Sieben Meere, eine Frage: Warum?

11.5.2026
André Wiersig, Beth French, Charlotte Tarnowski, Die Ozeanschwimmerin, Extremschwimmen, Goldmann, Hörbuch, Lesungen, Nathalie Pohl, Ocean's Seven, Ocean's Seven Challenge, Trauer, Trauerbewältigung, Verlust
Am 13. Mai ist es so weit: »Die Ozeanschwimmerin« erscheint als Hardcover bei Goldmann. In den letzten Monaten habe ich hier im Blog über den langen Weg dorthin geschrieben – über »Geduld und Ausdauer« und über die Entstehungsgeschichte. Heute will ich erzählen, worum es in diesem Roman eigentlich geht. Nicht nur auf der Handlungsebene – den Klappentext kennt ihr ja inzwischen –, sondern was mich an den Themen so fasziniert hat, dass ich fünf Jahre nicht davon loslassen konnte.
Eine Challenge, die kaum jemand kennt
Im Zentrum des Romans steht die Ocean’s Seven Challenge: sieben der gefährlichsten Meerengen der Welt durchschwimmen. Vom Ärmelkanal über den Nordkanal zwischen Schottland und Nordirland bis zur Cook Strait in Neuseeland. Und das alles ohne Neoprenanzug – nur in Badebekleidung, Schwimmkappe und Schwimmbrille.
Als mein Mann mich vor einigen Jahren auf einen Podcast über diese Challenge aufmerksam machte, war ich sofort elektrisiert. Nicht weil ich selbst gerne schwimme – ganz im Gegenteil, ich habe riesigen Respekt vor dem offenen Meer –, sondern weil mir die Vorstellung, stundenlang durch eiskaltes Wasser zu kraulen, zwischen Quallen, Haien und meterhohen Wellen, so vollkommen abwegig erschien, dass sich sofort die eine Frage aufdrängte: Warum tut jemand so etwas?
Zu Beginn meiner Recherchen hatten weltweit kaum zwanzig Menschen die Ocean’s Seven bewältigt. Wenn man das mit dem täglichen Stau am Mount Everest vergleicht, eine verschwindend geringe Zahl. Inzwischen sind es laut der Datenbank von Openwaterpedia rund fünfzig – immer noch so wenige, dass man fast jeden einzelnen beim Namen kennt. Unter ihnen der Paderborner André Wiersig, der 2019 als erster Deutscher die Challenge abschloss, und Nathalie Pohl aus Marburg, die 2024 als erste deutsche Frau alle sieben Strecken absolvierte.
Ich habe damals alles verschlungen, was ich finden konnte: André Wiersigs Hörbuch, Berichte von und über die britische Schwimmerin Beth French, die tatsächlich versucht hatte, alle sieben Strecken innerhalb eines Jahres zu schaffen, Blogbeiträge, Artikel, Dokumentationen. Diese Geschichten erzählen von Schmerzen, von endloser Langeweile, von der Auseinandersetzung zwischen Körper und Geist. Aber das Warum erklären sie nicht.
Sophie und ihr Warum
Mir war schnell klar, dass ich einen Roman über die Ocean’s Seven schreiben wollte. Aber ich wusste auch, dass meine Hauptfigur einen nachvollziehbaren Grund braucht, sich das anzutun. Und so ist Sophie entstanden.
Sophie verliert bei einem plötzlichen Unwetter am Loch Lomond ihren Mann Andy, ihren dreizehnjährigen Sohn Nevin und den Familienhund Beaver. Ein Schicksalsschlag, der sie in eine Art emotionale Betäubung stürzt – eine Watte, wie sie es selbst beschreibt, die alles dämpft und ihr die Luft zum Atmen raubt. Das Schwimmen wird für Sophie zum einzigen Ort, an dem sie noch etwas fühlt. Im Wasser ist alles anders. Dort kommt sie ihren Verlorenen nah, dort kann sie ihren Schmerz kanalisieren. Die Ocean’s Seven sind kein sportliches Ziel im klassischen Sinne – sie sind Sophies Art, um ihr Leben zu kämpfen.
Die Frage nach dem Warum zieht sich dabei als roter Faden durch den gesamten Roman. Weder Sophie noch die Menschen um sie herum – ihr Schwager und Teammanager Thomas, ihre Schwägerin Iona, der Kameramann Raffael – können letztlich erklären, was sie antreibt. Und ich finde, das ist ehrlich. Manche Entscheidungen im Leben lassen sich nicht rational begründen.
Mehr als eine Schwimmgeschichte
»Die Ozeanschwimmerin« ist kein Sportlerroman. Ja, es gibt spektakuläre Schwimmszenen – Quallenbegegnungen im Nordkanal, Haie vor Los Angeles, Wale in Hawaii, mörderische Strömungen in der Cook Strait. Aber was mich beim Schreiben am meisten beschäftigt hat, waren die Zwischentöne.
Trauer hat kein Handbuch.
Sophie trauert anders als Iona, die am Grab ihres Zwillingsbruders steht und weint. Sophie trauert anders als ihre Schwester Katharina, die vor allem wütend ist. Der Roman zeigt, dass es kein richtig und kein falsch gibt – und dass die Sprachlosigkeit, die unsere Gesellschaft im Umgang mit Tod und Verlust oft an den Tag legt, mindestens genauso schmerzhaft sein kann wie der Verlust selbst.
Akzeptanz statt Willenskraft.
Sophie entwickelt im Laufe ihrer Reise eine eigene Philosophie: Nicht der eiserne Wille bringt sie durch die Meerengen, sondern radikale Ehrlichkeit sich selbst gegenüber. Schmerz annehmen statt verdrängen. Kälte akzeptieren statt dagegen ankämpfen. Das ist ein Gedanke, der weit über das Schwimmen hinausgeht.
Unsere Ozeane.
Je länger Sophie im Meer unterwegs ist, desto mehr spürt sie, was wir den Ozeanen antun. Nach der Durchquerung des Ärmelkanals sagt sie, es habe sich angefühlt, als schwimme sie durch einen Friedhof – und dass die Scham darüber, Teil des Systems zu sein, das unsere Meere ruiniert, sie tiefer trifft als jede Qualle. Das war keine geplante Botschaft, sondern ist beim Schreiben ganz organisch entstanden. Die Ozeane gehören zu den großen Themen unserer Zeit, und wenn man einen Roman schreibt, in dem eine Frau monatelang durch sie hindurchschwimmt, kann man sie nicht ignorieren.
Familie und Rollenbilder.
Im Hintergrund erzählt der Roman auch von den Spannungen, die entstehen, wenn eine Frau beruflich erfolgreicher ist als ihr Mann. Sophie war Karrierefrau, Andy Teilzeitlehrer und Hausmann. Eine Konstellation, die nicht nur in ihrer Ehe, sondern auch im Familienkreis für Reibung sorgte.
Raffaels Geschichte.
Neben Sophie gibt es noch eine zweite Figur, deren persönliche Geschichte mir besonders am Herzen liegt: der junge Kameramann Raffael, der die Challenge dokumentiert und dabei seine eigene schwierige Vergangenheit aufarbeitet – die Zurückweisung durch seine Mutter, die Suche nach Zugehörigkeit und Akzeptanz.
Ein Roman, der auch mir etwas abverlangt hat
Ich habe im letzten Blogartikel geschrieben, dass ich mich lange nicht getraut habe, diese Geschichte zu schreiben. Das lag nicht daran, dass ich Angst vor der Recherche hatte oder vor der Komplexität des Plots. Sondern daran, dass es wehtut. Sophie ist keine autobiografische Figur, aber ihre Trauer, ihre Wut und ihre zarte, vorsichtige Hoffnung zu schreiben, hat mich emotional mitgenommen wie kein anderes Buch zuvor.
Im Nachwort des Romans schreibe ich, dass ich eine ganze Weile andere Geschichten vorgezogen habe – kuscheligerer, wohlfühliger, leichter zu schreiben und leichter zu lesen. Aber »Die Ozeanschwimmerin« hat mich nie ganz losgelassen. Und letztlich bin ich froh darüber. Denn ich glaube, dass genau diese Geschichten – die unbequemen, die herausfordernden – diejenigen sind, die am längsten nachhallen.
Und nun?
In den kommenden Wochen werde ich ich immer wieder Lesungen geben. Ich freue mich darauf, nicht nur Passagen aus dem Roman vorzulesen, sondern auch mit den Menschen über diese Themen zu sprechen. Über die Ocean’s Seven und die wahnsinnigen Menschen, die sich ihr stellen. Über Trauer und den Umgang mit Verlust. Über die Frage, warum wir manchmal Dinge tun, die sich nicht erklären lassen. Und über unsere Ozeane, die so viel mehr Aufmerksamkeit verdienen.
»Die Ozeanschwimmerin« von Charlotte Tarnowski erscheint am 13. Mai 2026 als Hardcover bei Goldmann. Das Hörbuch gibt es ab dem 11. Mai, das eBook bereits am 1. Mai.