Carin Müller bloggt ...

FBM26: Klassentreffen mit Hai

Frankfurter Buchmesse 2026 - Eindrücke und Erlebnisse

Die Frankfurter Buchmesse ist für mich jedes Jahr ein Klassentreffen. Ich bin inzwischen so lange dabei, dass ich wirklich viele Leute kenne. Dieses Jahr war ich von Mittwoch bis Freitag dort, also vor allem an den Fachbesuchertagen. Ich hatte nur wenige »offizielle« Termine, ansonsten aber zwei Ziele: Kolleg*innen treffen und O-Töne für meinen Podcast »Der literarische Saloon« sammeln. Beides hat bestens geklappt.

Dass ich so entspannt zurückkomme, ist übrigens keine Selbstverständlichkeit. 2023 habe ich irgendwo in Halle 3 meine Stimme verloren (nachzulesen in »BookTok, Audio und KI«), und letztes Jahr war ich nach nur zwei Messetagen noch eine Woche später platt. Diesmal: nichts dergleichen.

Mittwoch in der Sonne

Am allerschönsten war gleich der erste Tag. Am Mittwoch war das Wetter noch so herrlich, dass ich die meiste Zeit mit lieben Menschen auf der Agora in der Sonne sitzen und quatschen konnte. Mehr Programm brauchte es gar nicht. Oder fast nicht, denn natürlich hat mich die Neugier auf das neue Messekonzept schon am ersten Tag auch immer wieder in die Hallen getrieben.

Viel Luft, viele Kilometer

Die Messe hat sich in diesem Jahr neu sortiert. Aussteller, die vor allem untereinander Geschäfte machen, sitzen jetzt in den oberen Hallenebenen, die Publikumsverlage im Erdgeschoss. Ich fand das neue Layout super, weil alles viel luftiger war. Damit bin ich nicht allein: Hanser-Verleger Jo Lendle fasste es mit »Mehr Luft, weniger Stau« zusammen. Der Preis dafür: Man macht echt Kilometer. Zum ersten Mal habe ich bedauert, dass ich auf meinem Smartphone die »Health App« deaktiviert habe. Es hätte mich wirklich interessiert, wie viele Schritte und Kilometer es am Ende bei mir wirklich waren. Gefühlt locker ein Halbmarathon. Pro Tag.

Ein paar Zahlen für die Statistikfans: 236.000 Besucher*innen aus 137 Ländern waren da, etwa so viele wie im Vorjahr. Dazu kamen 4.000 Aussteller und mehr als 3.800 Veranstaltungen. Aus 16 Ländern kamen zum ersten Mal Gäste, zum Beispiel aus Grönland und Namibia. Der Audiobereich hatte so viele Aussteller wie noch nie. Und für Direktor Juergen Boos war es nach 21 Jahren die letzte Buchmesse.

Ein Hai in Böhmen

Ehrengast war Tschechien, und das Motto lautete »Ein Land an der Küste«. Es spielt auf Shakespeares »Wintermärchen« an, in dem Böhmen kurzerhand am Meer liegt. 75 Autorinnen und Autoren waren angereist, und der Pavillon war 2.300 Quadratmeter groß. Statt Stühlen gab es runde, aufblasbare Elemente, auf denen man sitzen konnte. Ein Roboter zeichnete live Comics, und ein »poetischer Leuchtturm« und mehrere Bojen erweckten mithilfe von KI tschechische Literatur zum Leben.

Ich fand den Pavillon toll. Mein persönliches Highlight war allerdings der fliegende Hai, der mir in beeindruckender Größe (ich schätze, er war knapp zwei Meter lang) entgegengeflogen kam. Wenn sich ein Land ohne Küste schon ein Meer ausdenkt, dann bitte auch mit Hai. Großartig!

Drei Preise, ein Favorit und meine Leseliste

Zur Buchmesse gehören die Preise. Drei davon will ich erwähnen.

Den Deutschen Buchpreis hat Shida Bazyar für ihren Roman »Die Lücken« bekommen. Er erzählt fast hundert Jahre deutscher Geschichte anhand einzelner Schicksale, und die Erzählerin ist eine Tote. Dass Bazyar gewinnen würde, hatte ich mir schon gedacht, als sich die Nominierten Ende September im Schauspiel Frankfurt vorgestellt haben. Ich saß mit meiner Kollegin Stina Jensen im Publikum. Nach allem, was ich an dem Abend gehört habe, ist »Die Lücken« zweifellos ein tolles Buch. Ich vermute trotzdem, dass die Entscheidung vor allem eine gesellschaftspolitische war. Vor diesem Hintergrund bin ich natürlich mit dabei – zumal ich Bazyar unglaublich sympathisch finde –, mein persönlicher Favorit wäre jedoch ein anderes Buch gewesen.

Konkret »Schleifen« von Elias Hirschl. Darin geht es um eine junge Frau, die jedes Krankheitssymptom bekommt, von dem sie hört, und die sich mit alten und verlorenen Sprachen dagegen wappnet. Außerdem erfindet sie mit einem nerdigen Team eine Kunstsprache, die superpräzise sein soll, aber vor allem unfassbar komplex und kompliziert ist. Elias Hirschl hat an dem Abend eine Szene vorgelesen, bei der ich mich vor Lachen fast weggeschmissen habe. Ich sage nur: Zwerghamster!

Das Lieblingsbuch der Unabhängigen wählen die unabhängigen Buchhandlungen im ganzen Land. In diesem Jahr ist es »Die Riesinnen« von Hannah Häffner, ein Roman über drei Frauen von den Sechzigerjahren bis heute.

Zum Finale wurde dann auch noch der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels am Messesonntag in der Paulskirche an den Juristen und Autor Philippe Sands vergeben. Doch da war ich schon längst gemütlich auf dem Sofa ... Aber weil wir noch bei Buchpreisen sind: Mitten in die Messewoche platzte die Nachricht aus Stockholm: Der Literaturnobelpreis geht an die Kanadierin Anne Carson, von der ich bis dahin noch nie etwas gehört hatte. Peinlich, oder?

Für mich heißt das vor allem: neuer Lesestoff. Ich pflege ja seit geraumer Zeit eine laufende Challenge mit mir selbst, bei der ich regelmäßig preisgekrönte Bücher lese. Han Kang, Barbara Kingsolver und Samantha Harvey waren schon dran, letzten Herbst auch die Buchpreis- und Lieblingsbuch-Preisträger*innen des Vorjahres (nachzulesen in »Ungarn, Holland, Lusitanien«). »Die Lücken« und »Die Riesinnen« knöpfe ich mir also demnächst vor. Die Riesinnen wollte ich sowieso lesen.

Alte Bekannte und neue Gesichter

Getroffen habe ich viele Kolleginnen, die ich schon lange kenne: Elke Becker, Lilly Hess, Annie Stone, Liv Keen, Jane Hell, Stina Jensen, Jana Lukas, Emily Key, Freya Miles, Vera Nentwich, Julia Stirling – um nur einige zu nennen. Dazu kamen ganz neue Bekanntschaften wie Ayla Dade, eine superliebe und irre erfolgreiche Bestsellerautorin. Von fast allen gibt es O-Töne im Podcast.

Besonders schön war auch die Begegnung mit Markus Sellmann. Er leiht George King in den Hörbüchern von »Highland Crime« seine Stimme, seit dem ersten Fall »Die tote Tänzerin«. Wir haben lange über Hörbücher, KI und echte Emotionen gesprochen und waren uns einig, dass echte Gefühle nur durch echte Stimme transportiert werden können.

Kerstin, der Kirkby-Ultra

Und dann war da noch etwas fürs Herz. Am Donnerstag schrieb mir eine Frau über Instagram, die ich bis dahin für eine Buchbloggerin gehalten hatte. Ob ich am nächsten Tag noch einmal an den Stand von Penguin Random House kommen könne, sie verkaufe dort meine Bücher. Ich war etwas verwirrt, habe aber nicht weiter nachgefragt und nur angekündigt, dass ich vorbeischaue.

Es stellte sich heraus: Kerstin ist keine (klassische) Buchbloggerin, sondern Vertriebsmitarbeiterin im Verlag. Und außerdem der totale Kirkby-Ultra. Das war so schön! Wir haben natürlich Fotos gemacht. Zwar ohne Kirkby, dafür mit »Die Ozeanschwimmerin«.

Daumen drücken erlaubt

Außerdem hatte ich einen sehr erbaulichen Termin mit meiner Verlagslektorin. Es ging um »Die Ozeanschwimmerin«, um das noch noch unbetitelte »Wal-Buch« und um etwas Überraschendes. Mehr verrate ich nicht. Aber ein bisschen Daumendrücken könnte sich lohnen.

Mein Mitbringsel

Gegönnt habe ich mir auch etwas: einen neuen eBook-Reader! Konkret ein Pocketbook, um meine Amazon- und Kindle-Abhängigkeit etwas einzudämmen. Ob wir allerdings Freunde werden, ist Stand heute noch unklar. Bisher ist er störrischer als gedacht. Viel störrischer! Grmpf.

Bis nächstes Jahr

Unterm Strich war es einer der entspanntesten und schönsten Messebesuche seit Langem. Ich freue mich jetzt schon auf nächstes Jahr. Dann findet die Messe vom 6. bis 10. Oktober statt, und Ehrengast ist Chile.