Die verrücktesten Bibliotheken der Welt

26.10.2026
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Vorgestern war der Tag der Bibliotheken. Den gibt es seit 1995, und das Datum ist kein Zufall: Am 24. Oktober 1828 gründete Karl Benjamin Preusker im sächsischen Großenhain eine Schulbibliothek. Vier Jahre später wurde sie erweitert, und seitdem gilt sie als erste deutsche Bürgerbibliothek.
Ich habe Bibliotheken viel zu verdanken. Als Kind saß ich stundenlang über meinem heißgeliebten Walbuch aus der Bibliothek und habe alles über Pottwale und ihre Kämpfe mit Riesenkalmaren gelesen. Heute schreibe ich selbst Bücher, in denen Wale vorkommen. Man sieht also, was so ein Leihausweis anrichten kann.
Zur Feier des Tages habe ich mich auf die Suche nach Bibliotheken gemacht, die nicht durch ihre grandiose Sammlung, ihre schiere Pracht oder andere Superlative glänzen, sondern so verrückt sind, dass es sie eigentlich gar nicht geben dürfte. Hier sind meine fünf Favoriten.
1. Die Bibliothek auf der Grenze
Die Haskell Free Library steht gleichzeitig in zwei Ländern. Martha Stewart Haskell und ihr Sohn Horace ließen sie Anfang des 20. Jahrhunderts ganz bewusst genau auf die Grenze zwischen den USA und Kanada bauen, als Geschenk an die Menschen auf beiden Seiten. Der Eingang liegt in Derby Line im US-Bundesstaat Vermont, die Regale und die Ausleihtheke stehen in Stanstead in der kanadischen Provinz Québec. Im Lesesaal markiert eine schwarze Linie auf dem Boden die Staatsgrenze. Über der Bibliothek liegt ein Opernhaus, in dem die meisten Zuschauer in den USA sitzen, während die Bühne in Kanada steht.
Mehr als hundert Jahre lang konnten Kanadier einfach zum Eingang hinübergehen. 2025 schränkten die US-Behörden diesen kleinen Grenzverkehr ein. Die Bibliothek sammelte daraufhin Spenden für einen eigenen Eingang auf kanadischer Seite. Allein die kanadische Krimiautorin Louise Penny gab 50.000 kanadische Dollar dazu. Seit Juni 2026 ist die neue Tür offen.
2. Die Bibliothek auf acht Hufen
Der Grundschullehrer Luis Soriano aus dem kolumbianischen Ort La Gloria hatte Ende der Neunzigerjahre 70 Bücher und zwei Esel. Die Esel heißen Alfa und Beto, zusammen also Alphabet. Mit ihnen zog er in die abgelegenen Dörfer im Hinterland der Karibikküste und verlieh Bücher an Kinder, die sonst keine hatten. Aus dem »Biblioburro« wurden nach einem Radioaufruf und einer Flut von Spenden 4.800 Bände. 2009 bekam La Gloria dadurch seine erste richtige Bibliothek.
Ganz ungefährlich ist der Job nicht. Einmal stahlen Banditen ein Buch von Paulo Coelho. Und 2012 verlor Soriano nach einem Unfall mit einem seiner Esel ein Bein. Er machte trotzdem weiter.
3. Die Bibliothek mit Nachtschicht
Die Biblioteca Joanina in der portugiesischen Universitätsstadt Coimbra ist ein barocker Prachtbau aus dem frühen 18. Jahrhundert. Ihr wichtigstes Personal arbeitet nachts und kann fliegen. In der Bibliothek lebt eine Fledermauskolonie, und die Tiere fressen die Insekten, die sonst die alten Bücher anknabbern würden. Jeden Abend decken die Angestellten deshalb die Tische mit Lederdecken ab, und jeden Morgen wird erst einmal geputzt. Weltweit gibt es nur noch eine zweite Bibliothek mit solchen Mitarbeitern, sie steht ebenfalls in Portugal.
4. Die Bibliothek, in der niemand lesen darf
Diese hier lässt mich als Autorin nicht los. Die schottische Künstlerin Katie Paterson hat 2014 in einem Wald bei Oslo tausend Bäume pflanzen lassen. Seitdem schreibt jedes Jahr eine Autorin oder ein Autor einen Text für die »Future Library« und gibt ihn ungelesen ab. Die Manuskripte liegen in einem eigenen Raum in der Osloer Stadtbibliothek, jedes in seiner Schublade. Erst 2114 werden alle hundert Texte gedruckt, und zwar auf Papier aus genau diesen Bäumen.
Den Anfang machte Margaret Atwood. Han Kang ist dabei, die deutsche Autorin Judith Schalansky auch, und in diesem Jahr kam die Musikerin Laurie Anderson dazu. Keine von ihnen wird je erfahren, wie ihr Text ankommt. Es gibt keine Rezensionen, keine Verkaufszahlen und keine Leserpost. Ich weiß nicht, ob ich das aushalten würde.
5. Die Bibliothek aus Menschen
In der »Human Library« leiht man keine Bücher aus, sondern Menschen. Die Idee entstand im Jahr 2000 in Kopenhagen und wurde zum ersten Mal auf dem Roskilde-Festival ausprobiert. Die »Bücher« sind Menschen, die Vorurteile und Ausgrenzung erlebt haben. Man leiht sie für ein Gespräch unter vier Augen aus und darf alles fragen, was man sich sonst nicht zu fragen traut. Inzwischen gibt es die Menschenbibliothek in mehr als 85 Ländern.
Und in Kirkby?
Auch Kirkby hat übrigens eine Bibliothek, die es so eigentlich nicht geben dürfte. In »Das Herrenhaus von Kirkby« steht Paul in der Bibliothek von Monroe Manor und stellt fest, sie sei »erstaunlich gut bestückt, wenn auch verheerend kuratiert«. Eine engagierte Bibliothekarin hätte dort die Zeit ihres Lebens. Bewerbungen nehme ich gern entgegen.
Und jetzt ihr: Welche Bibliothek hat euch geprägt? Und wann wart ihr zuletzt in eurer Bücherei um die Ecke? Sie hat vielleicht keine Fledermäuse und keine Staatsgrenze, aber ziemlich sicher ein Buch, das auf euch wartet.