Mythos Afternoon Tea

18.5.2026
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Stell dir vor: Du sitzt in einem wunderschönen Hotel in England. Vor dir steht eine dreistöckige Etagere mit zierlichen Sandwiches, warmen Scones und kleinen Kunstwerken aus Zucker und Butter. Die Teekanne dampft. Alles ist genau so, wie du es dir immer vorgestellt hast. Du seufzt glücklich und sagst zu deiner Begleitung: »Ach, ist das nicht herrlich? Ich liebe High Tea!«
Und in diesem Moment zuckt der Kellner kurz zusammen. Unmerklich, aber er tut es.
Denn was du gerade genießt, ist kein High Tea. Es ist ein Afternoon Tea. Und der Unterschied ist ungefähr so groß wie der zwischen einem Candle-Light-Dinner und einer Currywurst an der Imbissbude. Beides hat seine Berechtigung – aber verwechseln sollte man es besser nicht.
High Tea vs. Afternoon Tea: Die große Verwechslung
Fangen wir mit dem Irrtum an, dem fast alle Deutschen (und ehrlich gesagt auch viele Amerikaner, Australier und sogar manche Briten) aufsitzen: »High Tea« klingt nach Hochkultur. Nach erhobenem kleinen Finger und Kronleuchtern. Nach dem Feinsten, was die britische Teekultur zu bieten hat.
Tatsächlich ist es das genaue Gegenteil.
Der High Tea war ursprünglich die Abendmahlzeit der Arbeiterklasse. Nach einem langen Tag in der Fabrik oder auf dem Feld setzte man sich ab fünf, sechs Uhr abends an den hohen Esstisch – den »high table«, daher der Name – und bekam etwas Ordentliches: Fleisch, Fisch, Kartoffeln, Brot, dazu eine Kanne kräftigen Tee. Kein Schnickschnack, kein Porzellan mit Goldrand, sondern handfeste Nahrung. Man würde heute schlicht »Abendessen« dazu sagen. In Teilen Nordenglands und Schottlands sagen die Leute übrigens bis heute »tea«, wenn sie das Abendessen meinen.
Der Afternoon Tea hingegen – das ist die elegante Variante, an die wir alle denken. Die dreistöckige Etagere. Die hauchdünnen Gurkensandwiches. Die Scones mit Clotted Cream. Die ganze himmlische Inszenierung. Er entstand Mitte des 19. Jahrhunderts, als Anna, die Herzogin von Bedford, das Problem hatte, dass zwischen Lunch und dem späten Dinner ein quälend langes Loch klaffte. Ihre Lösung: gegen vier Uhr nachmittags Tee und ein paar Kleinigkeiten im Salon servieren lassen. An einem niedrigen Beistelltisch – einem »low table«. Weshalb der Afternoon Tea auch »Low Tea« genannt wird.
Also merke: Low Tea ist das Feine. High Tea ist das Deftige. Kontraintuitiv, aber so sind die Briten.
Die heilige Dreifaltigkeit: Was auf die Etagere gehört
Ein klassischer Afternoon Tea folgt einer festen Ordnung, serviert auf einer Etagere mit drei Etagen, die man von unten nach oben isst:
Unten: Sandwiches.
Kleine, fingerbreite Sandwiches ohne Kruste. Klassische Füllungen sind Gurke (ja, wirklich nur Gurke mit Butter – und es ist großartig), Lachs mit Frischkäse, Eiersalat mit Kresse und Schinken mit Senf. Sie werden mit den Händen gegessen, nicht mit Besteck.
Mitte: Scones.
Die Stars der Veranstaltung. Warm, leicht krümelig, dazu Clotted Cream und Erdbeermarmelade (oder Konfitüre, falls du es genau nehmen möchtest). Scones werden mit der Hand in zwei Hälften gebrochen – niemals mit dem Messer schneiden! Dann bestreicht man jede Hälfte einzeln mit Cream und Marmelade. Und hier beginnt der große britische Kulturkampf, aber dazu gleich mehr.
Oben: Süßes.
Kleine Törtchen, Eclairs, Macarons, Miniatur-Kuchen – die Patisserie-Etage. Hier toben sich die Küchenchefs der großen Hotels aus, und manche Kreationen sind so kunstvoll, dass man sie eigentlich rahmen müsste statt essen.
Dazu gibt es selbstverständlich Tee. Earl Grey, Darjeeling, Assam oder English Breakfast sind die Klassiker. Manche Häuser bieten eine Auswahl von zwanzig oder mehr Sorten an. Und nein: Man bestellt keinen Kaffee zum Afternoon Tea. Man kann, aber man sollte nicht. Es wäre wie ein Weißbier zum Sushi.
Der Scone-Krieg: Devon gegen Cornwall
Wenn du in England eine angeregte Diskussion auslösen möchtest, musst du nicht über Politik oder Fußball reden. Es reicht eine einzige Frage: Kommt zuerst die Cream oder die Marmelade auf den Scone?
In Devon ist die Antwort glasklar: Erst die Clotted Cream (dick wie Butter auf den Scone gestrichen), dann die Marmelade obendrauf. Die Cream ist die Basis, die Marmelade das Topping.
In Cornwall ist es genau andersherum: Erst die Marmelade, dann ein großzügiger Klecks Cream obendrauf – als krönender Abschluss.
Die verstorbene Queen Elizabeth II hat sich übrigens für die Cornish-Variante entschieden. Das hätte die Debatte eigentlich beenden müssen. Hat es aber nicht. In Devon nimmt man das persönlich.
Die große Mary Berry, Nationalheiligtum und Backkönigin, wurde einmal gefragt, wie sie es halte. Ihre diplomatische Antwort: Das komme darauf an, ob sie gerade in Devon oder Cornwall sei. Richtige Antwort.
Mein Rat: Mach es, wie es dir schmeckt. Aber wenn du in Cornwall bist, leg die Marmelade zuerst drauf. Und in Devon die Cream. Alles andere wäre ein unnötiges Risiko.
Varianten: Von Cream Tea bis Royal Tea
Der volle Afternoon Tea mit der dreistöckigen Etagere ist die Luxusvariante. Es gibt aber auch schlankere Optionen:
Der Cream Tea ist die kleine Schwester: nur Scones mit Clotted Cream und Marmelade plus eine Kanne Tee. Perfekt für einen Nachmittag in einem Tearoom in Cornwall oder Devon, ohne sich gleich in ein mehrstündiges Gelage zu stürzen.
Der Royal Tea hingegen setzt noch einen drauf: Alles wie beim Afternoon Tea, aber mit einem Glas Champagner dazu. Für besondere Anlässe oder für Menschen, die finden, dass Tee allein nicht festlich genug ist.
Die wichtigsten Regeln (und ein paar No-Gos)
Der Afternoon Tea hat eine Etikette, die man kennen sollte – nicht um steif zu sein, sondern um sich wohlzufühlen. Hier die wichtigsten:
Die Tasse.
Man hält sie am Henkel, zwischen Daumen und Zeigefinger, der Mittelfinger stützt von unten. Und nein: Der kleine Finger wird nicht abgespreizt. Das ist ein Mythos, der irgendwann im Film entstanden ist. In Wirklichkeit gilt ein abgespreizter Pinky als affig.
Die Reihenfolge.
Von unten nach oben essen: erst die Sandwiches, dann die Scones, dann das Süße. Manche Häuser servieren die Gänge nacheinander, dann musst du dir keine Gedanken machen.
Die Milch.
Kommt die Milch zuerst in die Tasse oder der Tee? Darüber streiten die Briten seit Generationen. Historisch gesehen goss man die Milch zuerst ein, weil billige Tassen sonst vom heißen Tee gesprungen wären. Wer die Milch zuletzt eingoss, zeigte damit: Ich habe feines Porzellan. Heute kann man es halten, wie man will – aber es ist ein wunderbares Smalltalk-Thema mit Einheimischen.
Absolute No-Gos:
Die Scones mit dem Messer durchschneiden statt mit den Händen brechen. Sprühsahne statt Clotted Cream – das ist in England ein echtes Vergehen. Den Tee im Kreis rühren statt sanft hin und her (kein Strudel, bitte!). Und das Schlimmste: den ganzen Spaß als »High Tea« bezeichnen.
Why I love it
Ich gebe es zu: Ich bin hoffnungslos anglophil. Wer meine Bücher kennt, weiß das. Und der Afternoon Tea ist für mich eine dieser britischen Traditionen, die so viel mehr sind als nur eine Mahlzeit. Es ist eine bewusste Entscheidung, sich Zeit zu nehmen. Sich hinzusetzen, den Nachmittag zu entschleunigen, ein Gespräch zu führen, das länger als drei Minuten dauert. In einer Welt, die immer schneller wird, hat diese Tradition etwas geradezu Revolutionäres.
Also, falls ihr demnächst einmal in Großbritannien seid – oder auch nur an einem verregneten Nachmittag zu Hause eine Kanne guten Tee aufbrüht und euch ein Scone dazu gönnt (notfalls tut es auch ein Brötchen mit Marmelade und einem unverschämt dicken Klecks Sahne): Nehmt euch die Zeit. Genießt es. Und nennt es bloß nicht High Tea.