Carin Müller bloggt ...

Kannst du mal kurz ...?

Warum Netzwerken niemals eine Einbahnstraße sein darf und wie machtvoll Bitten sein können.

Jeder kennt sie: Menschen, von denen man ewig nichts hört – bis sie umziehen. Dann klingelt plötzlich das Telefon, und am anderen Ende ist jemand erstaunlich herzlich. »Du, lange nichts gehört! Sag mal, hast du am Samstag schon was vor?«

In kreativen Berufen sieht der Umzugskarton ein bisschen anders aus. Er heißt: »Kannst du mal kurz drüberlesen?« Oder: »Du kennst dich doch mit Verlagen aus …« Oder: »Meine Nichte will auch Autorin werden. Kannst du ihr mal ein paar Tipps geben?«

Kurz ist dabei übrigens nie etwas. »Mal kurz drüberlesen« heißt in Wahrheit: lesen, nachdenken und dann eine Antwort formulieren, die ehrlich ist, ohne jemandem den Tag zu verderben. Böse Absicht steckt selten dahinter. Meistens unterschätzt man einfach, wie viel Zeit und Wissen in so einem »kurz« stecken. Und trotzdem bleibt oft ein schaler Nachgeschmack. Nicht wegen der Bitte, sondern wegen der Funkstille davor. Und danach.

Bitten ist nicht das Problem

Dabei ist das Bitten an sich gar nicht das Problem. Im Gegenteil. Und damit kommen wir zu einem Mann, der heute den Hundert-Dollar-Schein ziert.

1736 wurde der Buchdrucker Benjamin Franklin zum Schriftführer der Abgeordnetenversammlung von Pennsylvania gewählt. Als im Jahr darauf die Wahl erneut anstand, hielt ein neuer Abgeordneter eine lange Rede gegen ihn, um einen anderen Kandidaten durchzubringen. Franklin wurde trotzdem gewählt, aber der Gegner wurmte ihn: ein wohlhabender, gebildeter Mann, der absehbar großen Einfluss bekommen würde.

Sich bei ihm anzubiedern, kam für Franklin nicht infrage. Er hatte aber gehört, dass der Mann ein sehr seltenes und kurioses Buch besaß. Also schrieb er ihm und fragte, ob er es ihm für ein paar Tage leihen würde. Der Mann schickte es sofort. Franklin gab es nach etwa einer Woche zurück, zusammen mit einem zweiten Brief, in dem er sich ausdrücklich bedankte. Beim nächsten Treffen im Parlament sprach ihn der Gegner zum ersten Mal an, und zwar ausgesprochen höflich. Von da an war er bei jeder Gelegenheit hilfsbereit, und die beiden blieben Freunde bis zum Tod des einstigen Gegners.

Franklin sah darin eine alte Weisheit bestätigt: Wer dir einmal einen Gefallen getan hat, tut dir eher noch einen als jemand, dem du selbst einen getan hast.

Irgendwie verrückt und wenig intuitiv, oder?

Heute nennt man das den Ben-Franklin-Effekt. Klingt nach Küchenpsychologie? Die Psychologie hat es nachgeprüft. 1969 ließen Jon Jecker und David Landy Versuchspersonen bei einem Wettbewerb Geld gewinnen. Einen Teil von ihnen bat der Versuchsleiter hinterher persönlich, ihm das Geld zurückzugeben, weil er es selbst brauche. Bei einer zweiten Gruppe sammelte eine Sekretärin das Geld für die knappe Institutskasse wieder ein. Die dritte Gruppe durfte ihren Gewinn behalten. Am sympathischsten fanden den Versuchsleiter ausgerechnet diejenigen, die ihm persönlich ausgeholfen hatten. Am wenigsten mochten ihn die, bei denen die Sekretärin kassiert hatte.

Eine Studie von 2016 mit japanischen und amerikanischen Teilnehmenden liefert eine schöne Erklärung dafür. Wer direkt um Hilfe gebeten wird, mag die fragende Person hinterher lieber und fühlt sich ihr näher. Wer dagegen hilft, ohne gefragt worden zu sein, bei dem tut sich nichts. Die Bitte selbst ist also die Botschaft. Sie sagt: Ich traue dir etwas zu. Ich möchte mit dir zu tun haben.

Und genau deshalb tut das Nur-Bitten so weh. Wer sich ausschließlich meldet, wenn er etwas braucht, macht aus dieser Botschaft eine Lüge. Dann heißt die Bitte nicht mehr »Ich möchte mit dir zu tun haben«, sondern »Ich möchte etwas von dir haben«.

Warum ein Nein so schwerfällt

Eine zweite Studie lege ich allen ans Herz, die gern um Gefallen bitten. 2008 zeigten Francis Flynn und Vanessa Lake in mehreren Experimenten: Wer um Hilfe bittet, unterschätzt um bis zu 50 Prozent, wie viele Menschen Ja sagen. Der Grund: Wer fragt, denkt an den Aufwand für den anderen, aber nicht daran, wie unangenehm es ist, Nein zu sagen.

Im Umkehrschluss heißt das: Hinter manchem Ja steckt kein Wollen, sondern bloß die Scheu vor dem Nein. Wer fragt, hat also mehr Macht, als er glaubt. Und damit auch mehr Verantwortung.

Sechs Regeln fürs faire Bitten

  1. Kontakt pflegen, auch wenn man nichts will: Ein Glückwunsch zum neuen Buch, ein Link, bei dem ihr an jemanden denken musstet, ein »Wie geht’s dir eigentlich?«. Das kostet kaum Zeit und sorgt dafür, dass eine Bitte später nicht aus heiterem Himmel kommt.
  2. Die richtige Person fragen: Nur weil jemand Romane schreibt, ist er noch lange kein Profi für Hochzeitsreden, Bewerbungsschreiben oder Werbeslogans. Wer unsicher ist, fragt vorher: »Ist das überhaupt dein Gebiet?« Allein das ist schon eine faire Geste.
  3. Klare Erwartungen formulieren: »Kurz drüberlesen« kann fünf Minuten bedeuten oder ein ganzes Wochenende. »Es sind zwölf Seiten, mich interessiert vor allem, ob der Anfang neugierig macht. Hättest du bis Monatsende Zeit?« Mit so einer Bitte kann man arbeiten. Und man kann sie ehrlich beantworten.
  4. Ein Nein einplanen: Wir wissen ja jetzt, wie schwer es fällt. Also ist es nur fair, wenn man den Notausgang gleich mit einbaut: »Wenn es gerade nicht passt, ist das völlig in Ordnung.« Dann sollte man es allerdings auch so meinen. Wer auf ein Nein beleidigt reagiert, hat nicht gebeten, sondern gefordert.
  5. Bedanken und Feedback geben: Franklin hat es vorgemacht – Buch zurück, Dankesbrief dazu. Wer geholfen hat, möchte außerdem meistens wissen, was daraus geworden ist. Hat das Exposé einen Verlag gefunden? War die Rückmeldung hilfreich? Diese eine Nachricht hinterher ist oft das schönste Dankeschön.
  6. Gegenleistung – auch unaufgefordert: Eine Rezension, eine Empfehlung, ein geteilter Beitrag. Niemand muss darüber Buch führen, wer wem was schuldet, aber wenn immer nur eine Seite gibt, ist das keine Verbindung mehr, sondern eine Einbahnstraße.

Die besten Bitten sind Einladungen

Ich verdanke meinem Netzwerk eine Menge. Aber wenn ich zurückschaue, sind die schönsten Dinge nicht aus einem »Kannst du mal kurz …?« entstanden, sondern aus Einladungen.

Vor einigen Jahren suchte Rena Fischer jemanden für eine gemeinsame Schottland-Lesung auf der Leipziger Buchmesse und sprach mich in der Facebook-Gruppe von DELIA an. Schnell kamen weitere Kolleginnen dazu. Die Messe fiel dann Corona zum Opfer, aber die Gruppe machte weiter: als Writing Sassenachs. Die ganze Geschichte steht in »Sassenach Seven – Vernetzung mal anders«. Auch wenn die Gruppe heute ganz anders aufgestellt ist, die Verbindung zwischen dem harten Kern der Kolleginnen blieb.

»Appletree Murders« begann als Schnapsidee, die Christian und ich in unserem Podcast »Der literarische Saloon« hatten. Inzwischen gibt es zwei Bände. Wie es dazu kam, habe ich in »Einsam, zweisam – Chaos?« erzählt.

Beides ist nicht entstanden, weil jemand etwas von mir wollte, sondern weil wir etwas miteinander vorhatten. Und wenn mir das Buch einer Kollegin gefällt, erzähle ich es weiter: im Newsletter, im Podcast und hier auf dem Blog, zuletzt beispielsweise im Sommer mit Lilly Labords »Der magische Eiswagen«.

Füttert euren Sauerteig

Ein Netzwerk funktioniert ein bisschen wie Sauerteig: Man muss ihn regelmäßig füttern, auch wenn man gerade gar nicht backen will. Wer ihn nur hervorholt, wenn Brot fällig ist, wundert sich, dass nichts mehr aufgeht.

Deshalb mein Vorschlag für diese Woche: Schreibt einem Menschen, der euch mal geholfen hat. Einfach so. Ohne »Du, sag mal …« am Ende.

Und falls jemand von euch ein sehr seltenes und sehr kurioses Buch im Regal stehen hat: Ich würde es mir gern mal ausleihen. Ich gebe es auch zurück. Nach einer Woche. Mit Dankesbrief. Versprochen!