Carin Müller bloggt ...

Die Kunst des Happy Ends

Warum gute Enden alles andere als trivial sind.

Es gibt einen Satz, den ich regelmäßig zu hören bekomme. Nicht wortwörtlich, aber sinngemäß, und immer mit diesem leicht herablassenden Lächeln, das Menschen aufsetzen, wenn sie glauben, höflich zu sein, während sie mir verbal eigentlich gerade ein Messer zwischen die Rippen rammen: »Ach, du schreibst Liebesromane? Mit Happy End? Wie … nett.«

Dieses »nett« ist natürlich kein Kompliment. Es ist ein Diminutiv. Es bedeutet: süß, harmlos, trivial. Es bedeutet: vorhersehbar, anspruchslos, ein bisschen doof. Es bedeutet: nette Beschäftigung, aber natürlich keine richtige Literatur. Die Leute die diese Worte sagen kommen übrigens aus allen Ecken. Es sind Männer und Frauen. Lesende und Nichtlesende. Und natürlich Kolleg*innen aus anderen Genres – die selbstredend über so Dingen wie Liebe, Glück und Hoffnung stehen. Ist klar.

Ich kenne diesen Satz seit über zwanzig Jahren. Und er nervt mich bis heute.

Der Mythos vom trivialen Happy End

Es hält sich hartnäckig, dieses Vorurteil: Ein Buch mit einem guten Ende kann nicht wirklich gut sein. Richtige Literatur, so die unausgesprochene Regel, muss schmerzen. Sie muss verstören, irritieren, am besten ratlos zurücklassen. Wer seine Geschichte zu einem befriedigenden Abschluss bringt, hat sich dem Kommerz verkauft. Wer seine Figuren glücklich entlässt, macht es sich zu einfach.

Was für ein Unsinn.

Ich sage das nicht als beleidigte Autorin, die ihr Genre verteidigt. Ich sage das als jemand, die seit über vierzig Büchern Geschichten erzählt – in ganz unterschiedlichen Genres. Liebesromane, ja. Aber auch Krimis. Fantasy. Und mit »Die Ozeanschwimmerin« einen Roman, den man wohl am ehesten als literarische Fiktion bezeichnen würde. Ich kenne also auch die anderen Seiten.

Und ich kann jedem versichern: Ein gutes Happy End zu schreiben, ist verdammt schwer.

Jeder kann seine Figuren ins Elend stürzen. Das ist keine Kunst. Man lässt jemanden sterben, ein Geheimnis ungelöst, eine Beziehung zerbrechen – und schon gilt man als mutig und literarisch anspruchsvoll. Aber ein Ende zu schreiben, das glaubwürdig ist, das sich verdient anfühlt, das die Lesenden das Buch zuklappen lässt und ein paar Atemzüge lang glücklich macht – dafür muss vorher alles stimmen. Jeder Konflikt muss tief genug sein, jede Figur komplex genug, jede Wendung nachvollziehbar genug, damit das gute Ende nicht wie eine Mogelpackung wirkt.

Ein schlechtes Happy End spürt man sofort. Es fühlt sich hohl an, aufgesetzt, wie eine Schleife auf einer leeren Schachtel. Ein gutes Happy End dagegen fühlt sich unvermeidlich an – als wäre es die einzige logische Konsequenz aus allem, was vorher passiert ist. Und das hinzubekommen, ist alles andere als trivial.

Was wir wirklich suchen

Aber eigentlich geht es mir um etwas anderes. Etwas Größeres als die Frage, ob Liebesromane anspruchsvoll sind.

Es geht um Hoffnung.

Ich glaube, dass sich jeder Mensch nach einem guten Ende sehnt. Nicht unbedingt nach dem klassischen »und sie lebten glücklich bis ans Ende ihrer Tage«. Aber nach einem Moment des Aufatmens. Nach dem Gefühl, dass die Dinge sich zum Guten wenden können. Nach einem Licht am Ende des Tunnels, das kein entgegenkommender Zug ist.

Diese Sehnsucht ist nicht naiv. Sie ist zutiefst menschlich.

Wenn ich meine Highland-Romane schreibe, dann gibt es ein Happy End. Versprochen. Garantiert. Meine Leserinnen wissen das, und genau deshalb vertrauen sie mir ihre Lesezeit an. Sie wissen: Egal wie dunkel es zwischendurch wird, am Ende wird es gut. Das ist kein Betrug an der Leserschaft – das ist ein Versprechen. Und Versprechen zu halten, hat nichts mit Einfachheit zu tun.

In meinen Highland-Crime-Krimis wird der Mörder gefasst. Das ist die Gerechtigkeit, die ein Krimi seinen Lesern schuldet. In meinen Fantasy-Geschichten siegt am Ende nicht unbedingt das Gute, aber es überlebt. Und in »Die Ozeanschwimmerin«? Da gibt es kein klassisches Happy End. Aber es gibt Hoffnung. Und manchmal ist das sogar mehr.

Das Prinzip Hoffnung

Hoffnung ist für mich die größte Triebfeder. Nicht nur für mein Schreiben – da aber ganz besonders –, sondern für alles, was ich tue. Ohne Hoffnung wäre alles sinnlos. Und ich meine das nicht als Kalenderspruch, sondern als ehrliche Überzeugung.

Schaut euch um. Die Welt ist gerade in einem Zustand, der einem den Atem nehmen kann, wenn man zu lange hinschaut. Die politische Landschaft zerfasert. Die Klimakrise verschärft sich. Internationale Konflikte, soziale Spaltung, eine allgemeine Erschöpfung, die sich anfühlt, als hätte jemand am kollektiven Energieregler gedreht. Man könnte verzweifeln. Ehrlich gesagt hätte man dafür sogar gute Gründe.

Aber ich kann das nicht. Ich will das nicht.

Nicht, weil ich die Augen verschließe. Nicht, weil ich naiv bin oder die Probleme nicht sehe. Sondern weil ich glaube, dass Hoffnung eine Entscheidung ist. Eine bewusste, manchmal trotzige, manchmal anstrengende Entscheidung, sich nicht der Resignation zu ergeben. Und Geschichten – gute Geschichten, mit guten Enden – sind ein Teil davon.

Jedes Buch, das uns für ein paar Stunden in eine Welt entführt, in der die Dinge sich fügen können, ist ein kleiner Akt der Rebellion gegen die Hoffnungslosigkeit. Jedes Happy End ist ein Trotzdem. Ein »Schau her, es kann auch anders gehen«. Und das gilt für den Liebesroman genauso wie für den Krimi, in dem Gerechtigkeit siegt, oder den Roman, der uns mit einem leisen, vorsichtigen Hoffnungsschimmer entlässt.

Nett? Von wegen.

Also, wenn mich das nächste Mal jemand auf einer Party fragt, ob ich diese netten kleinen Bücher mit den Happy Ends schreibe, werde ich lächeln. Nicht herablassend. Aufrichtig.

Und dann werde ich sagen: »Ja. Ja, das tue ich. Ich schreibe Bücher, die Menschen am Ende ein paar Atemzüge lang glücklich machen. Bücher, in denen die Liebe gewinnt oder die Gerechtigkeit siegt oder zumindest die Hoffnung überlebt. Und ich bin stolz darauf.«

Denn trivial ist das ganz sicher nicht. Trivial wäre es, die Hoffnung aufzugeben.