Carin Müller bloggt ...

Operation zweiter Frühling

Backlistpflege mal ganz konkret: Hier geht's um die Neuveröffentlichung von "Gefühlte Wahrheit"

Manche Bücher haben ihre Zeit. Und manche Bücher hatten ihre Zeit noch gar nicht – sie haben nur so getan, als ob. Heute erzähle ich euch die Geschichte eines Romans, der zwölf Jahre lang unter falscher Flagge gesegelt ist. Und der jetzt endlich die Identität bekommt, die er von Anfang an verdient hätte.

Spulen wir zurück. Mai 2014. Ich veröffentliche mein Selfpublishing-Debüt: »Gefühlte Wahrheit«. Ich bin aufgeregt, stolz und felsenfest davon überzeugt, dass die Buchwelt nur darauf gewartet hat. Ich meine, die Geschichte ist verdammt großartig! Und herrlich abgedreht. Ich liebe sie heute noch.

Sportreporterin Selma auf »Strafdienst« auf einem Segelkreuzfahrtschiff, die plötzlich Geister sieht. For real! Einen jungen Schwarzafrikaner im Schweinsteiger-Trikot in Begleitung eines Gorillas (ja, ernsthaft!), der als eine Art überirdischer Pate fungiert. Das Ganze vor dem Hintergrund der Fußball-WM in Brasilien, mit einer wunderbaren Liebesgeschichte mittendrin. Abgedreht, emotional, anders.

Nur: Niemand hat darauf gewartet. Natürlich nicht.

Die Rezensionen waren gut. Die Handvoll Menschen, die das Buch gelesen haben, mochten es. Aber es war eben eine Handvoll. Und ich war ehrlich gesagt ziemlich am Boden. Mein Debüt als Indie-Autorin – und dann das.

Was schief gelaufen ist

Im Nachhinein ist man immer schlauer. Aber in diesem Fall war ich nicht nur im Nachhinein schlauer, sondern hätte es auch schon vorher sein können. Denn die Warnsignale waren da. Ich habe sie nur konsequent ignoriert.

Problem Nummer eins: der Titel. »Gefühlte Wahrheit« – klingt irgendwie nach einem Sachbuch über postfaktische Zeiten, oder? Mehrere Leute haben mir das damals gesagt. Dass der Titel nichtssagend ist. Dass man sich nichts darunter vorstellen kann. Ich fand ihn toll. Ich hörte nicht hin. Story of my life ...

Problem Nummer zwei: das Cover. Die aktuelle Version ist schon die zweite und sie ist durchaus hübsch. Aber sie erzählt nichts über die Geschichte. Wer draufschaut, hat keine Ahnung, was ihn erwartet. Kein Hinweis auf das Übernatürliche, kein Hinweis auf die Kreuzfahrt, kein Hinweis auf den Humor. Einfach nur … hübsch.

Problem Nummer drei – und das ist das eigentliche Kernproblem: das Genre-Branding. Ich habe »Gefühlte Wahrheit« immer als Liebesroman verkauft. Und ja, es gibt eine schöne, herzerwärmende Romanze zwischen Selma und dem Ersten Offizier Henri. Aber es gibt eben auch zwei Geister und eine gehörige Portion Übernatürliches. Das sind keine kleinen Garnierungen am Rand, das sind tragende Elemente der Handlung. Nur wollte ich das 2014 nicht wahrhaben. Paranormale Elemente? Fantasy? Ich doch nicht. Ich schreibe Romance. Punkt. Wie ignorant kann man eigentlich sein?

Der Moment, in dem es Klick gemacht hat

Schnitt. Fast zwölf Jahre später. Ich sitze an »Ordo Draconis«, meiner Drachengeschichte (die ich natürlich auch nie schreiben wollte ...), und arbeite zusammen mit meinem Podcast-Partner Christian parallel an der Fortsetzung von »Appletree Murders«. Beides unter dem Pseudonym C.C. Ravenmiller, beides mit starken Fantasy- und Mystery-Elementen. Und mitten in dieser Arbeit trifft mich die Erkenntnis wie ein verirrter Bludger: Moment mal! Ich habe doch schon viel früher paranormal geschrieben. Ich habe es nur nicht als solches erkannt – oder besser gesagt: nicht erkennen wollen.

»Gefühlte Wahrheit« war nie eine reine Romance. Sie war von Anfang an Urban Fantasy auf hoher See. Ich war nur noch nicht bereit, das zu sehen.

Der Plan

Also mache ich jetzt das, was ich schon vor Jahren hätte tun sollen: Ich gebe diesem Buch die Identität, die ihm zusteht. Komplett. Und zwar so:
Neuer Titel: »Die fünfte Wahrheit — Geister der See«.
Neuer Untertitel: »Ein Urban-Fantasy-Roman auf hoher See«.
Neues Cover, das gerade entsteht und endlich zeigen soll, worum es wirklich geht.
Neues Pseudonym: Das Buch erscheint künftig als C.C. Ravenmiller (Carin Müller schreibt als C.C. Ravenmiller), wo es thematisch viel besser aufgehoben ist.
Am Text selbst werde ich behutsam arbeiten. Die Geschichte spielt eindeutig 2014, sie ist ein Time-Piece mit starken Bezügen zur Fußball-WM in Brasilien, und das soll so bleiben. Aber die Fantasy-Elemente – die Geister, das Übernatürliche, die Magie in der Geschichte – die werden prominenter herausgestellt. Nicht neu erfunden, sondern sichtbar gemacht.

Außerdem bekommt die neue Version ein Vorwort, in dem ich den Hintergrund erkläre. Für die paar hundert Menschen, die vielleicht das Original kennen und sich wundern. Wobei ich ehrlich vermute, dass unter meinem aktuellen C.C. Ravenmiller-Publikum keine einzige Person dabei ist, die »Gefühlte Wahrheit« in der Originalfassung gelesen hat.

Was ich daraus gelernt habe

Backlist-Pflege ist ein Thema, über das ich hier im Blog schon häufiger geschrieben habe. Manchmal bedeutet es, einem Buch ein frisches Cover zu gönnen. Manchmal einen neuen Klappentext. Aber manchmal – und das ist die unbequemste Variante – bedeutet es, sich einzugestehen, dass man das eigene Buch von Anfang an falsch eingeordnet hat. Nicht aus Dummheit, sondern weil man als Autorin an einem bestimmten Punkt einfach noch nicht so weit war. Nun ja, vielleicht auch doch ein bisschen aus Dummheit ... oder nennen wir es: aus Ignoranz! Was irgendwie nicht besser ist.

Ich ärgere mich nicht darüber. Ich sehe es pragmatisch. Vermutlich brauchte ich genau dieses Learning, auch wenn ich es lange nicht wahrhaben wollte. Und vielleicht ist es sogar schöner so: Dass dieses Buch jetzt seinen zweiten Frühling bekommt, weil ich mich als Autorin weiterentwickelt habe. Weil ich durch »Ordo Draconis« und »Appletree Murders« endlich den Mut gefunden habe, das Fantastische in meinen Geschichten auch fantastisch zu nennen.

Im Sommer geht es los. Ich halte euch auf dem Laufenden.

Und falls ihr mehr zum Thema Backlist-Pflege lesen wollt — hier sind meine früheren Texte dazu:

Und sollte jemand die unbändige Lust nach dem Original packen. Noch gibt es »Gefühlte Wahrheit« überall so zu lesen, wie ich die Geschichte vor zwölf Jahren geplant habe.