Carin Müller bloggt ...

Blutrausch? True-Crime-Fieber!

Was fasziniert mich und viele andere an True-Crime-Podcasts?

Es gibt Dinge, die passen einfach nicht zusammen: Zum Beispiel ich und Gewalt!

Ich bin pazifistisch, ich bin sensibel, ich kann mich schlecht abgrenzen. Blutige Thriller lese ich nicht, Horror im TV macht mich fertig, und selbst ein durchschnittlicher Krimi kann ausreichen, um nachts beim kleinsten Geräusch innerlich schon mal die Notrufnummer zu wählen.

Und trotzdem höre ich True-Crime-Podcasts. Regelmäßig. Aus freien Stücken. Teilweise mit Fällen, bei denen ich mich ernsthaft frage, wie die Menschheit es überhaupt so weit geschafft hat. Menschheit im englischen Sinn von »mankind«, also »Männerheit«, denn die überwiegende Mehrzahl der Täter sind Männer. Doch das ist ein anderes Thema, um das ich mich bei anderer Gelegenheit ausführlich kümmern werde.

Zurück zu den Podcasts: Warum also komme ich mit echten Verbrechen im Ohr klar – aber nicht mit erfundenen im Buch oder auf dem Bildschirm?

Ich habe keine endgültige Erklärung. Aber ich habe inzwischen eine Handvoll Antworten, die zusammen ziemlich gut funktionieren.

Ich höre True Crime nur tagsüber – und das ist kein Zufall

True Crime findet bei mir nicht abends statt. Nie.

Ich höre solche Podcasts fast ausschließlich tagsüber: beim Gassigehen oder in der Mittagspause, also in Situationen, in denen die Welt grundsätzlich »normal« ist. Menschen laufen herum, Autos fahren, Scotty schnüffelt an irgendwas oder pöbelt fröhlich, im Idealfall tut selbst die Sonne so, als wäre alles in Ordnung.

Abends würde ich das nicht wollen. Abends ist mein Nervensystem offenbar dünnhäutiger und meine Fantasie (noch) aktiver. Die Wohnung ist stiller und die Schatten sind länger (und düsterer). Tagsüber dagegen ist True Crime für mich eher… ein Gedankenspaziergang am Abgrund entlang. Mit genug Tageslicht, um nicht reinzufallen.

Keine Bilder – und damit viel weniger Überforderung

Ein Podcast zwingt mir keine Bilder auf. Und das ist vermutlich der wichtigste Unterschied.

Film und TV entscheiden für mich: Licht, Musik, Schnitt, die schlimmste Einstellung genau im schlimmsten Moment. Beim Lesen ist es ähnlich – auch wenn da »nur« mein Hirn die Regie führt. Allerdings ist dieser Regisseur verdammt talentiert und liefert erstklassige Bildqualität im IMAX-Format.

Audio ist anders. Ich höre Worte, ja. Aber mein Kopf malt nicht automatisch alles aus. Oder er malt es weniger brutal. Unschärfer. Weiter weg. Und wenn es mir zu nah kommt, kann ich abbrechen, ohne dass mein Gehirn schon drei Frames gespeichert hat, die sich für immer einbrennen.

True Crime ist für mich ein Rätsel – nicht (nur) Horror

Ich merke bei mir ganz deutlich: Es ist nicht die Gewalt, die mich anzieht. Es ist das Warum und das Wie.

Wie konnte das passieren? Welche Entscheidung war der Kipppunkt? Welche Dynamik hat sich hochgeschaukelt? Wo hat jemand nicht hingesehen – oder nicht ernst genommen, was da schon längst sichtbar war?

True Crime ist (im besten Fall) weniger Splatter und mehr Puzzle. Und mein Gehirn liebt Puzzles. Leider auch dann, wenn die Teile aus Dingen bestehen, die ich im echten Leben nie kennenlernen möchte.

Die psychologische Komponente: Was muss passieren, damit Menschen zu Tätern werden?

Mich fasziniert Verhalten. Menschen. Brüche. Motive. Selbsttäuschung. Manipulation. Alles, was unter der Oberfläche arbeitet.

Und deshalb sind für mich auch Cold Cases spannend – obwohl da am Ende oft kein »Und dann wurde alles gut« oder wenigstens eine Art von Gerechtigkeit steht. Natürlich ist es befriedigend, wenn ein Fall gelöst und ein Urteil gesprochen wird. Aber die eigentliche Sogwirkung entsteht bei mir häufig davor: in der Psychologie, in den Beziehungen, in den Mechanismen.

Was macht jemanden gefährlich? Und (noch unangenehmer): Was macht jemanden verletzlich?

Damit meine ich ausdrücklich nicht Schuld. Sondern Muster. Situationen. Abhängigkeiten. Warnzeichen. Dinge, die man erkennen kann, ohne sich einzureden, man hätte damit irgendeine Garantie gegen das Leben.

Echte Empathie

Ein Punkt, der für mich extrem wichtig ist: die Art, wie (gute) Podcasts erzählen. Dass sie nicht nur Tätern eine Bühne geben, sondern zeigen, dass auch die Opfer Menschen sind und nicht nur »die unglückliche Figur aus dem Fall«.

Seriöse Hosts setzen einen Rahmen. Sie ordnen ein. Sie recherchieren. Sie sind – wenn sie ihren Job gut machen – eine Art moralischer Filter. Sie machen aus dem Fall keine Mutprobe und keinen Gruselporno, sondern eine Geschichte über Menschen: Opfer, Angehörige, Freundeskreise, Ermittler*innen, manchmal auch über Systeme, die versagt haben.

Und ja, auch über Täter. Nicht entschuldigend, aber erklärend. Ich halte das für einen entscheidenden Unterschied zu vielen »echten« Nachrichtenformaten, bei denen ich mich oft fühle wie jemand, der ohne Vorwarnung mit der Nase in den Horror gedrückt wird – inklusive Bilder, inklusive Tempo, inklusive »und jetzt das nächste«.

Dass mich Nachrichten oft so viel mehr belasten als ein gut gemachter Podcast, ist übrigens kein rein persönlicher Spleen: Laut den Deutschland-Ergebnissen des Reuters Institute Digital News Report 2025 vermeiden 71 % der Befragten Nachrichten zumindest gelegentlich – am häufigsten wegen der negativen Wirkung auf die Stimmung (48 %) und wegen zu viel Berichterstattung über Kriege und Konflikte. (Leibniz Institut für Medienforschung)

Das trifft mein Gefühl ziemlich gut: Podcast = sortiert. Nachrichten = Dauerbeschuss.

Eigene Grenzen erkennen

Was mich am meisten überrascht, ist die Tatsache, dass ich bisher kein persönliches No-Go bei True-Crime-Fällen entdeckt habe. Ich habe bislang bei keiner einzigen Geschichte abschalten müssen – jedenfalls dann nicht, wenn sie gut erzählt war (siehe oben). Das ist schräg, oder?

Einerseits halte ich mich für zu sensibel für den Sonntagabend-Tatort und dann stelle ich fest: ich kann doch deutlich mehr ertragen. Jedenfalls wenn die Form stimmt.

Vielleicht ist True Crime für mich auch eine Art vorsichtiges Grenztraining: Nicht im Sinne von abhärten (das klingt nach Betonherz), sondern im Sinne von: »Ich kann hinschauen, ohne zu zerbrechen.« Ich kann meine Reaktion beobachten. Ich kann stoppen. Ich kann weitergehen. Ich kann wieder in den Alltag zurück.

Und ganz ehrlich: Das ist eine ziemlich nützliche Fähigkeit.

Vorbereitung für den Ernstfall?

Ich mag den Gedanken, dass Wissen beruhigen kann. Nicht, weil man damit Kontrolle über alles bekommt (haha), sondern weil es einen Unterschied macht, ob man völlig naiv ist oder zumindest ein bisschen sensibilisiert.

True Crime zeigt oft Muster: Manipulation, Eskalation, Kontrollverhalten, »red flags«, Systemlücken. Das ist keine Garantie gegen irgendwas. Aber es kann das Gefühl geben, weniger unvorbereitet durch die Welt zu laufen.

Vielleicht ist das die pazifistische Version von »Training«: nicht kämpfen lernen – sondern verstehen lernen.

Meine deutschsprachigen True-Crime-Podcasts, die ich regelmäßig höre

  • Verbrechen von nebenan
  • Mord auf Ex
  • Mordlust
  • Mörderische Heimat
  • Darf’s ein bisserl Mord sein
  • ZEIT Verbrechen
  • Stern Crime Spurensuche
  • 12 Leben – Verbrechen an Frauen
  • Gerichtssaal 237

Am Ende bleibt bei mir diese leicht absurde Erkenntnis:

Ich mag mich nicht gruseln. Ich will keine Gewalt sehen. Ich will nicht in dunklen Szenarien baden. Aber ich will verstehen, wie Menschen funktionieren. Ich will, dass Opfer nicht zu Randnotizen werden. Ich will, dass aus Chaos zumindest eine Erzählung wird, die einordnet, statt zu überrollen.

Und anscheinend ist True Crime für mich genau das: ein Blick in die Abgründe – mit Sicherheitsgeländer.