Carin Müller bloggt ...

Nicht alle Männer, aber immer Männer

Gièsle Pelicots Hymne an das Leben, Collien Fernandes und die aktuelle Kriminalstatistik

Ich muss euch von einem Buch erzählen. Und dann muss ich euch von der Welt erzählen, in der dieses Buch entstanden ist. Spoiler: Es ist dieselbe Welt, in der wir alle leben. Und sie ist beschämend.

Ein Buch, das man hören muss – auch wenn es wehtut

Ich habe in den letzten Tagen »Eine Hymne an das Leben – Die Scham muss die Seite wechseln« von Gisèle Pelicot als Hörbuch gehört. Und ich sage bewusst gehört, nicht gelesen, denn obwohl es die deutsche Übersetzung war und nicht Gisèle Pelicots eigene Stimme – es hat sich angefühlt, als säße diese Frau neben mir und erzählte mir ihr Leben.

Natürlich wusste ich vorher schon, was ihr widerfahren ist. Ich hatte Artikel gelesen, Podcasts gehört, den Prozess in Avignon medial verfolgt. Neun Jahre lang wurde Gisèle Pelicot von ihrem Ehemann Dominique mit Medikamenten betäubt, vergewaltigt und über eine Online-Plattform Dutzenden fremder Männer zur Vergewaltigung angeboten. Über achtzig Männer. In ihrem eigenen Schlafzimmer. Der Mann, mit dem sie fünf Jahrzehnte zusammen war, mit dem sie drei Kinder großgezogen hatte, den sie liebte.

Man kennt die Fakten. Und trotzdem: Als ich das Buch hörte, als ich Gisèle Pelicots eigene Worte aufnahm – diese leisen, sachlichen, poetischen und gleichzeitig so unfassbar kraftvollen Worte –, da hat es mich umgehauen. Nicht weil die Fakten neu gewesen wären, sondern weil sie sie erzählt. Weil plötzlich eine Frau spricht, die nicht nur Opfer ist, sondern ein Mensch mit einer Geschichte, die lange vor dem Grauen begann und die sie sich nicht nehmen lassen will.

Das Buch ist keine Abrechnung. Kein Gerichtsdokument. Es ist die Geschichte einer Frau, die sich weigert, an dem zu zerbrechen, was ihr angetan wurde. Gisèle Pelicot zeigt kein Verständnis für die Taten ihres Mannes – aber sie weigert sich, ihn nur als Monster zu betrachten. Sie will sich an die guten Jahre erinnern dürfen, an die gemeinsame Geschichte, an den Mann, den sie zu kennen glaubte. Nicht als Entschuldigung. Sondern weil es ihr Leben ist und sie sich von niemandem vorschreiben lässt, wie sie damit umzugehen hat.

Dass ihre Kinder das nicht nachvollziehen können, ist absolut verständlich. Insbesondere ihre Tochter Caroline Darian, die selbst befürchtet, vom eigenen Vater missbraucht worden zu sein, und die ein eigenes Buch darüber geschrieben hat. Die Spannung zwischen Mutter und Kindern, die in Gisèle Pelicots Memoiren durchscheint, hat mich fast ebenso berührt wie die Verbrechen selbst. Weil sie zeigt, wie die Taten eines Mannes eine ganze Familie von innen heraus zerstören. Und weil ich beide Seiten verstehen kann – die Mutter, die sich ihr Leben nicht vollständig negieren lassen will, und die Kinder, die nicht begreifen können, wie ihre Mutter überhaupt noch irgendetwas Positives mit diesem Mann verbinden kann.

Das Buch ist großartig. Sensibel. Fast poetisch in seiner Sprache. Und es hat mich zutiefst bewegt. Absolute Leseempfehlung – aber es ist harte Kost. Man muss bereit sein, in Abgründe zu blicken. Gisèle Pelicot führt einen aber auch immer wieder heraus. Denn am Ende ist es tatsächlich das, was der Titel verspricht: eine Hymne an das Leben. An die Entscheidung, weiterzumachen. An den Mut, die Scham dort zu lassen, wo sie hingehört – bei den Tätern.

Die Scham muss die Seite wechseln

Gisèle Pelicot: Eine Hymne an das Leben. Die Scham muss die Seite wechseln. Gemeinsam mit Judith Perrignon. Aus dem Französischen von Patricia Klobusiczky. Piper Verlag, 256 Seiten. Auch als Hörbuch erhältlich.

Der Fall Collien Fernandes: Wenn der Täter neben dir im Bett liegt

Während ich noch mit Gisèle Pelicots Buch beschäftigt war, explodierte in Deutschland ein anderer Fall, der mich fassungslos macht – und der auf erschreckende Weise mit der Geschichte der Pelicots verbunden ist. Nicht in den Details, aber im Muster.

Collien Fernandes, die viele von euch als Moderatorin und Schauspielerin kennen, hat öffentlich gemacht, was ihr eigener Ehemann ihr offenbar jahrelang angetan hat: Er soll über Fake-Profile mit gefälschten pornografischen Inhalten in ihrem Namen mit Dutzenden Männern in Kontakt gestanden haben. Digitale Gewalt, sexualisierte Deepfakes, Identitätsdiebstahl – ausgeübt von dem Mann, der neben ihr schlief.

Die Parallele zu Gisèle Pelicot ist erschreckend. Der Täter ist nicht der Fremde hinter dem Busch. Es ist der Partner. Der Mann, dem man vertraut. Der Vater des eigenen Kindes.

Und was passiert, wenn Collien Fernandes sich wehrt? Sie erhält Morddrohungen. Morddrohungen! Weil sie es wagt, öffentlich zu sagen, was ihr angetan wurde. Im März 2026 musste sie ihre geplante Teilnahme an einer Demonstration gegen sexualisierte Gewalt in Hamburg absagen – aus Sicherheitsgründen. (Sie ist dann doch hingegangen – in schusssicherer Weste!) Auf Instagram teilte sie ein Schwarzweiß-Foto, auf dem ihr Mund mit Klebeband bedeckt ist, und fragte: »Wie sollen denn Frauen künftig den Mut haben, aufzubegehren, wenn das eure Antwort ist – man so mundtot gemacht wird?«

Eine Frage, auf die mir die Antwort fehlt. Und die mich wütend macht.

Denn genau das ist das System: Frauen sollen still sein. Frauen sollen es hinnehmen. Und wenn sie es nicht tun, wenn sie sprechen, wenn sie anklagen, dann werden sie bedroht. Dann wird die Täter-Opfer-Umkehr in Gang gesetzt. Dann wird aus dem Opfer plötzlich die Täterin, die vermeintlich Karriere machen will mit dem eigenen Leid. Es ist zum Kotzen.

Die Zahlen, die sprachlos machen

Als hätte man das alles noch gebraucht, um den Zustand unserer Gesellschaft zu begreifen, wurde am 21. April 2026 die Polizeiliche Kriminalstatistik für das Jahr 2025 vorgestellt. Und die Zahlen sind niederschmetternd.

Die Gesamtkriminalität in Deutschland ist zwar gesunken – um 5,6 Prozent. Klingt erst mal gut. Aber dann die Details: Über 131.000 angezeigte Sexualdelikte. Ein Plus von 2,8 Prozent. Vergewaltigungen, sexuelle Nötigung und besonders schwere sexuelle Übergriffe: 14.454 Fälle. Ein Anstieg um 8,5 Prozent. Seit 2018 ist die Zahl der Vergewaltigungen um rund 72 Prozent gestiegen.

72 Prozent!

Und das sind nur die angezeigten Fälle. Das sogenannte Hellfeld. Laut einer Dunkelfeldstudie werden nur rund fünf Prozent der Partnerschaftsgewalt überhaupt angezeigt. Fünf Prozent! Das bedeutet: Was wir in der Statistik sehen, ist die Spitze eines Eisbergs, der so gewaltig ist, dass man ihn kaum begreifen kann.

Rechnerisch werden in Deutschland jeden Tag mindestens zwei Frauen und Mädchen Opfer eines versuchten oder vollendeten Tötungsdelikts. Jeden. Einzelnen. Tag.

Hamburgs Innensenator Andy Grote brachte es bei der Vorstellung der Statistik auf den Punkt: Unsere Gesellschaft sei gerade für Frauen nicht so sicher, wie sie es sein sollte. Und dann kam der Moment, der gerade viral geht – und der so bitter ist, dass man nicht weiß, ob man lachen oder weinen soll.

Dirk Peglow, der Vorsitzende des Bundes Deutscher Kriminalbeamter, wurde im ZDF Heute Journal von Moderatorin Dunja Hayali gefragt, was er Frauen raten würde. Seine Antwort: »Wenn man nach der statistischen Anzahl geht, besser keine Beziehung mit einem Mann eingehen.« Man hört Dunja Hayali im Hintergrund lachen. Weil es so absurd klingt. Weil es so wahr ist. Weil einem nichts anderes mehr übrig bleibt.

Peglow hat später klargestellt, dass die Aussage »erkennbar zugespitzt« war und kein wörtlicher Rat. Er wollte damit aufräumen mit dem Fehlbild, dass die Gefahr für Frauen vom fremden Mann auf der Straße ausgeht. Die überwältigende Mehrheit der Tatverdächtigen kommt aus dem sozialen Nahfeld – Ehe, Partnerschaft, Familie.

Dort, wo Frauen eigentlich sicher sein sollten.

Die Tatverdächtigen bei Sexualdelikten sind zu 98,6 Prozent männlich.

Und was passiert nach diesem Interview? Dunja Hayali berichtet auf Instagram, dass sowohl sie als auch Peglow Gewaltandrohungen und Gewaltfantasien erhalten haben. Männer, die nicht etwa den Anstieg der Gewalt gegen Frauen beklagen, sondern die Überbringerin der Nachricht bedrohen. Man möchte schreien.

Das Patriarchat ist kein Relikt

Drei Geschichten. Drei Frauen. Eine in Frankreich, deren Ehemann sie neun Jahre lang Fremden zum Vergewaltigen angeboten hat. Eine in Deutschland, deren Ehemann sie offenbar jahrelang digital missbraucht hat. Und eine Moderatorin, die nur ihren Job gemacht und die richtigen Fragen gestellt hat.

Alle drei werden bedroht, beschämt, mundtot gemacht – oder es wird zumindest versucht.

Das ist kein Zufall. Das ist ein System. Das Patriarchat ist kein historisches Relikt aus vergangenen Jahrhunderten. Es sitzt mit am Frühstückstisch, es schläft mit im Ehebett, es moderiert die Kommentarspalten, und es bedroht Frauen, die es wagen, den Mund aufzumachen.

Ich bin seit vielen Jahren mit meinem Mann zusammen. Er ist ein guter Mann. Ich liebe ihn. Und trotzdem ertappe ich mich bei dem Gedanken: Wäre ich nicht schon so lange mit ihm zusammen – ich weiß nicht, ob ich mich heute noch auf einen Mann einlassen würde. Das ist kein Männerhass. Das ist Erschöpfung. Das ist die Müdigkeit, die sich einstellt, wenn man als Frau Jahrgang 1971 nun seit über fünfzig Jahren beobachtet, wie sich die Dinge nicht ändern. Oder schlimmer: wie sie sich verschlechtern.

Gisèle Pelicot hat in ihrem Buch geschrieben, dass es nicht Mut sei, was sie antreibe, sondern Entschlossenheit – und der Wille, diese patriarchale, machistische Gesellschaft zum Besseren zu verändern. Collien Fernandes sagt, sie möchte, dass das aufhört, auch für die Generation ihrer Tochter.

Und ich? Ich sitze hier und schreibe diesen Blogartikel, weil ich nicht schweigen kann. Weil Schweigen Mittäterschaft ist. Weil ich es leid bin, dass wir im Jahr 2026 immer noch darüber diskutieren müssen, ob Frauen ein Recht auf körperliche und seelische Unversehrtheit haben. (Spoiler: Ja, haben sie. Es steht im Grundgesetz.)

Was bleibt

Lest dieses Buch. Hört es. Lasst euch von Gisèle Pelicots Stimme berühren. Nicht weil es leicht ist, sondern weil es wichtig ist. Weil diese Frau etwas geschafft hat, das unbegreiflich erscheint: Sie hat sich geweigert zu zerbrechen. Sie hat sich für die Öffentlichkeit entschieden, damit die Scham die Seite wechselt. Und sie hat sogar den Mut gefunden, wieder zu lieben.

Unterstützt Frauen wie Collien Fernandes, die aufstehen und sagen: Es reicht. Auch wenn der Preis dafür Morddrohungen sind.

Nehmt die Zahlen der Kriminalstatistik ernst. Nicht als abstraktes Politikum, sondern als das, was sie sind: ein Zeugnis menschlichen Leids, das jeden Tag in deutschen Wohnzimmern, Schlafzimmern und Küchen stattfindet.

Und an die Männer da draußen, die bei Peglows Aussage empört aufgeschrien haben: Wenn euer erster Impuls ist, euch angegriffen zu fühlen statt euch über die Zustände aufzuregen, die zu dieser Aussage geführt haben – dann seid ihr Teil des Problems. Die richtige Reaktion auf diese Zahlen ist nicht gekränkte Männlichkeit. Die richtige Reaktion ist Wut. Über die Täter. Über die Strukturen. Über eine Gesellschaft, die Frauen immer noch nicht schützt.

In was für einer Welt leben wir eigentlich?

In einer, die sich ändern muss. Dringend.