Carin Müller bloggt ...

Eigentlich ...

Wenn das Leben (oder der Tod) seine eigenen Pläne hat

Eigentlich wollte ich hier an dieser Stelle einen süffigen Artikel über Sehnsuchtsorte platzieren. Und nicht irgendwelche, sondern ganz konkret südenglische Locations, die mir entweder privat eine Menge bedeuten oder die Schauplätze von Geschichten sind (eigene und fremde). Zwölf Tage Südengland standen auf der Reiseagenda – inklusive ein seit langem heiß ersehnter Trip zu den Scilly-Inseln. Geschafft haben wir es jedoch nur bis Salisbury (war nie ein erklärter Sehnsuchtsort, ist aber ganz zauberhaft und erfordert dringend weitere Erforschung). Dann kam ein Anruf aus der Heimat, der zwar grundsätzlich nicht wirklich unerwartet war, aber trotzdem überraschend: Meine Schwiegermutter war verstorben.

So ist das mit den Plänen, die man macht. Das Leben hat andere Ideen. Oder in diesem Fall: der Tod. Für meine Schwiegermutter war es nach einem langen, schweren Weg ganz sicher eine Erlösung. Traurig ist es trotzdem. Aus vielen Gründen. Auch weil es uns zwingt, sich mit der eigenen Sterblichkeit auseinanderzusetzen. Und auch damit, was wirklich wichtig ist im Leben.

Zeit ist endlich

Niemand weiß, wie lange er oder sie noch vor sich hat. Krankheiten, Unfälle, Naturkatastrophen, Kriege – nichts davon kann man ausschließen. Alles davon kann uns jederzeit treffen. Ich möchte diesen Planeten idealerweise mit so wenig Reue wie möglich verlassen. Will nicht bedauern müssen, Dinge nicht getan zu haben oder zu viele Sachen gemacht oder Worte ausgesprochen zu haben, die mich oder andere Menschen verletzen. Ich will mir auch nicht vorwerfen müssen, mich zu sehr auf Unwichtiges konzentriert zu haben und das Wichtige aus den Augen verloren zu haben.

Das klingt gut, nicht wahr? Doch in der Praxis ist es gar nicht so einfach, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden. So geht es mir jedenfalls.

Verzeihen können

Was mir hingegen ziemlich leichtfällt: verzeihen. Ich bin überhaupt nicht nachtragend, ich verzeihe schnell und fast alles. Manche Menschen haben mir das schon vorgeworfen, sie halten diese Haltung für naiv oder für mangelnde Selbstachtung. Ich sehe das völlig anders. Für mich ist Verzeihen eine der größten Tugenden überhaupt – und ganz nebenbei macht es mir das Leben auch deutlich leichter. Wer Groll mit sich herumträgt, schleppt schwer. Ich mag niemanden einfach so und ohne Not aus meinem Leben ausschließen, und ich bin dankbar für diese Fähigkeit, nicht lange wütend oder verletzt zu bleiben.

Und doch.

Es gibt eine Handvoll Ausnahmen. Dinge, Länder, Institutionen, die mir einmal wirklich viel bedeutet haben – und bei denen es mir trotzdem nicht mehr gelingt zu verzeihen. Lange habe ich das für einen Widerspruch gehalten und mich gefragt, ob meine Versöhnlichkeit vielleicht doch nur eine Schönwetter-Tugend ist.

Wo es nicht mehr geht

Da ist zum Beispiel der Fußball. Ich war viele Jahre lang ein riesengroßer Fan, wir hatten sogar ein Sky-Abo, damit ich jedes Wochenende Bundesliga gucken konnte, und Stadionbesuche gehörten zu meinen persönlichen Highlights. Sieben Jahre lang habe ich einen ziemlich erfolgreichen Fußballblog betrieben, den ich geliebt und intensiv gepflegt habe. Gewisse Machenschaften stießen mir schon damals auf. Doch als sich die Skandale beim DFB, der UEFA und vor allem in der FIFA so häuften, konnte ich nicht mehr weggucken. Es geht nur ums Geld und um Macht – und um Männer, deren Leben sich um nichts anderes dreht. Bei der WM in Russland war ich schon nicht mehr dabei, Katar war ein Tiefpunkt, und die kommende WM in den USA, Mexiko und Kanada ist nur noch eine Farce, der ich keine Minute meiner Lebenszeit mehr schenken werde. Ähnliches gilt leider auch für den Profi-Männerfußball hierzulande. Nicht, weil ich den Sport nicht mehr liebte – das tue ich, und genau deshalb tut es so weh –, sondern weil ich die Hintergründe nicht mehr ertrage.

Dann die katholische Kirche. Besonders gläubig war ich nie, aber ein treues »Fördermitglied«. Bis es einfach zu viele Skandale wurden. Zu viele starrsinnige, machtbesessene Männer, die an ihren Posten kleben und nicht zugeben wollen, was alles schiefläuft. Bauernopfer gibt es reichlich, an den Strukturen ändert sich nichts. Anfang 2020 bin ich ausgetreten und habe es keine Sekunde bereut – im Gegenteil, es fühlt sich bis heute wie eine Befreiung an. Auch wenn ein kleiner Teil von mir die Sehnsucht nach einer spirituellen Heimat nie ganz losgeworden ist.

Und die USA. Auch eine alte Liebe von mir, Sehnsuchtsorte noch und nöcher. Aber spätestens seit Trumps zweiter Amtszeit geht es nicht mehr. Nicht nur seinetwegen, sondern wegen der vielen Millionen Menschen, die ihn gewählt haben und ihn offenbar immer noch gut finden. Ich weiß nicht, ob ich jemals wieder in dieses Land reisen werde – nicht einmal, wenn Trump irgendwann hoffentlich Geschichte ist. Gefühlt ist da zu viel Geschirr zerbrochen.

Selbst im ganz Kleinen funktioniert dieser Mechanismus. Viele Jahre lang hatten wir einen Lieblings-Italiener in der Nachbarschaft, hervorragendes Essen, herzlicher Service. Bis zweimal Alexander Gauland mit am Tisch saß. Also nicht direkt an unserem natürlich, aber in Sichtweite. Das hat mir so nachhaltig den Appetit verdorben, dass wir nach dem zweiten Mal nicht mehr hingegangen sind. Vielleicht hätte ich es den Wirten erklären sollen, ich weiß es nicht. Aber auch da gibt es für mich kein Zurück.

Kein Widerspruch, sondern eine Entscheidung

Lange habe ich diese harten Trennungen für ein Versagen meiner Verzeihensfähigkeit gehalten. Bis mir auffiel: Es ist gar kein Widerspruch. Denn nichts von alldem, dem ich nicht verzeihen kann, ist ein Mensch, der mir persönlich etwas angetan hätte. Es ist die FIFA, nicht der Nachbar. Es ist eine Institution, kein Gesicht.

Verzeihen heißt, einem Menschen nicht länger böse zu sein, einen Groll loszulassen – und das gelingt mir fast immer. Was ich hier beschreibe, ist etwas völlig anderes. Es ist die Entscheidung, wem oder was ich meine Zeit, mein Geld, meine Aufmerksamkeit und meine Loyalität noch schenke. Das ist kein fehlendes Verzeihen. Das ist Konsequenz.

Und wenn ich genauer hinsehe, ist es immer dasselbe Muster, das mich vertreibt: entrückte, unbelangbare Macht. Männer, die an Geld und Posten kleben, sich Bauernopfer leisten und an den Strukturen lieber nichts ändern. Vielleicht ist das am Ende sogar die Voraussetzung fürs Verzeihen: Gerade weil ich keine Energie an persönlichen Groll verschwende, habe ich den Kopf frei, um zu erkennen, wann ein System genau das verraten hat, was mir wichtig ist.

Eigentlich

Es fällt mir auf, dass fast alles, was ich da verloren habe, einmal ein Sehnsuchtsort war. Die USA sowieso. Die Kirche auf ihre Weise auch. Sogar die Stadien. Man verliert im Lauf eines Lebens eben ein paar Sehnsuchtsorte – das gehört wohl dazu.

Aber die Sehnsucht selbst stirbt nicht. Und manche Orte verraten einen nicht. Eine Insel hängt an keinem korrupten Verband. Das Meer klebt an keinem Posten. Eine Landschaft will keine Macht.

Die Scilly-Inseln werden auch nächstes Jahr noch da sein. Sie freuen sich, da bin ich ganz sicher, auch dann noch auf meinen Besuch. Und dann steht hier an dieser Stelle endlich der Reisebericht, den ich eigentlich schon diesmal schreiben wollte.

Eigentlich. Nur eben verschoben. Nicht abgesagt.