Carin Müller bloggt ...

Dreich, Tartle und 421 Wörter für Schnee

Scots ist eine fantastische Sprache

Es ist November, es ist grau, und in Schottland hätte man jetzt wenigstens das richtige Wort dafür. Deshalb gibt es heute eine Sonderausgabe von »Sinnloses Wissen«: dreimal Scots, also die Sprache, die neben Englisch und Gälisch in Schottland gesprochen wird. Was das genau ist, kläre ich weiter unten. Erst mal schneit es.

1. Die Schotten haben 421 Wörter für Schnee

Das hat die Universität Glasgow 2015 nachgezählt, als sie für ein neues Wörterbuchprojekt den schottischen Wortschatz nach Themen sortierte. Das Ergebnis waren 421 Wörter rund um den Schnee. Den Inuit sagt man gern 50 nach, und genau diesen Vergleich konnte sich die Uni nicht verkneifen.

Ein paar Kostproben:

  • skelf: eine große Schneeflocke
  • flindrikin: ein leichter Schneeschauer
  • feefle: wenn der Schnee um eine Hausecke wirbelt
  • spitters: kleine, vom Wind getriebene Regentropfen oder Schneeflocken
  • snaw-ghast: eine Erscheinung, die man im Schnee sieht

Mein Favorit ist der Schneegeist. Wer so ein Wort braucht, hat definitiv lange Winter hinter sich.

Noch sinnloser, aber genauso schön: Fürs Murmelspiel fanden die Forschenden 369 Wörter. Das sind mehr als für jede andere Sportart.

2. Das beliebteste Wort der Schotten heißt »dreich«

2019 ließ der Scottish Book Trust zur schottischen Buchwoche über das typischste Scots-Wort abstimmen. Gewonnen hat »dreich«, vor »glaikit«, »scunnered« und »shoogle«.

»Dreich« beschreibt Wetter, das trüb, nasskalt und trostlos ist. Es gibt das Wort seit dem 15. Jahrhundert, und ursprünglich bedeutete es so viel wie öde und ermüdend. Wer je einen schottischen Novembertag erlebt hat, versteht den Zusammenhang.

Für Regen gibt es übrigens noch feinere Abstufungen. »Smirr« ist der feine Sprühregen, den man kaum spürt, bis man feststellt, dass man klatschnass ist. Und »haar« ist der kalte Seenebel, der von der Nordsee hereinzieht.

An dieser Stelle muss ich etwas gestehen. Ich schreibe seit über zwanzig Büchern über das schottische Dorf Kirkby, und »dreich« kommt in keinem einzigen davon vor. Dabei regnet es bei mir wirklich oft. Am Samstag erscheint mein neuer Highland-Krimi »Der Tote im Christbaumhain«, und darin regnet es tagelang ohne Pause. Dreicher geht es kaum. Ich gelobe Besserung.

3. Scots ist kein Gälisch, sondern ein Cousin des Deutschen

Jetzt zur versprochenen Erklärung. In Schottland gibt es zwei eigene Sprachen, und sie haben fast nichts miteinander zu tun.

Gälisch ist eine keltische Sprache. Knapp 70.000 Menschen sprechen sie. Wenn in Kirkby jemand das Glas hebt und »Slàinte mhath« sagt, dann ist das Gälisch.

Scots ist dagegen eine germanische Sprache und eng mit dem Englischen verwandt. Rund anderthalb Millionen Menschen gaben bei der letzten Volkszählung an, es zu sprechen. Seit dem 30. November 2025 sind beide offizielle Sprachen Schottlands.

Weil Scots germanisch ist, kommt uns manches verblüffend bekannt vor:

  • ken heißt kennen oder wissen
  • nicht heißt Nacht
  • licht heißt Licht
  • kirk heißt Kirche

Das »ch« wird dabei gesprochen wie im Deutschen. Der berühmteste Zungenbrecher lautet »It’s a braw bricht moonlicht nicht«, es ist eine herrliche, helle Mondnacht. Angeblich taugt der Satz als Nüchternheitstest im Pub.

Und ja, Kirkby trägt damit selbst ein Scots-Wort im Namen. Immerhin.

Wörter, die uns fehlen

Zum Schluss meine Wunschliste für den deutschen Wortschatz:

  • tartle: das Zögern, wenn man jemanden vorstellen will und einem der Name nicht einfällt. Für diesen Moment auf jeder Buchmesse hätte ich gern ein Wort.
  • coorie: sich einkuscheln, sich an jemanden schmiegen. Ursprünglich hieß es, sich schützend zusammenzukauern.
  • scunnered: restlos bedient sein, die Nase voll haben
  • stravaig: ziellos umherstreifen. Hundebesitzer kennen das.
  • shoogle: wackeln, rütteln
  • glaikit: dümmlich, gedankenlos. Vermutlich nützlicher, als mir lieb ist.

Welches davon würdet ihr sofort einbürgern? Und kennt ihr ein Wort aus einem Dialekt oder einer anderen Sprache, das uns im Deutschen fehlt? Schreibt es mir.

Ich gehe jetzt coorien. Draußen ist es dreich.