trinkgeld-Modell als das Abo-Modell. Wer sich regelmäßige Beiträge vorstellen kann, pendelt sich bei 3 bis 10 Euro monatlich ein: Jeweils rund 18 % können sich 3–5 € oder 5–10 € im Monat vorstellen, weitere 5 % wären mit bis zu 3 € dabei. Ein realistischer Rahmen, der zeigt, dass ihr das Thema nüchtern und praktisch betrachtet.
Bei der Zahlungsform liegt die gelegentliche Einmalzahlung – das »Kaffee ausgeben«-Modell – mit gut einem Viertel knapp vorne. Monatliche Abos und »kommt auf das Angebot an« liegen gleichauf bei je rund einem Fünftel. Etwa jede*r Zehnte bevorzugt eine jährliche Einmalzahlung.
Was die Plattform angeht, ist das Ergebnis glasklar: Über die Hälfte von euch ist die Plattform egal – Hauptsache unkompliziert. Und wer eine Präferenz hat, nennt PayPal oder Direktüberweisung (rund ein Viertel). Steady und Patreon spielen mit zusammen etwa 4 % kaum eine Rolle. Offenbar ist der Weg über spezialisierte Plattformen weniger attraktiv als ein schneller, reibungsloser Zahlungsweg.
Merke ich mir.
Und die persönliche Frage …
Ich geb’s zu: Bei dieser Frage habe ich beim Auswerten am längsten den Atem angehalten. »Könntest du dir vorstellen, MICH zu unterstützen?« Über 55 % haben »Ja, klar!« gesagt. Ich sitze hier gerade mit feuchten Augen und weiß nicht so recht, was ich sagen soll. Das ist einfach nur zauberhaft.
Knapp ein Viertel findet: »Ich kaufe deine Bücher, das ist doch Unterstützung genug.« Und wisst ihr was? Das ist es auch. Absolut. Jeder Buchkauf ist eine Stimme, die sagt: Mach weiter. Das vergesse ich nie. Weitere 6 % wären gegen eine besonders tolle Gegenleistung dabei, und nur 3 % sagen klar Nein.
Was euch antreibt
Die Freitextantworten zu eurer Motivation gehören zum Schönsten, was ich je von meinen Leser*innen bekommen habe. Knapp 60 von euch haben sich die Mühe gemacht, ihre Gedanken in Worte zu fassen – und ich kann hier nicht alle zitieren (obwohl ich das am liebsten würde). Aber ein paar Motive ziehen sich durch wie ein roter Faden:
»Damit es weiter Bücher gibt.« Das war der häufigste Gedanke – in unzähligen Varianten. Ihr seht eure Unterstützung als Investition in zukünftige Geschichten. Nicht als Almosen, nicht als Mitleid, sondern als ganz praktische Aussage: Wir wollen, dass du weiterschreibst. Punkt. Jemand brachte es auf den Punkt: »Ich will Bücher lesen, also müssen die Bücher geschrieben werden. Die Autoren können nur schreiben, wenn der Lebensunterhalt gesichert ist.«
»Etwas zurückgeben.« Viele von euch empfinden Dankbarkeit für die Lesestunden und möchten das honorieren. Jemand schrieb: »Meine Bücher bereichern meine freie Zeit – und Lesen tut mir grundsätzlich gut.« Genau dafür schreibe ich.
»Kreativität braucht Freiheit.« Mehrere von euch haben den Zusammenhang zwischen finanziellem Druck und kreativer Qualität erkannt. Wer ständig auf Verkaufszahlen schielen muss, schreibt anders als jemand, der sich die Geschichte in Ruhe entwickeln lassen kann. Das ist ein Argument, das ich so deutlich noch nie gehört habe – und das mich zum Nachdenken bringt.
»Echte Menschen statt KI.« In mehreren Antworten taucht die Sorge auf, dass menschengemachte Kunst verschwindet, wenn sie sich finanziell nicht mehr lohnt. Ein starkes Statement.
Und dann gibt es die Geschichten, die mich tagelang nicht losgelassen haben. Eine Leserin, die aufgrund körperlicher Einschränkungen kaum reisen kann, beschreibt, wie meine Bücher für sie das Reisen ersetzen. Kirkby ist ihr Schottland. Sie recherchiert die Orte im Internet, baut sich ein inneres Bild auf – und lebt durch die Geschichten, was ihr im echten Leben verwehrt bleibt. Eine andere Leserin schrieb mir, dass sie und ihr Mann beide an Krebs erkrankt sind – und meine Bücher ihr beim Abtauchen aus dem schwierigen Alltag helfen. Solche Nachrichten machen mich demütig und dankbar und sprachlos, alles gleichzeitig.
Und warum nicht?
Genauso wichtig wie die Ja-Stimmen sind die Nein-Stimmen. Ich habe jede einzelne Antwort gelesen, und ich möchte ausdrücklich sagen: Jede davon ist absolut berechtigt.
Der häufigste Grund ist schlicht: Das Geld fehlt. Rentnerinnen, die selbst sparen müssen. Alleinerziehende in Teilzeit. Menschen, die schreiben: »Ich bin froh, wenn ich mir eBooks kaufen kann.« Oder: »Ich muss leider selbst mit jedem Cent rechnen.« Dass diese Menschen trotzdem an meiner Umfrage teilgenommen haben – das allein ist schon eine Form der Unterstützung.
Manche sehen den Buchkauf als ausreichend – und haben damit recht. Eine Vielleserin brachte es pragmatisch auf den Punkt: Bei fünf bis zehn Büchern pro Monat wäre die Frage, welche Autorin zu den Glücklichen gehören würde, kaum zu beantworten – und das Budget für Lesestoff würde darunter leiden. Andere unterstützen bereits andere Projekte: Tierschutz, soziale Einrichtungen, Familie. Es gibt eben nur ein Budget, und Prioritäten sind Prioritäten.
Spannend fand ich die skeptischen Stimmen: Die Sorge, dass finanzielle Unterstützung zu Abhängigkeit führt. Dass Gönner*innen anfangen, Einfluss auf die Geschichten zu nehmen. Dass die Freiheit der Kunst darunter leidet. Ein berechtigter Einwand – und einer, den ich teile. Deshalb vorab: Niemand wird jemals diktieren, was ich schreibe. Nicht mal für eine sehr, sehr großzügige Spende. (Obwohl ich bei einer Nebenrolle in Kirkby möglicherweise verhandlungsbereit bin. Aber nur möglicherweise.)
Und dann war da die Frage, die mich am meisten beschäftigt hat. Mehrere Leser*innen haben sinngemäß geschrieben: »Brauchst du die Unterstützung wirklich? Du bist doch erfolgreich.« Das zeigt mir, dass ich offenbar noch deutlicher kommunizieren muss, wie die wirtschaftliche Realität für Autor*innen tatsächlich aussieht. Denn Spoiler: Ein voller Veröffentlichungskalender und Sichtbarkeit im Netz bedeuten nicht automatisch, dass man davon sorgenfrei leben kann. Vor allem vor dem Hintergrund, dass nach Schätzungen maximal 5% aller Autor*innen allein vom Schreiben leben können. Aber das ist vielleicht Stoff für einen eigenen Artikel.
Was ich aus alldem mitnehme
Wenn ich die Ergebnisse zusammenfasse, ergibt sich ein klares Bild:
Die Bereitschaft ist da. Deutlich größer, als ich gedacht hätte. Vier von fünf Teilnehmenden sind grundsätzlich offen. Die Hemmschwelle liegt nicht beim Wollen, sondern beim Wie.
Unkompliziert muss es sein. Keine komplizierte Plattform-Anmeldung, kein umständliches Bezahlsystem. PayPal, Überweisung, ein einfacher Klick – das ist es, was zählt.
Die meisten wollen keine Gegenleistung. Aber wer sich etwas wünscht, träumt von exklusiven Inhalten und Vorab-Zugang – nicht von Merchandise oder Mitspracherecht.
Gelegentlich schlägt regelmäßig. Das Trinkgeld-Modell scheint attraktiver als das Abo-Modell. Gut zu wissen.
Und die emotionale Verbindung zu meinen Geschichten ist stärker, als ich es je für möglich gehalten hätte.
Wie geht es weiter?
Ich wäre keine gute Geschichtenerzählerin, wenn ich euch jetzt schon das Ende verraten würde. Aber so viel sei gesagt: Eure Antworten haben etwas in Bewegung gesetzt. Ich beschäftige mich gerade intensiv mit der Frage, ob ich den Schritt tatsächlich gehen möchte und meine Fans um (zusätzliche) Unterstützung bitten werde. Ganz richtig fühlt sich das für mich ehrlicherweise (noch) nicht an, aber das ist vielleicht eine Kopfsache. Falls ich es wage, möchte ich auf jeden Fall eine Lösung anbieten, die sich für alle gut anfühlt, und die vor allem eines bleibt: freiwillig.
Kein Druck. Kein schlechtes Gewissen. Sondern eine offene Hand – in beide Richtungen.
Ich halte euch auf dem Laufenden. Und bis dahin mache ich das, was ihr euch am meisten gewünscht habt: weiterschreiben.
Danke. Für jede einzelne Antwort, für jeden ausgefüllten Fragebogen, für jedes Wort in den Freitextfeldern. Und für die Person, die auf die letzte Frage (»Möchtest du mir sonst noch etwas sagen?«) geantwortet hat: »Nein, das war lang genug, oder?« Ja. War es. Und es war perfekt. ❤️