Carin Müller bloggt ...

Schreibmythos: Schreib jeden Tag

Was ist dran an diesem Dogma? Für mich persönlich: nicht viel!

Es gibt Sätze, die tauchen in der Schreibbubble zuverlässiger auf als Plot-Twists in romantischen Komödien. Einer davon lautet: SCHREIB! JEDEN!! TAG!!! Sag ihn dreimal laut vor dem Spiegel, und irgendwo erscheint garantiert ein Schreibcoach mit einem Kalender, einer Trinkflasche und einem Blick, der sagt: »Wenn du das nicht machst, willst du es wohl nicht genug.«

Ich übertreibe? Natürlich. Ein bisschen. Aber eben auch nicht viel.

Und bevor wir uns falsch verstehen: Ich will hier nicht die große Abrissbirne schwingen und alles zerlegen, was nach Routine riecht. Ich mag Routinen. Ich mag sogar Disziplin. Ich mag nur keine Dogmen, die so tun, als würden sie für alle gleich funktionieren – egal, wie das echte Leben gerade aussieht.

Was heißt hier eigentlich »schreiben«?

Fangen wir mit einer simplen, aber entscheidenden Frage an: Was ist überhaupt »jeden Tag schreiben«?

Ich schreibe tatsächlich jeden Tag! Mails. Konzepte. WhatsApp-Nachrichten. Blogartikel. Newsletter. Manchmal Einkaufslisten, manchmal Flüche.

Was ich nicht jeden Tag tue, ist: am Manuskript zu arbeiten.

Und genau an dieser Stelle wird aus einem halbwegs nützlichen Satz ein Mythos. Weil »write every day« oft so verkauft wird, als wäre damit automatisch der tägliche Romantext gemeint – als wäre das die einzige Form von »echtem« Schreiben.

Spoiler: Ist es nicht.

Meine Lebensrealität: Ich schreibe projektweise

Ich habe die Regel »Schreib jeden Tag!« nie wirklich ausprobiert – nicht, weil ich zu faul wäre oder »es« zu wenig wollen würde, sondern weil es an meiner Lebensrealität vorbeigeht.

Ich arbeite projektweise.

Will heißen, wenn ich ein Manuskript in Arbeit habe, dann bin ich ziemlich verlässlich. Dann schreibe ich am liebsten jeden Werktag. Nicht weil dann die Muse besonders gerne küsst (haha, darauf warte ich nach 20 Jahren immer noch), sondern aus rein mathematischen Gründen: Ich schaue mir die Deadline an (selbst gesetzt oder vom Verlag), rechne rückwärts und weiß dann ziemlich genau, wann ich starten muss. Außerdem mag ich gerne freie Wochenenden haben.

Mir ist aber auch klar, dass ich dies nur deshalb machen kann, weil Romaneschreiben mein Hauptberuf ist und keine Nebenbeschäftigung. Das sollte man für den weiteren Text natürlich im Hinterkopf behalten.

In diesen Schreibphasen arbeite ich mit einem klaren Ziel: 3.000 Wörter pro Tag. Das ist für mich entspannt machbar – vor allem, weil ich mir Hilfe organisiert habe, die nicht nach »Manifestation« riecht, sondern nach ganz normalem Handwerk: Pomodoro-Sprints (25 Minuten schreiben, 5 Minuten Pause), oft gemeinsam mit Kolleginnen aus meiner WhatsApp-Schreibgruppe. Das ist keine Magie. Es ist einfach nur: dransetzen, Timer an, machen.

Zwischen zwei Büchern sieht die Welt anders aus. Da mache ich andere Dinge. Und ja: Da geht auch mal ein Tag vorbei, an dem kein Romantext entsteht – ohne dass der Himmel herunterfällt oder mein Autorinnen-Ausweis automatisch eingezogen wird.

Der einzig verlässliche Hebel: Deadlines

Ich kann das ganz offen sagen: Ich bin primär durch Abgabetermine zu motivieren. Das ist mein Hebel. Mein Motor. Mein »Los jetzt!«.

Nicht jeder tickt so. Manche schreiben aus purer innerer Notwendigkeit – und das ist wundervoll. Ich schreibe auch aus Lust und Liebe, klar. Aber wenn ich mich für eine Antriebsart entscheiden müsste, dann wäre es: Deadline.

Und vielleicht ist genau das der Punkt, an dem »schreib jeden Tag« so gern als Lösung verkauft wird: Es klingt wie ein Ersatzmotor. Wie ein System, das unabhängig von Stimmung, Alltag und Energie funktioniert.

Tut es nur leider nicht. Zumindest nicht bei allen.

Fairnessmoment: Für Anfänger*innen kann es hilfreich sein

Jetzt kommt der Teil, der nicht so schön bissig ist, aber genauso wichtig: Ich bin nämlich absolut davon überzeugt, dass Routinen – gerade für Schreibanfänger*innen – sehr hilfreich sind.

Nicht, weil man nur durch tägliche Qual ein Buch verdient. Sondern, weil Routine etwas ganz Praktisches tut: Sie senkt die Hemmschwelle.

Wenn du noch am Anfang stehst, kann es sich riesig anfühlen, das Manuskript überhaupt zu öffnen. »Jeden Tag« kann dann bedeuten: Ich setze mich hin. Ich mache es normal. Ich mache es klein.

Das ist sinnvoll. Das ist okay. Das kann sogar genial sein.

Aber: Zwischen »Hilft manchen« und »Muss jeder« liegt ein ganzer Kontinent.

Wo das Dogma schadet

Das Problem mit »Schreib jeden Tag« ist nicht die Idee von Regelmäßigkeit. Das Problem ist der Ton, der oft mitschwingt: streng, moralisch, irgendwie übergriffig. Denn dabei impliziert jeder »ungeschriebene« Tag automatisch unschöne Glaubenssätze.

Wenn du nicht jeden Tag schreibst ...
… bist du nicht diszipliniert genug.
... willst du es nicht wirklich.
… bist du keine richtige Autorin.

Und da sind wir dann nicht mehr beim Schreiben, sondern bei einer kleinen, fiesen Maschine, die zuverlässig Scham produziert.

Außerdem: Das echte Leben ist nicht coach-kompatibel. Menschen haben Jobs, Kinder, pflegebedürftige Eltern, Migräne, Depressionen, volle Kalender, leere Akkus. Oder einfach Tage, an denen man einfach besser mit dem Hund spazieren gehen oder einen Pullover stricken sollte. Zuviel gewaltsame Pflicht führt schneller als einem lieb sein kann in den Burn-out – und da will wirklich niemand rein.

Mein Gegenvorschlag: Projektkontakt statt Tagespflicht

Wenn ich »schreib jeden Tag« neu formulieren dürfte, dann wäre es eher so: Halte Kontakt zu deinem Projekt – so oft, wie es in dein Leben passt.

Kontakt kann vieles sein:

  • 30 Minuten Rohtext
  • 10 Minuten Notizen
  • ein kurzer Plan für die nächste Szene
  • Überarbeiten
  • Recherche (mit gesundem Misstrauen)

Das ist nicht so sexy wie »every day«. Aber es ist realistisch. Und realistisch ist für Autorinnen oft die bessere Superkraft. Ich persönlich halte es auch sehr gerne mit dem Prinzip von Becca Syme. Die Amerikanerin ist zwar auch eine Coachin, aber glücklicherweise wunderbar fern von allen Dogmen. Sie sagt: »Öffne dein Manuskript und stelle dir nur eine Frage: Kann ich den nächsten Satz schreiben? Wenn die Antwort ja lautet, dann schreib diese Satz. Und dann stell dir die Frage erneut ... Lautet die Antwort nein, dann solltest du das Projekt oder deine Tagesform hinterfragen.«

Mir hilft das sehr.

Mini-Toolbox (für alle, die trotzdem Struktur wollen)

Wenn du dich fragst, ob »jeden Tag« für dich taugt, helfen vielleicht diese Fragen:

  • Brauchst du Routine, um überhaupt anzufangen?
  • Hast du einen Rhythmus, der Blockarbeit besser verträgt als Häppchen?
  • Was erzeugt bei dir mehr: Motivation – oder Druck?

Und hier sind drei Modelle, die ohne Dogma funktionieren:

Modell A: Schreiben in Manuskriptphasen (mein Ding): jeden Werktag + Wortziel + Timer. Dazwischen: anderes Leben.

Modell B: 4-von-7 Vier feste Tage pro Woche. Drei Tage frei. Kein schlechtes Gewissen inklusive.

Modell C: Projektkontakt-Minimum. Wenn’s brennt: 10 Minuten Kontakt, egal wie. Nicht um gut zu sein – sondern um warm zu bleiben.

Fazit

Ich glaube an Konstanz. Ich glaube an Handwerk. Ich glaube auch an Routinen – besonders am Anfang. Aber »schreib jeden Tag« als allgemeingültige Vorschrift fürs Manuskript? Für mich ist das ziemlich klar: Bullshit.

Schreib so, dass es zu deinem Leben passt. Und wenn du gerade mitten im Buch steckst: Schreib so, dass du die Deadline nicht mit einem Taschenrechner und einer Panikattacke lösen musst. Wobei ... been there, done that!